Der Tod ohne Religion

Das Coronavirus kennt keine Grenzen und Konfessionen – Christen, Juden, Muslime und alle anderen Menschen rund um den Globus, die an irgendwen oder irgendwas glauben, leiden, weinen und trauern um Angehörige, denen sie teils nicht einmal die letzte Ehre erweisen können.Ich treffe meinen türkischen Freund Esin in der Warteschlange vor einem Detmolder Supermarkt. Wir begrüßen uns über drei Köpfe hinweg mit einem „Selam“. Er steht vor mir in der Reihe und ruft, ob wir nach dem Einkauf noch einen Kaffee trinken wollen? Ich nicke und erinnere mich daran, dass er beim letzten Treffen viel kräftiger war. Wir verabreden uns beim Supermarkt-Bäcker.Nach 20 Minuten ist meine Papiertüte mit Äpfeln, Orangen sowie etwas Bergkäse und einer Packung Nuss-Mix gefüllt. Ich bin an der Kasse und Esin wartet schon vor der Bäckerei. Seine Hände sind tief in den Hosentaschen der Jeans vergraben. „Ich habe nichts gefunden“, antwortet er auf meine nicht gestellte Frage.

Angehörigen können Mutter nicht beerdigen

Er trägt eine blaue Bomberjacke, darunter einen schwarzen Rollkragenpullover, seine Augen sind blutunterlaufen. Bevor ich nach seinem Gemütszustand fragen kann, tritt er einen Schritt an mich heran, beugt sich vor und flüstert: „Meine Mutter ist Sonntag gestorben und wir können sie nicht mal beerdigen.“ Bevor ich den Satz verarbeiten kann, fragt die Verkäuferin: „Was kann ich für Sie tun?“ Ich antworte stotternd: „Zwei, zwei Kaffee, bitte.“ Meine Blicke sind bei Esin. „Mit Milch und Zucker?“, fragt sie. „Schwarz”, antworte ich. Ich zahle, Esin nimmt die Pappbecher. Draußen suchen wir uns schweigend eine Parkbank. Jeder setzt sich an ein Ende der Sitzgelegenheit, die Sonne strahlt. Ich stelle die Papiertüte auf den Boden und greife nach dem Kaffeebecher, den er mir reicht.Ich sage, dass es mir sehr leid tut. Er antwortet: „Danke, Bruder.“ An die Ansprache „Bruder“ muss ich mich erst mal gewöhnen, die Bezeichnung nutzte immer meine jüngere Schwester, wenn sie sich bei unseren Eltern über mich beklagte und dabei meinen Namen nicht in den Mund nehmen wollte. Nach dem Ausflug in die eigene Vergangenheit höre ich Esin erzählen, dass seine Mutter seit vier Tagen bei einem islamischen Bestatter in Hannover untergebracht sei, der auch den ganzen Papierkram für die Überführung in ihr türkisches Heimatdorf erledige. Der Bestatter habe auch klipp und klar erklärt, dass die Angehörigen aus Lippe und anderen Teilen der Bundesrepublik nicht zur Beerdigung an den Bosporus reisen könnten – wegen Corona.

Kein letztes Streicheln, kein Stirnkuss

„Sie hat 78 Jahre die Welt erleuchtet und jetzt können sich die Kinder und Enkel noch nicht mal ordentlich verabschieden“, sagt Esin. Kein letztes Streicheln, kein Stirnkuss und sogar die rituelle Waschung stehe wegen der Pandemie in Frage. „So etwas ist doch ungerecht. Gott kann doch so etwas nicht wollen“, sagt er mit gesenktem Haupt. Den Kaffeebecher hat er zwischen seine Hände gedrückt. Ich versuche ihn mit meinen Blicken zu trösten, doch ich sehe nur seine Tränen, die auf den Sandboden fallen und dunkle, kreisförmige Spuren hinterlassen. „Während des langen Kampfes gegen den Krebs hat sie immer wieder betont, dass sie unbedingt in der Türkei neben ihren Eltern begraben werden will und ich weiß nicht, ob wir ihr diesen letzten Wunsch erfüllen können“, sagt er. Er finde es unerträglich, dass die Mutter die letzte Reise,im Frachtraum eines Fliegers, ohne ihre Liebsten antreten müsse. In Istanbul sollte sie von Verwandten abgeholt werden. Doch da gehe auch niemand aus dem Haus. Er und seine vier Geschwister seien hilf- und ratlos. „Ich habe allein heute zehn Mal beim Bestatter anrufen, der vertröstet mich nur, verspricht nichts und will mich anrufen“ sagt Esin. Ich bringe nur ein: „Es tut mir wirklich sehr leid“ über die Lippen und werfe ihm eine Packung Taschentücher rüber. Er antwortet: „Danke, Bruder.“ Und ich muss wieder an meine Schwester denken, wie sie tobt und schreit.

Nachbarn trauern mit Esin

Sein Handy klingelt – „es ist der Bestatter“, sagt er. Ich will aufstehen und gehen, doch Esin fasst mir an den Oberschenkel, drückt mich wieder auf die Bank und rückt wieder ans andere Ende. Ich lehne mich zurück und nehme einen Schluck kalten Kaffee. Er schaltet den Lautsprecher seines Handys ein. Die Männerstimme stellt sich als Bestatter Amad vor. Er bestätigt die Überführung der Mutter am Samstag. Amad fragt, wer den Leichnam in Istanbul abhole? Esin antwortet, alle Verwandten hätten abgelehnt. Amad bietet gegen 300 Euro Aufpreis einen Leichentransport ins knapp 200 Kilometer entfernte Dorf an. „Und wer soll sie dort beerdigen?“, fragt Esin. „Entweder kümmert sich dann der Dorfvorsteher oder die Mitarbeiter der Spedition können das auch gleich übernehmen – natürlich gegen Aufpreis“, antwortet Amad. Esin atmet tief durch, lehnt sich zurück und massiert seinen Schläfen. „Ich rufe den Dorfvorsteher an“, seufzt er. Amad will trösten und duzt ihn: „Sei nicht traurig, dass Du deine Mutter auf ihrem letzten Weg nicht begleiten darfst. Jetzt starten noch Flugzeuge in Richtung Istanbul und auch die Waschung ist noch erlaubt, wenn eine ärztliche Erlaubnis vorliegt, doch in 24 Stunden kann alles anders sein.“ Esin bedankt sich und legt auf. Wir schweigen, die Sonne wärmt und ich nehme den letzten Schluck Kaffee – ich suche nach Worten, um den Abschied vorzubereiten. Finde keine und greife nach der Papiertüte. Dann blickt Esin zu mir: „Weißt Du Bruder, es gab auch rührende Momente nachdem sich meine Mutter auf den Weg ins Paradies gemacht hat.“ Viele deutsche, russische und afrikanische Nachbarn hätten „Mitgefühlskarten“ vor die Tür gelegt, in den Briefkasten geworfen und lautstark über die Straße viel Kraft gewünscht. Sogar eine Frau aus der Kirchengemeinde habe bei ihm angerufen und Hilfe angeboten. „Ich bin sehr gerührt über so viel Anteilnahme. Meiner Mutter hätte das sehr gefallen“, sagt er mit einem Lächeln. Er steht auf, greift nach meinem leeren Pappbecher und legt seine freie Hand auf meine Schulter: „Ich muss jetzt den Dorfvorsteher anrufen. Vielen Dank für deine Geduld und dein Herz, Bruder.“ Er geht. Ich bleibe sitzen, hol’ mein Handy raus und rufe meine Schwester an.
Foto: Pixabay

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