Pfandbons ohne Ende

„Herr Kaminski, Herr Kaminski“, ruft mir eine Frauenstimme hinterher. Ich schalte auf Durchzug. „Jetzt warten Sie doch mal“, schiebt die Stimme kurzatmig hinterher. Ich bleibe stehen, dreh mich um – vor mir eine ältere Frau, mit gelber Stofftasche, darauf eine rote Sonne und die Aufschrift „Atomkraft, Nein Danke“ sowie einem blauen Rucksack – viel zu groß für den zierlichen Frauenkörper. Ihre Haare sind etwas wirr. Sie schiebt ihre Maske runter. „Ich bin die Gabi von Realmarkt – erkennen Sie mich?“, fragt sie. Ich schüttle den Kopf. „4. September 2018“, fügt sie hinzu. Ich muss lächeln. „Nein. Das Datum sagt mir nichts“, antworte ich und greife nach meinem Handy. „Ich will Sie gar nicht lange stören, sondern nur den Rest meiner Schulden begleichen“, sagt Gabi und greift in ihre Tasche. Sie holt Plastikhandschuhe heraus, um sie über ihre kleinen, faltigen Hände zu ziehen, greift in ihre Hosentasche und reicht mir einen Leergutbon über 1,15 Euro. „Die letzte Rate“, sagt sie. Ich bin überrascht. Sie drückt mir das Zettelchen in die Hand. „Sie wissen nicht, wer ich bin, oder?“, fragt Gabi. Schulterzucken meinerseits. „Sie haben am 4. September 2018 meinen Einkauf im Real bezahlt, es waren genau“ – sie macht eine Pause. Greift in ihre Stofftasche, nimmt ein rotes Notizbüchlein mit völlig ausgeleiertem Gummiband heraus, blättert und nickt – „19,28 Euro“.

Kein Geld an der Kasse

Bei mir fällt so langsam der Groschen. „Ah, ja. Sie haben mir danach wochenlang Pfandbons in den Briefkasten geworfen“, sage ich. Sie nickt: „Es waren insgesamt 43 und genau 18,13 Euro – es fehlten 1,15 Euro und die bringe ich nun.“ Sie habe eine Tilgungspause eingelegt, weil sie schwer erkrankt sei. Aber jetzt gehe es ihr wieder besser. Ich krame in meinen Erinnerungen. Rückblick: Es ist, wie ich erfahren habe, der 4. September 2018. Nach der Arbeit mache ich noch ein paar Besorgungen im Realmarkt. Ich freue mich über die kurze Schlange an Kasse1, da ich noch mit Freunden in einer Kneipe verabredet bin. Lege meine Einkäufe aufs Band. Vor mir stockt es plötzlich. Die Kundin wühlt in ihrer Einkaufstasche nach ihrem Portemonnaie. Ihr ist es sichtlich peinlich, sie wird immer hektischer. Fährt sich durchs Haar, entschuldigt sich immer wieder und stellt schließlich fest: „Ich habe mein Geld vergessen.“ Die Kassiererin rollt die Augen, „dann müssen wir alles stornieren.“ Auch ich bin genervt – eine Mischung aus Mitgefühl und Terminnot. Ich schaue aufs Kassendisplay, es leuchten 19,28 Euro. „Nein, bitte nicht stornieren. Ich zahle den Einkauf“, sage ich. Die Dame schaut mich mit großen Augen und offenem Mund an, bedankt sich, packt Toastbrot, Paprika, Eier und weitere Lebensmittel in ihren Beutel und wartet am Ende der Kasse. Ich zahle meine Einkäufe und will den Markt verlassen. Sie schaut mich schweigend an. „Das ist kein Problem, alles gut“, sage ich. Doch sie lässt mich nicht gehen. Hält mir Stift und Zettel hin, bittet um Namen und Anschrift, damit sie mir das Geld zurückzahlen kann. Ich wiederhole: „Alles gut.“ Sie antwortet: „Bitte.“ Ich bin in Eile. Schreibe aber die gewünschten Infos auf. Ich betone nochmals, dass ich ihr gerne geholfen habe und sie überhaupt kein schlechtes Gewissen haben müsse. Sie nickt und steckt das Stückchen Papier ein. Am übernächsten Tag finde ich einen Pfandbon in meinem Briefkasten – Wert 69 Cent. Ich wundere mich und denke, dass er aus Versehen eingeworfen wurde. Am Tag darauf eine weitere Gutschrift über 1,06 Euro – dazu die Notiz: „Vielen Dank nochmal – es stehen noch 17,53 Euro aus.“ Die Unterschrift kann ich nicht entziffern. In den kommenden Tagen und Wochen landen immer wieder Pfandbons in meinem Briefkasten – einmal 89 Cent, 1,29 Euro, 39 Cent und weitere Gutschriften diverser Getränkehändler und Supermärkte. Ich klebe einen Zettel an meinen Briefkasten, indem ich mich für die Leergutbons bedanke und auf weitere Schuldenbegleichungen verzichte. Mein Wunsch wird nicht erhört – regelmäßig erhalte ich nun Cent-Gutschriften. Die Leergutbons sind nicht nur von einem Getränkehändler, um sie einzulösen, müsste ich eine Tour durch das gesamte Stadtgebiet machen. Irgendwann im Frühjahr 2019 hört es auf. Ich freue mich. Nehme den Bonstapel und werfe sie in eine DLRG-Spendenbox. Damit ist die Sache für mich erledigt. Bis gestern. Nach Gabis Aufzeichnungen fehlten noch genau 1,15 Euro zur Begleichung ihrer Schulden. Ich bin gerührt. Will ihr den Pfandbon zurückgeben, weil ich denke, dass sie das Geld gut gebrauchen kann. Sie dreht sich sich zur Seite, dabei fällt ihre Stofftasche zu Boden, eine Taschenlampe kullert raus. „Brauche ich, um die Tonnen auszuleuchten“, sagt sie. Ich reiche ihr den Bon erneut – sie schaut mich an; „Nehmen Sie mir nicht die Würde und lassen Sie mir den Stolz, dass ich meine Schulden beglichen habe.“

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