Pflegeeltern mit großem Herz

Tanja* und Axel* aus Detmold melden sich per Mail – ihr Thema Pflegefamilie. Das Treffen müsse diese Woche stattfinden, da sie am Samstag an die Ostsee fahren, um den zehnten Geburtstag von Pflegekind Vanessa* zu feiern. „Vielleicht wollen Sie unsere Geschichte, die Höhen und Tiefen hatte, hören und anderen Unentschlossenen, die mit dem Gedanken spielen ein Pflegekind aufzunehmen, Mut machen. Wir vertrauen Ihnen“, schreibt Axel. Sie wollen sich nur treffen, wenn ihre echten Namen, auch zum Schutz des Kindes, nicht genannt werden – mit diesen Worten endet die Mail. Ich nehme die Einladung an und hole mir Tipps von meiner zehnjährigen Tochter, was in dem Alter angesagt ist, denn ich will nicht mit leeren Händen kommen. Vanessa* bedankt sich fürs Geschenk und will es erst an ihrem Geburtstag öffnen. „Mama, Papa, ich leg’s ins Regal, damit ihr es zu meinen Geschenken in den Koffer legen könnt“, ruft die Kleine und läuft rauf auf ihr Zimmer.

„Ds Kind bereichert unser Leben ungemein“

Seit mehr als sieben Jahren genießen Axel und Tanja die Kinderstimme, die nach ihnen ruft, obwohl sie nie schwanger war. Sie haben ein Dauerpflegekind. „Wir lieben Vanessa. Sie bereichert unser Leben ungemein“, sagt Tanja und Axel gibt ihr einen Kuss auf die Stirn. Sie erzählen von ihrem Familienwunsch, der 2013 mit einer Verabredung im Spielzimmer des Jugendamts beginnt. Ihre Herzen rasen. Tanja und Axel schauen sich nochmal tief in die Augen. Er streicht ihr über den Rücken, hält sie fest im Arm. Nochmal tief Luft holen und Tür auf. Sie haben die Verabredung ihres Lebens mit der zweieinhalbjährigen Vanessa – ihrem künftigen Pflegekind. Vor dem aufregenden Treffen hat sich das Paar auf natürlichem und künstlichem Wege um eigenen Nachwuchs bemüht – ohne Erfolg. „Es hat einfach nicht geklappt. Dabei sind wir beide laut Ärzten kerngesund. Das Schicksal wollte es wohl anders“, sagt Tanja. Nach 15 harmonischen Jahren brauten sich 2005 dunkle Wolken über der Beziehung zusammen. Tanja war 36. Sie ist vierfache Tante und auch ihre Freundinnen freuten sich regelmäßig über Nachwuchs. „Ich fühlte mich wie eine Außerirdische. Keine richtige Frau und es war irgendwie alles sinnlos. Der berufliche Erfolg und Axels Liebe konnten diese Leere nicht füllen“, sagt sie. Sie dachte an Trennung, einen Neuanfang vielleicht mit einem anderen Partner, der ihr den Kinderwunsch hätte erfüllen können. Axel kämpfte um ihre Liebe. Sie suchten sich Hilfe, es flossen viele Tränen, sie begruben ihre Hoffnung auf eigenen Nachwuchs und retteten ihre Beziehung. „Wir sind verreist, haben ein Haus gebaut und uns irgendwann über Alternativen informiert, denn ich wollte auch Vater sein“, sagt Axel. Eine Adoption wurde ins Auge gefasst. Doch die Chancen waren gering, beide sind Mitte 40 und berufstätig. „Nach reiflicher Überlegung haben wir uns für als Pflegefamilie angeboten. Wir können keine eigenen Kinder haben, aber wir wollen Kindern, denen es nicht so gut geht, helfen“, sagt die 51-Jährige und greift nach Axels Hand.

Das Modell Pflegefamilie war es die beste Entscheidung ihres Lebens

Die Gründe, weshalb Kinder aus ihren Familien genommen werden, sind vielfältig: Kindesmissbrauch, Vernachlässigung, Drogenmissbrauch. Die Schicksale meist dramatisch. Tanja und Alex haben ein großes Haus, genug Geld, keine Vorstrafen und viel Spaß im Umgang mit Kindern – für die Behörden beste Voraussetzungen. Aufgeregt betreten sie im Frühjahr 2013 das Spielzimmer. „Ein Raum voll mit unseren Ängsten, mit Vanessa, ihrer leiblichen Mutter, einer Person vom Jugendamt und wir haben mit Bauklötzchen gespielt. Es war furchtbar“, erinnert sich Tanja. Irgendwann sei Vanessas Mutter rausgegangen, dann haben sie sich näher an die Kleine getraut und natürlich hat sie gefremdelt. „Danach waren wir fertig, weil uns die Situation mit Vanessa und der Mutter schon sehr bewegt hat“, sagt Tanja. Unterstützung finden die beiden bei den Mitarbeitern des Jugendamtes. „Wir waren emotional völlig überfordert“, sagt der 52-Jährige. Am übernächsten Tag treffen sich Tanja, Axel und Vanessa wieder. Diesmal auf einem Spielplatz und nur zu dritt. „Wir haben die Kleine an die Hand genommen und waren sofort verliebt“, erinnert sich Axel. Die Besuche werden häufiger. „Irgendwann wollte sie gar nicht mehr runter von meinem Schoß und umarmte mich ganz fest“, sagt Tanja und greift wieder nach Axels Hand. Das war vor mehr als sieben Jahren. Heute sieht Vanessa ihre leibliche Mutter regelmäßig unter Aufsicht. „Das ist absolut okay. Sie soll sich nicht vollständig entfremden. Aber Vanessa weiß, dass hier gut aufgehoben ist und geliebt wird“, lächelt Tanja. Immer wieder werden sie von Bekannten oder Freunden darauf angesprochen, wie das denn so mit der Pflegefamilie funktioniert und ob sie nicht Angst haben, Vanessa an die leiblichen Eltern zurückgeben zu müssen. „Viele Menschen denken ja: Oh Gott, Pflegekind heißt, die können wieder wegkommen. Das ist was, was alle, die nichts damit zu tun haben, immer im Kopf haben. Aber die Erfahrung und die Statistik zeigt, das ist gar nicht so“, sagt Tanja. Denn: Die allermeisten Pflegekinder bleiben bis sie erwachsen sind oder ausziehen wollen. Inzwischen denken Tanja und Axel über „Dauerpflege-Zuwachs“ nach und werben im Bekannten- und Freundeskreis dafür, Pflegekinder aufzunehmen. Der Bedarf ist groß, denn viele leibliche Eltern sind überfordert. Das Modell Pflegefamilie – für Tanja und Axel war es die beste Entscheidung ihres Lebens.
*Namen geändert
Symbolbild: Bernhard Preuss

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