Das Bier als Trostpflaster

Per Mail meldet sich Renate bei mir und bittet um ein Gespräch – ihr Thema: Alkoholsucht. Die 57-Jährige ist seit 25 Jahren trocken und möchte „über die schwierigen Zeiten an Bier-, Schnaps- und Likörflasche“ reden. Vor 20 Jahren ist die Physiotherapeutin aus dem Ruhrpott nach Lippe gezogen und will zum Schutz ihrer Tochter und der Enkel nur ihren Vornamen nennen. Auf ihrem Schreibtisch hat der rote Zettel einen Ehrenplatz. „Damit Du immer trocken durchs Leben gehst“, hat eine Freundin ihr zum „1. Trockentag“ am 13. Juni 1995 geschrieben. Der trockenen Alkoholikerin, die dieses Jahr ihren „25. Trockentag“ feiert, bedeutet der kleine Zettel sehr viel. „Es war meine Eintrittskarte in ein neues Leben“, sagt Renate. Alles beginnt ganz harmlos mit „Pils mit Schuss“ am Wochenende, wenn sie mal mit Mann und Freunden feiert. „Es ist ein leckerer Mix aus Bier und Malzbier“, erinnert sich die 57-Jährige, den sie auch immer häufiger in den einsamen Stunden Zuhause mixt.

Einsamkeit fördert Griff zur Flasche

„Mein Mann war auf Montage, ich habe nicht gearbeitet und war alleine mit unserer kleinen Tochter“, sagt sie. Es ist 1986 und sie 23. Irgendwann fällt ihr die Decke auf den Kopf, immer häufiger wird das Kind bei Oma geparkt, sie geht aus, weil sie mit der Rolle als Hausfrau und Mutter unzufrieden ist. Schon bald stehen neben dem Bier auch Schnaps, Wein und Likör. „Mit Alkohol wollte ich meine Angst, meine Minderwertigkeitsgefühle besiegen“, sagt sie und blickt auf den roten Zettel. Doch für ihre Tochter steht sie täglich auf und packt den Schulranzen. „Das war jahrelang die Konstante in meinem Leben. Anschließend bin ich in den Supermarkt, habe Nachschub geholt und bin samt Likörflasche wieder ins Bett.“ Und Ihr Mann? Der hat gearbeitet und an den Wochenenden mitgetrunken: „Von meinem täglichen Alkoholkonsum hat er wenig mitbekommen – er hat mir immer genug Geld dagelassen, doch ich war alleine.“

Alkohol in der ganzen Wohnung versteckt

Nur ihre Mutter durchschaut die Situation, lässt sich nicht mit wiederkehrenden Notlügen, Entschuldigungen abspeisen, findet die leeren Flaschen, die in der ganzen Wohnung versteckt sind und bestraft Renate mit Missachtung. „Sie war gekränkt, sauer und wollte nicht akzeptieren, dass ich Alkoholikerin bin“, sagt die 57-Jährige. Renate steht einige Male vor ihrer Mutter, weint, weil sie die Missachtung und ihr eigenes Leben nicht erträgt, doch ihre Mutter spendet keinen Trost, sondern droht mit dem Jugendamt, wenn Renate nicht aufhört zu saufen. „Meiner Mutter ist es sehr schwer gefallen, den Alkoholismus als Krankheit anzusehen – nicht als Willensschwäche.“Der Wendepunkt war der 21. Januar 1995 – Renate hatte wieder getrunken. Mann und Tochter „schleppten“ sie zum Abendessen: „Plötzlich musste ich mich übergeben und hatte Wahnvorstellungen“, sagt Renate. Sie wurde in die Notaufnahme eingeliefert. „Die Ärzte sagten mir, dass ich bei den Alkoholmengen nur noch ein oder zwei Jahre hätte und die Geburt meiner Enkelkinder nicht erleben werde.“ Sie weint im Kreise von Mann, Mutter sowie Tochter sucht und findet Hilfe bei Organisationen, die ihr beim Kampf gegen die Krankheit zur Seite stehen. „Bis Juni war es es die Hölle, immer wieder Zusammenbrüche, Geschrei, Tränen und Klinik. Doch seit dem 13. Juni 1995 habe ich keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken“, sagt sie und hängt den roten Zettel wieder an seinen Platz. Ihr Mann habe die Zeit nicht mit ihr durchgestanden, sondern fremden Trost gefunden und das Weite gesucht. Dann erkrankt die Mutter an Alzheimer. Gemeinsam mit kranker Mutter und pubertierender Tochter verlässt sie im Jahr 2000 das Ruhrgebiet – sie verkaufen das Elternhaus und ziehen in die alte Heimat der Mutter nach Lippe. Sie pflegt ihre Mutter bis zum Tod 2007 und engagiert sich in Frauengruppen gegen Alkoholsucht. Bei den Treffen erfährt sie, dass viele Frauen heimlich trinken, weil sie unter den Erwartungen leiden, die von Familien, Freunden oder Arbeitgebern an sie herangetragen werden.

Notfallnummer in der Tasche

Und wie geht sie heute dem Alkohol aus dem Weg? Sie stoße bei Feiern mit Wasser oder Schorle an und greife auch mal zu Ausreden, dass sie Medikamente nehme oder mit dem Auto unterwegs sei. „Der Umzug nach Lippe hat mir sehr geholfen, weil ich dadurch aus meinem Alkoholumfeld herausgekommen bin“, sagt Renate. Sie habe immer noch einen „Notfallpan“ für den akuten Suchtdruck im Portemonnaie. „Es ist ein Zettel, der die Telefonnummern von Vertrauenspersonen, Selbsthilfegruppen, einer Suchtberatungsstelle und Klinik enthält“, sagt Renate. Auf diesem Stück Papier ist auch die Rufnummer ihrer Tochter, die inzwischen zwei Kinder hat. „Ich habe den Kampf gegen den Alkohol gewonnen und bin gerne Oma.“
Foto: Kamisli

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