Gabys gute Seele

Ich treffe Gaby Hollmann, die ich seit Jahren kenne, nach ihrem Einkauf im Stoffhaus, das seit Montag wieder geöffnet ist – sie schiebt ihr Fahrrad, das mit einem grünen Täschchen am Lenkrad, das an eine Kühltasche erinnert, und einem Bastkörbchen auf dem Gepäckträger ausgestattet ist. Sie begrüßt mich mit den Worten: „Ich brauch‘ Stoff und Gummi – mein Vorrat ist alle.“ Sie stellt das Rad als Abstandshalter zwischen uns, öffnet die Lenkradtasche und gewährt mir einen Einblick. Ich sehe weiße Gummibänder sowie karierte, gestreifte und mit bunten Vögeln bedruckte Stoffstücke – nach gefühlten zehn Sekunden schließt den Taschenreißverschluss in einem Zug, als hätte sie einen wertvollen Schatz, den nicht alle sehen dürfen. „Die Leute stehen Schlange vor dem Laden und kaufen Stoffe, um sich Masken zu nähen“, sagt die 62-Jährige und streicht übers Täschchen.


Seit mehr als zwei Wochen schiebt sie freiwillig Sonderschichten an der eigenen Nähmaschine, um Mund- und Nasenschutzmasken zu nähen. Sie erfüllt auch Sonderwünsche – mit Lieblingsfarbe, Namenszeile oder Logo. Der Supermarkt bekommt einen Einkaufswagen, die Arztpraxis ein Äskulapstab und die Polizei einen Streifenwagen aufgestickt – alles gratis. „Wer etwas spenden will, kann es gerne tun, von den Einnahmen kaufe ich das Zubehör für weitere Masken“, sagt die gelernte Schneiderin. Ihr ehrenamtliches Engagement hat Kreise gezogen – inzwischen helfen zwei Freundinnen und gemeinsam hat das Trio bisher knapp 800 Maskenwünsche erfüllt. „Das Interesse ist riesig. Die Menschen rufen an, melden sich über die sozialen Medien und geben ihre Bestellungen durch. Alle rechnen mit einer Maskenpflicht für NRW“, sagt Hollmann.


Bis Mittwoch, 22. April, soll die Stückzahl von 1000 erreicht werden – denn an diesem Tag hat Gaby Hollmann Geburtstag. Sie wolle dann eine kurze Pause einlegen und den Tag nutzen, um sich an ihren verstorbenen Sohn Kai zu erinnern, der Ende 2018 im Alter von 38 Jahren den Kampf gegen die Leukämie verloren habe. „Wenn ich den Menschen davon erzähle, verdrehen einige schon die Augen und auch in meinen Ohren klingt das eher depressiv“, sagt die Detmolderin und muss lächeln. Doch für sie sei dieser Tag ein ganz besonderer und auch gar nicht traurig – sie besuche Orte, an denen sie „Sternenmomente“ mit Kai erlebt habe. Dazu gehöre das Hermannsdenkmal sowie das Naturschutzgebiet am Donoperteich.
Kurz nach seiner Geburt hätten die Ärzte bei ihrem Sohn eine geistige Behinderung festgestellt, da sich die Nabelschnur bei der Entbindung um seinen Hals gewickelt und ihm die Luft abgeschnürt habe.


Doch bereits vor Kais Geburt sei nicht alles reibungslos verlaufen: Sie habe sich von seinem Vater getrennt, sei umgezogen und viele andere Probleme hätten ihr den Schlaf geraubt. „Ich wusste noch nicht mal, dass ich schwanger bin und war wirklich geschockt, als der Arzt sagte, dass ich bereits im fünften Monat schwanger bin“, erinnert sich die Detmolderin, die noch zwei Söhne habe.


Als sie mit Kai das Krankenhaus verlassen habe, sei ihr bewusst gewesen, dass er jeden Tag ihre Unterstützung und Zuneigung brauchen werde. „Er war keine Belastung, sondern eine absolute Bereicherung für mich“, sagt sie. Alles sei super gelaufen bis zum Oktober 2018. Plötzlich habe „Kaichen“ über einen Bluterguss am Schienbein geklagt. „Ich habe es erst gar nicht so ernst genommen, dann bin ich trotzdem mit ihm zum Arzt. Nach einigen Untersuchungen hatten wir dann die niederschmetternde Diagnose Leukämie“, erinnert sich die 62-Jährige.
In den folgenden Tagen und Wochen habe sich Kais gesundheitlicher Zustand zunehmend verschlechtert. „Er hat sich sogar klaglos Spritzen geben lassen, obwohl er so viel Angst davor hatte. Ihm sind die Tränen geflossen, aber er hat nicht gejammert“, erinnert sie sich mit Tränen in den Augen. Sie senkt den Blick und lehnt mein Taschentuchangebot kopfschüttelnd ab. Der Krebs habe ihm sehr zugesetzt – am Ende habe er nur noch knapp 40 Kilo gewogen.

Am 17. Dezember sei sie früh aufgestanden, um Frühstück zu machen. Sie habe Kai einen wunderschönen Morgen gewünscht, ihm gesagt, wie sehr sie ihn liebe – er habe aus dem Bett gewunken. Sie sei dann in die Küche. „Nach einigen Minuten habe ich nach ihm gerufen. Als ich nichts gehört habe, bin ich ins Zimmer“, sagt sie – ihre Stimme bricht. Sie habe seinen leblosen Körper im Bett vorgefunden, ihn geschüttelt, ihn geküsst, doch Kai sei friedlich in ihren Armen für immer eingeschlafen. Sie hadere nicht, sie habe mit Hilfe vieler Ärzte und Einrichtungen schöne Jahre mit Kai verbracht. „Aber Kinder sollten nicht vor ihren Eltern von dieser Welt gehen“, sagt sie.


Das Maskennähen und die vielen anderen ehrenamtlichen Arbeiten in der Kirchengemeinde seien ein großes Trostpflaster, damit Trauer und Schmerz nicht einen zu großen Raum in ihrem Leben einnehmen. Sie vermisse ihren Sohn sehr. „Ich glaube er sitzt jetzt auf einer Wolke und ist stolz auf seine Mutter.“ Sie blickt mit einem Lächeln in den strahlend-blauen Himmel. Dann wandern ihre Augen zur Armbanduhr: „So spät schon, die anderen warten.“ Sie steigt aufs Rad und fährt davon.

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