Die Ausgegrenzten

Er stellt sich als Jochen vor, streckt mir die Innenfläche seiner linken Hand entgegen und bittet um etwas Kleingeld – über seine rissigen Fingerkuppen ragen schmutzige Nägel. Schweigend trete ich einen Schritt zurück und krame in meiner Hosentasche nach Münzen. Jochen blickt mich mit glasigen Augen an, der Schorf an seinen Mundwinkeln hat sich teilweise gelöst und mit der rechten Hand fährt er durch seine schulterlangen, klebrigen Haare.


Ich hole alles Kleingeld aus meiner Tasche – es sind 1,73 Euro. „Mehr habe ich leider nicht“, sage ich schulterzuckend. Er bedankt sich und sagt, dass es für eine Cola und etwas Hundefutter für Axel reiche – und deutet mit seinem Zeigefinger in Richtung des Schäferhundes, der am Eingang des Parkhauses „Lustgarten“ angeleint bellt. Der Vierbeiner wird regelmäßig von einer weiblichen Stimme zur Ruhe ermahnt – doch ohne Erfolg. „Er hört nur auf mich und seit Wochen fehlt ihm der Auslauf in gewohnter Umgebung“, sagt Jochen, dreht sich um und blickt in Richtung des benachbarten „Gorkiparks“ – dem Treffpunkt der Detmolder Drogenszene.

Den Namen habe der Grünstreifen in der Detmolder Innenstadt von der Polizei verpasst bekommen, weil sich dort angeblich viele russischstämmige Junkies aufhielten. „Inzwischen ist der Kreis international. Ich bin seit Jahren dort“, sagt Jochen.

Nach dem Versammlungsverbot sei „Gorki“ mehr als drei Wochen gesperrt gewesen, doch ein paar Zäune und rot-weißes Flatterband hätten die Besucher nicht vom „Alltag“ in gewohntem Umfeld abgehalten. Nach dem Verbot habe sich die Szene im benachbarten Parkhaus breitgemacht und fast stündlich Besuch von Ordnungsamt und Polizei bekommen, weil das Denunziantentum in Coronazeiten wieder in Mode sei. Die aufwendigen Kontrollen seien den Ordnungshütern wahrscheinlich zu stressig geworden, daher sei „Gorki“ wieder eröffnet worden, vermutet Jochen und steckt sich die Münzen in die hintere Jeanstasche.

Plötzlich öffnet sich die silberfarbenen Tür der öffentlichen Toilette, die direkt am Parkhaus liegt. Barfuß tritt ein Mittdreißiger ins Sonnenlicht, seine blaue Jogginghose ist an beiden Beinen bis zu den Knien hochgekrempelt und stellt sich neben Jochen: „Oleg, ich mach‘ mich in die Sonne“, sagt er. „Mach das, aber vergiss deine Schuhe nicht“, antwortet Jochen, der auf einmal Oleg genannt wird. Der Mittdreißiger nickt – geht zurück, öffnet die Klotür und kommt mit blau-weiß gestreiften Badelatschen heraus, die an seinem Zeige- und Mittelfinger baumeln. Er geht rüber in den „Gorkipark“ wirft die Schlappen neben den Holzunterstand und legt seinen mageren Körper auf ein sonnenüberflutetes Rasenstück. „Der schläft jetzt erst mal“, sagt Jochen oder Oleg.

„Oleg ist mein russischer Name. Als wir vor knapp 40 Jahren aus Kasachstan nach Deutschland gekommen sind, haben meine Eltern mich in Jochen umbenannt – damals war ich 13“, erzählt er. Die ersten neun Monate habe er in einer Aussiedler-Unterkunft verbracht. „Es war Horror. Elf Leute in einem Zimmer, Dreck, dünne Wände – so hatte ich mir das Leben im deutschen Paradies nicht vorgestellt“, sagt er und setzt sich auf einen Stein am Straßenrand – er deutet mit seiner vernarbten Hand auf die benachbarte Sitzgelegenheit – ein schwarzer Poller – ich nehme Platz.
Er fragt mich woher ich den kommen würde, da er an mir die blonden Haare und blauen Augen vermisse – ich antworte, dass meine Eltern aus der Türkei stammen, ich seit meinem zweiten Lebensjahr in Deutschland lebe und acht weitere Geschwister habe. „Hey, ich auch“, lächelt er und gibt den Blick auf zwei Zahnlücken im Unterkiefer frei. Inzwischen sei sein Kontakt zu den vier Brüdern und Schwestern eingeschlafen – doch als sie nach Deutschland gekommen seien, hätten sie zusammengestanden aus Angst ausgelacht oder ausgeschlossen zu werden. „In dem Übergangsheim standen die Sozialarbeiter in Konkurrenz zu den Seelenfängern, die uns schnelles Glück durch Drogen und Diebstahl versprachen“, sagt er. Damals habe er mit dem Kiffen begonnen, sein Vater habe ihn einmal erwischt und mit dem Gürtel verprügelt – er krempelt den Ärmel seines Hemdes hoch und zeigt auf die riesige Narbe am Unterarm. „Ich habe mein Gesicht geschützt“, sagt er.

Dann sei die Familie zu Verwandten nach Lippe gezogen. Er habe sogar Abitur gemacht und mal BWL in Paderborn studiert. Doch er habe es nicht geschafft, weil er sich immer am Boden eines Landes gefühlt habe, in der ein neues, besseres Leben für ihn beginnen sollte. Besser als jenes, das er und seine Familie zurückgelassen hatten, in Kasachstan. Wo Nachbarn, Mitschüler und Lehrer sie daran erinnerten, dass sie „Deutsche“ sind. „Es klang wie ausgespuckt“, erinnert er sich. Und als die Sowjetunion zerfiel, sei die Großfamilie in einen Flieger in Richtung Westen eingestiegen und habe alles zurückgelassen. „Doch in der fremden Heimat, in der wir landeten, erinnerten uns die Menschen daran, dass wir Russen sind.“ Sein Vater habe immer wieder und überall betont, dass er Deutscher und kein Migrant sei, und immer daran geglaubt, dass seine Kinder nur die Sprache lernen, nur Ausbildungsplätze finden müssten, um Anerkennung in der neuen Heimat zu bekommen. Doch irgendwann – nach 15 oder 20 Jahren – habe er seine Naivität bemerkt und gesagt: „Wir wurden als Deutsche geholt, aber nie so behandelt.“ Er habe oft bei Wodka am Küchentisch gesessen und sich nach der alten Heimat gesehnt. „Er wollte nicht zurück, aber manchmal wollte er auch nicht hier bleiben. So geht es mir auch manchmal“, sagt er leise, beugt sich nach vorne und zupft das Unkraut zwischen dem Kopfsteinpflaster.

„Wie ging es deinem Vater?“, fragt er mich. Ich bin überrascht von der Frage und muss kurz überlegen. „Mein Vater war so verliebt in dieses Land, er wollte unbedingt, dass wir zur Schule und Uni gehen, weil er nie diese Möglichkeiten hatte. Und meiner jüngsten Schwester, die als einzige in Deutschland auf die Welt kam, hat er sogar einen deutschen Namen gegeben, trotz großen Ärgers mit den türkischen Behörden“, sage ich.

„Krass – bei den Russen sind die deutschen Namen ein Zugeständnis an die neue Heimat.

Meine Eltern haben mich einfach Jochen gennant, weil irgendein ein Onkel mal so hieß“, sagt er. Sein neuer Pass sage ihm, dass er Deutscher sei, aber wenn er von Deutschen rede, dann meine er ein anderes Volk. Er lebe schon sehr lange hier, aber er träume immer noch russisch.

„Ich bleibe immer Russin und habe nach vielen Jahren eingesehen, dass ich niemals Deutsche sein kann“, sagt eine weibliche Stimme hinter meinem Rücken. Es ist die erfolglose Hundehüterin, die anscheinend gelauscht hat. „Oleg, dein Hund hat Hunger – er schläft jetzt im Unterstand“, sagt sie und wechselt die Sprache innerhalb eines Satzes und streut paar russische Worte ein. Im nächsten Moment ist ein Streifenwagen zu sehen, der in Schrittgeschwindigkeit die Straße am „Gorkipark“ abfährt – zwei Beamte verstecken ihre Augen hinter dunklen Sonnenbrillen, schauen gelangweilt aus den Autofenstern und geben nach Sekunden wieder Gas. „Hat bestimmt wieder jemand angerufen und sich beschwert. Ich muss dem Hund jetzt Futter kaufen, sonst flippt er total aus“, sagt Jochen-Oleg und verabschiedet sich.

Ich laufe in Richtung Post über einem Nähmaschinengeschäft schaut ein älterer Herr im weißen, kurzärmeligen Hemd und dunkler Brille aus dem Fenster. Seine Ellenbogen hat er auf ein Kissen gelegt, das bunt beschriftet ist. Er winkt mich zu sich. „Das ist ein Skandal, dass die Drogenabhängigen wieder im Gorkipark sind, das Versammlungsverbot gilt doch immer noch.“ Diese Russen sollen nicht hier herumlungern, sondern lieber auf den Feldern Spargel stechen oder Erdbeeren pflücken, darüber sollten sie schreiben, fügt er lautstark hinzu. Er werde jetzt die Polizei benachrichtigen, ruft er aus dem Fenster. Bevor ich antworten kann, erhebt er seinen Oberkörper, dabei fällt das Kissen herunter, es landet auf dem Bürgersteig. Er schaut hinterher und schließt das Fenster.


Ich hebe es auf und entziffere den fast unkenntlichen Schriftzug, der mit vielen Herzchen verziert ist: „Opa ist der Beste.“ Ich klopfe den Straßendreck ab und lege es unters saubere Vordach des Ladens.

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