Shakespeare ist kein Liebesretter

Seit knapp zwölf Jahren habe ich Stefan* nicht mehr persönlich getroffen – nach dem Ende des Studiums in Gießen trennten sich unsere Wege. Er blieb in der Region, plante seine Zukunft mit seiner großen Liebe Anna*, mich zog es weg. Wir trafen uns an Geburtstagen und auf Silvesterfeiern, dann ersetzten Bilder am Bildschirm die persönlichen Treffen und in den vergangenen Jahren tauschten wir nur noch Textnachrichten am Geburtstag und zum Jahreswechsel aus. Dann eine Nachricht aus der Reihe „Breaking News“ – Anna hat ihn nach mehr als 18 Jahren verlassen, ist zu ihren Eltern nach Paderborn gezogen und hat den Kontakt zu ihm abgebrochen. Nach Wochen der Ungewissheit ist sie bereit für ein Treffen. Stefan darf sie besuchen – und da er schon mal in der Region ist, kommt er auch in Detmold vorbei.
Am Feiertag steht er vor meiner Tür. Unrasiert, dunkle Ringe unter den Augen, die Haare stehen zu Berge, sein Hemd hängt aus dem Hosenbund. Kaum habe ich ihn hereingebeten und mich nach dem Grund seines erbärmlichen Zustands erkundigt, da sprudelt es schon aus ihm heraus. „William Shakespeare“, sagt er. Ich bin überrascht. „Hä, was?“, frage ich und überlege wann Shakespeare gelebt hat? Er fragt nach Getränken, ich kann Wasser, Bier und Apfelschorle anbieten. „Entschuldige bitte meinen Aufzug, aber ich musste im Auto übernachten. Anna hat mich rausgeschmissen“, sagt er und greift nach der Apfelschorle. Er habe die halbe Nacht Shakespeare gehört – mir fallen seine Geburtsdaten immer noch nicht ein.Er geht ins Bad, um sich frisch zu machen, ich greife mein Handy und suche nach William Shakespeare – das Netz sagt 1564 bis 1616. Geboren und gestorben in Stratford-upon-Avon, Vereinigtes Königreich.

Der Dichter und sein romantisches Gesäusel

Er kommt raus und bittet um eine zweite Schorle. „Wusstest Du, dass Shakespeare 89 Sonette zu ewiger Liebe verfasst und Paaren bis heute romantisch-süßes Gesäusel an die Hand gegeben hat?“, fragt er mich. Ich schüttele den Kopf. „Den vielleicht vollendetsten Gedichtezyklus des Abendlandes. Aber dann packte ihn 1592 die Angst. Er war damals Schauspieler, ein Nichtsnutz und obendrein unsterblich verliebt“, sagt Stefan. Er kramt einen Zettel aus seiner Hosentasche und liest: „Verlässt du mich, verlass mich nicht zuletzt, wenn andere Leiden längst schon ausgetobt.“ Die Forderung dieser Zeilen sei das erste Reglement des ungeschriebenen Kanons aller Verlassenen, sagt Stefan. „Als wäre das richtige Timing immer so einfach. Gar nichts ist einfach beim Verlassen, für niemanden.“Ich bin etwas irritiert, ein Interpretationsseminar zu Shakespeare am 1. Mai hatte ich jetzt nicht erwartet. Ich frage ihn, ob er Hunger hat? Er nickt. „Immer noch Erdbeermarmelade mit Käse?“, frage ich. „Gern. Ich bin gerührt, dass du dich daran noch erinnerst“, sagt er. Diese für mich merkwürdige Kombination war immer die erste feste Nahrung, die Stefan zu sich nahm, wenn wir auf Unipartys versumpft waren. Auf diesen Feten standen immer Frauen um ihn herum. Sie mochten ihn, weil er belesen, einfühlsam, romantisch war und jedem Zeitpunkt Shakespeare, Rilke oder Morgenstern zitieren konnte und zudem selbst Gedichte schrieb. Ich dagegen hatte nie Lust auf das lyrische Gesäusel, stand an der Theke mit anderen Kumpels.

„Es ist Nacht“ von Christian Morgenstern

Einmal bat ich Stefan um einen Gefallen, da ich in eine Kommilitonin verknallt war. Er sollte mir ein Gedicht aussuchen, das mir den Weg zu ihrem Herzen öffnen sollte. Seine Wahl fiel auf „Es ist Nacht“ von Christian Morgenstern. Ich klemmte die Karte hinter die Scheibenwischer ihres Autos. Am nächsten Tag kam sie tatsächlich auf mich zu: „Danke für die Karte und das Gedicht, aber das bist du nicht.“ Sie kramte in ihrer Tasche und drückte mit den Umschlag an die Brust. Es waren viele Partys nötig, um diese Abfuhr zu verdauen.Kurz vor Ende des Studiums lernte Stefan dann Anna in einem Shakespeare-Seminar kennen. Er schwärmte, schrieb Gedichte über Gedichte – Unipartys waren jetzt tabu und er sagte immer wieder: „Das ist meine Traumfrau und die Mutter meiner Kinder.“ Damals war er 28 und sie 26. Nun knapp 20 Jahre später sitzt er auf meiner Couch, wartet auf Käse-Marmeladenbrote und Vater ist er auch nicht. Ich reiche ihm den Teller – er schlingt das erste Brot runter, erzählt von seiner Karriere an einem Gymnasium und Annas beruflichem Aufstieg, von Reisen rund um den Globus auf den Spuren großer Denker und Dichter, dem Haus im Grünen…„Doch unser Kinderwunsch blieb unerfüllt, heiraten wollte sie nach zwei Fehlgeburten auch nicht mehr und eine Paartherapie hat sie strikt abgelehnt“, sagt Stefan. Dies sei wahrscheinlich der Anfang vom Ende gewesen, er habe es nicht gesehen oder auch nicht sehen wollen. Im September platzte sein Traum von der ewigen Liebe. Es begann mit ihrem Satz: „Wir müssen mal reden.“ Er habe gerade am Rechner den Herbsturlaub „Auf den Spuren des modernen Shakespeare“ geplant. Und dann war es da, das Gespräch. Etwas muss sich ereignet haben am anderen Ende, etwas unsagbar Endgültiges, etwas, das das Leben verändert, oder verändert hat. Sie habe ihm vorgeworfen, dass er sich seit Jahren nur noch für Goethe, Rilke und Shakespeare interessiere – dabei mag er Goethe gar nicht. Sie habe keine Lust mehr auf ein Leben neben einem „Langweiler“, seine Herbstreise könne er sich sonst wo hinstecken. „Sie sagte mir, dass sie sich neu verliebt hat. Ich war völlig schockiert. Noch am selben Tag ist sie zu ihren Eltern gefahren“, sagt Stefan.

Mit viel Wein nach der Wahrheit gesucht

Natürlich habe er sich auf der Suche nach einer Erklärung das Hirn zermartert, Wein getrunken, Bilder und Videos aus glücklichen Tagen angeschaut und sich immer wieder gefragt, warum er Annas Wandlung übersehen habe? Dann sei ihm eingefallen, dass sie in der Vergangenheit immer häufiger auf Dienstreise war und immer genervter reagierte, wenn er Reiseziele mit kulturellem Rahmenprogramm vorschlug. „Nach dem Anna ausgezogen war, konnte ich irgendwann nicht mehr in dem Haus atmen, weil mich alles an sie erinnert hat. Auch die Ratschläge von Freunden waren mir irgendwann zu viel“ sagt er. Den „Shakespeare-Herbsturlaub“ habe er alleine angetreten: „Ich habe mich zum ersten Mal einsam gefühlt, weil Anna – meine Vertraute, fehlte“, sagt Stefan.Nach seiner Rückkehr habe er den Kontakt zu ihr gesucht. „Wir haben telefoniert, gemailt, geskypt und uns gestern das erste Mal wieder gesehen“, sagt er. „Und wie war’s?“, frage ich. „Sie bleibt meine Traumfrau.“ Sie hätten geredet, Wein getrunken und Anna habe nochmal bestätigt, dass es keine Zukunft für sie beide gibt. Beim Abschied habe sie keine Nähe zugelassen, keine Umarmung, keine vertraute Geste. „Ihre Begründung war Corona“, sagt er.Er sei ins Auto gestiegen, habe es sich auf dem Fahrersitz gemütlich gemacht und Trost bei Shakespeare gesucht. Die Träume der Liebenden scheiterten oft an der Realität – wie bei Romeo und Julia – Shakespeares wohl bekanntestem Werk. Der Rest ist hinlänglich bekannt. Doch Liebende, dazu gehört auch Stefan, hätten sich bestimmt auch über ein Happyend gefreut.
*Namen geändert
Das sind die Zeilen, die ich damals erfolglos übergeben hatte. Die Karte, etwas ramponiert, habe ich in meinen Uniunterlagen gefunden.

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