Alkoholsucht zerstört

Erika* erzählt niemandem von ihrer Schwangerschaft, versteckt ihren dicken Bauch unter weiten Kleidern und Pullis. Sie geht zu keiner Vorsorgeuntersuchung und bringt die kleine Miriam* 1976 alleine auf der Wohnungstoilette in Detmold zur Welt. „Meine Mutter war Alkoholikern und eigentlich ist es ein Wunder, dass ich gesund zur Welt gekommen bin“, sagt die heute 44-jährige Miriam. Doch nicht nur ihre Mutter, sondern auch ihr Vater Heinrich* greift täglich zur Flasche. Nach dem Bericht über die trockene Alkoholikern Renate meldet sich Miriam bei mir und berichtet, wie die Sucht der Eltern sie geprägt hat. „Als ich klein war, nahm mich mein Vater mit, wenn er Auftragsarbeiten als Maler hatte, dann durfte ich mit einem kleinen Pinsel helfen. Das sind schöne Erinnerungen, es sind die einzigen“, sagt Miriam. Bald kann ihr Vater keine Arbeiten mehr annehmen, weil seine Hände zittern. Er wechselt als Hilfsarbeiter in eine Holzfabrik. Permanente Geldnot prägt den Alltag. Erika versucht, wenn sie mal nüchtern ist, mit Handarbeiten die Haushaltskasse aufzubessern. „In vielen Fällen ist nur ein Elternteil alkoholkrank, aber das Schicksal hatte für mich eine ganz besondere Herausforderung parat“, sagt sie und klammert sich an ihr Tagebuch aus Kinder- und Jugendtagen, das sie zum Treffen mitgebracht hat. Darin Zeichnungen, Postkarten und Erinnerungen voller Hoffnung, aber vor allem sind da Wut, Groll und Verzweiflung. Immer wieder ist der Satz: „Oh Gott, ich kann nicht mehr!“ auf den Seiten zu lesen. „Mit zehn Jahren merkte ich langsam, dass etwas nicht stimmte. Meine Eltern tranken und ich fand Alkoholflaschen versteckt in der Waschmaschine, unter Handtüchern im Badezimmer und im Schirmständer“, sagt Miriam. Die Wochenenden brauchen ihre Eltern, um ihren Rausch auszuschlafen oder noch mehr zu trinken. „Einmal kam ich von meiner Oma nach Hause und fand meine Mutter auf dem Boden in ihrem Erbrochenen. Sie war gestürzt nicht ansprechbar. Ich rief meine Oma an, sagte ihr, dass ich nicht weiß, was mit Mama ist. Der Rettungswagen kam, holte sie ab. Ich hatte große Angst“, erinnert sich Miriam.

Sorgen bereit ihr auch der Vater. Er landet betrunken mit dem Fahrrad im Straßengraben – und das nicht nur einmal. Irgendwann ist es ihr egal. „Wenn es immer und immer wieder passiert, wird es zur Normalität. Trotzdem hat es wehgetan, meine Eltern so zu sehen. Wenn sie besoffen waren, waren sie nicht mehr Mama und Papa, nicht mehr meine Vorbilder. Sie waren schwach, hilfsbedürftig und ich überfordert, hilflos und habe mich einfach nur geschämt“, sagt Miriam. Freunde lädt sie nie ein. In der Schule kann sie sich nicht konzentrieren, weil sie permanent an ihre Eltern denken muss. Geht’s ihnen gut? Sind sie wieder betrunken? Werde ich sie nochmal sehen? Komme ich ins Heim? Ich komme mit den Notizen nicht hinterher – mein Kopf will, aber meine Gedanken sind bei dem kleinen, verzweifelten Mädchen. Kurze Pause – ich lege den Kugelschreiber zur Seite und fahre mit den Händen über die Gänsehaut auf meinen Unterarmen.Ihr Vater will nichts davon hören, dass er ein Alkoholproblem hat. Er sagt immer wieder, dass er sofort aufhören könne zu trinken, wenn er wolle. Aber er will nicht. „Egal wie wütend ich war, ich habe es nicht geschafft, nicht für sie da zu sein. Ich war im Überlebensmodus. Alles andere war mir egal. Für eine normale Kindheit war kein Platz“, sagt Miriam. Zuhause sieht sie, dass das Leben ein Kampf ist, dass es nicht lebenswert ist, sondern nur voll mit Schmerz. „Ich habe überlebt, aber gelebt habe ich nicht“, sagt die 44-Jährige. Je älter sie wird, desto mehr traut sie sich, die Eltern mit der Alkoholsucht zu konfrontieren: „Ich versuchte alles. Ich schrie sie an. Ich redete ruhig. Nichts half. Irgendwann kniete ich vor ihnen, weinte bitterlich und flehte sie an, aufzuhören zu trinken. Für mich. Sie versprachen mir eine Trinkpause – wie so oft. Es hielt nie lange.“

Mit 20 zieht sie aus. Fängt eine Lehre in der Medienbranche an. Zuhause wird nichts besser. Sie telefoniert regelmäßig mit ihrer Tante und Oma, sie erzählen, dass die Eltern täglich betrunken sind. Sie sind die Einzigen, mit denen sie sprechen kann. Die Einzigen, vor denen sie sich nicht schämen muss. Sie lernt ihren jetzigen Mann kennen. Ihre Familiengeschichte verschweigt sie zunächst. Sie heiraten. „Es war auch eine Befreiung für mich, dass ich einen neuen Namen annehmen konnte.“ 2003 bricht ihr Vater zusammen – die Ärzte geben ihm nicht viel Zeit, wenn er weiter trinkt. „Nicht die Liebe, sondern die Todesangst hat ihn vom Alkohol befreit“, sagt Miriam. Ihr Mutter schlägt die Warnungen der Mediziner in den Wind und stirbt 2004 im Alter von 54 Jahren. „Mein Vater blieb allein – und ich habe zum ersten Mal Tränen auf seinen Wangen gesehen“, erinnert sich Miriam. Dann der Moment, in dem Miriam zusammenbricht. Nichts geht mehr, sie hat keine Kraft, weint nur noch: „Erst da habe ich verstanden, dass ich Hilfe brauche, dass ich dieses Leben nicht alleine aufarbeiten kann.“ Während der Therapie begreift sie, was Co-Abhängigkeit ist. Sie fängt an, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen. „Ich bin immer noch dabei, meinen Eltern zu vergeben. Die Wunden sind heute Narben, aber sie tun immer noch weh“, sagt sie. Irgendwann habe sie verstanden, dass sie aufhören muss, auf eine bessere Vergangenheit zu hoffen. Ihre Stimme zittert, sie zieht sich die große, schwarze Sonnenbrille über die Augen. Wenn ihre 13-jährige Tochter heute nach der verstorbenen Oma fragt, verschweigt sie das Geschrei, die Krankenhausaufenthalte und die Hilflosigkeit eines verlorenen Kindes. Zu ihrem 76-jährigen Vater hat sie wenig Kontakt, der Alkohol hat sein Gehirn zerstört. „Er ist nicht mehr der Mann, der mein Vater war, der ist vor langer Zeit schon gestorben“, sagt Miriam. Trotz all der Lügen, Enttäuschungen und all dem Schmerz, ist sie für ihn da. Erst kürzlich hat sie seine Schulden beglichen. Ich blicke auf meinen Notizblock – die Buchstaben habe sich in viele kleine Herzchen verwandelt.

*Namen geändert

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