Die Kirmes soll überleben

Es riecht nach gebrannten Mandeln, Zuckerwatte, frischen Crêpes und nebenan bimmelt die Glocke des Feuerwehrwagens am Kinderkarussell – doch bei mehr als 30 Grad im August will vor dem Detmolder Landestheater keine Kirmesstimmung aufkommen. Am Süßwarenstand von Nadine Welte-Noack schweben die bunten Lebkuchenherzen: kleine, große, mit bunten Zuckerrändern und süß-verzierten Liebesbekundungen in Schreibschrift. Leckereien als Schmetterling, als Einhorn, Rennauto… Es gibt Lebkuchen in allen Farben – und alle Farben in einem Lebkuchen, das gibt es auch. Die 38-Jährige wedelt mit den Händen zwischen den buntgarnierten Herzchen. „Es ist zwar nicht viel los, aber das sind keine Spinnweben, ich habe gerade Zuckerwatte gemacht und die Fäden haben sich dazwischen verfangen“, lächelt die Schaustellerin.

Seit rund drei Wochen steht Nadine, abwechselnd mit ihrem Mann Manuel, an sechs Wochentagen von elf bis 19 Uhr zwischen Gebäckteilchen, Schokofrüchten, Nüssen und Fruchtgummi-Lassos. Doch die Resonanz hält sich in Grenzen. „Wir stehen hier aus purer Not. Der Umsatz ist spärlich, aber wir haben seit Jahresbeginn keine Einnahmen“, sagt die zweifache Mutter. Normalerweise sitzt Nadine im Kassenhäuschen ihres Musik-Expresses, legt aktuelle Musikhits auf, lässt ihre Stimme durchs Mikrophon hallen, wenn die Kundschaft schreiend im Kreis rasante Runden dreht. „Doch wegen Corona haben wir das Fahrgeschäft 2020 noch kein einziges Mal aufgebaut“, sagt die 38-Jährige.

Wird es dieses Jahr nochmal was mit Karussell, Kirmesstimmung und Einnahmen? Schulterzucken. „Ich habe ein schlechtes Gefühl“, sagt die Schaustellerin, die noch bis zum 31. Oktober die süßen Leckereien in der Detmolder Innenstadt anbieten darf. Nadine hat mit 15 die Schule verlassen und arbeitet seit 23 Jahren im Familienbetrieb: „Ich habe keinen Beruf gelernt und kann nichts anderes. Die Kirmes ist unser ganzes Leben, doch Corona hat uns ins Wachkoma versetzt. Wir stehen wie gelähmt mit offenen Augen da und sehen zu, wie eine ganze Branche den Bach runtergeht.“

Viele Schausteller aus ihrem Bekannten- und Freundeskreis lebten inzwischen von Hartz IV und bangten um ihre Existenz. „Wenn dem Veranstaltungsverbot auch die Weihnachtsmärkte zum Opfer fallen, wird das eine Katastrophe“, ist sich Ehemann Manuel sicher. Er glaube an ein Hygienekonzept für Kirmesse und Weihnachtmärkte, denn die Wochenmärkte und die beliebten Beachbars funktionierten ja auch unter Auflagen. „Diese Schutzmaßnahmen können wir ebenfalls erfüllen, dies muss sich nur bis Düsseldorf und Berlin herumsprechen“, schimpft der 41-jährige Schausteller. Doch nicht nur die Schausteller leiden und hoffen, sondern auch die Hersteller der beliebten Lebkuchenherzen warten gebannt auf eine Entscheidung, ob das Verbot von Großveranstaltungen, das noch bis zum 31. Oktober gilt, aufgehoben wird oder nicht. Darunter auch die Familienunternehmen „Pahna“ aus dem lippischen Lemgo und „Heinrich Schulze Ladencafé“ aus Borgholzhausen im Kreis Gütersloh. „Natürlich leiden wir alle gemeinsam. Viele Schausteller sind unsere Kunden“, sagt Manuela Pahn, Geschäftsführerin des Lemgoer Herstellers. Das Familienunternehmen feiert in diesem Coronajahr 100-jähriges Bestehen und ist nach eigenen Angabe einer der führenden Hersteller von Lebkuchenherzen und -figuren.

Auf der Firmenhomepage heißt es: „Wir produzieren auch während der Corona-Krise“. Mit ihren buntgarnierten Leckereien „made in Lippe“ sind die Lemgoer eigentlich auf allen Volksfesten der Republik vertreten. Vor Corona wurden rund eine Million Herzchen pro Jahr an der Lemgoer Schuhstraße gebacken, per Hand verziert und an die Süßwarenhändler auf den Volksfesten ausgeliefert. Doch die Absagen von Großveranstaltungen haben drastische Auswirkungen auf die Hersteller der kleinen braunen Gebäckteilchen – viele melden Kurzarbeit an, drosseln oder stellen die Produktion komplett ein und suchen nach Alternativen. „Wir haben die Herstellung der Lebkuchenherzen erst mal auf Eis gelegt. Doch die Lager sind voll, wenn Bestellungen reinkommen sollten, können wir sofort liefern“, sagt Frank Domnowski, Personaler bei „Heinrich Schulze Ladencafé“ in Borgholzhausen.
Normalerweise verkaufe das kleine Familienunternehmen jährlich mehr als 200.000 Lebkuchenherzen an Schausteller, doch dieses Jahr stehe hinter den Verkaufszahlen eine frustrierende Null. „Ohne Corona würde die Lebkuchenproduktion in den Sommermonaten auf Hochtouren laufen, doch wir mussten einen Teil der 30 Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken oder in anderen Abteilungen unterbringen“, sagt Domnowski. Derzeit produziere die Firma Schokogebäck und andere süße Leckereien, die im eigenen Laden angeboten würden. „Wir sitzen alle in einem Boot und Corona tut uns allen weh“, sagt Domnowski. Das Unternehmen stehe im regelmäßigen Austausch mit verzweifelten und wütenden Schaustellern, die um ihre Existenz kämpften. „Ich hoffe, dass die Herbstfeste und Weihnachtsmärkte stattfinden, damit die Familien überleben und wir keine Kunden verlieren“, sagt Domnowski. Diese Hoffnung haben auch Nadine und Manuel. Auf die Frage, welches Lebkuchenherzchen sie sich an ihrem Stand derzeit kaufen würden, zeigt das Schaustellerpaar auf das Teilchen mit der Aufschrift: „Alles wird gut“ samt grünem Hoffnungsband.
Bilder: Bernhard Preuss

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