Bares schnell auf die Hand

Im Leihhaus gibt es Kredit gleich bar auf die Hand. Die Kundschaft des Detmolder Pfandleihers Guido Pilling ist so bunt wie das Leben – sie alle hoffen auf eine schnelle Finanzspritze in Coronazeiten. Natürlich ist das Geschäft auch im Visier von Räubern, die dort reichlich Beute vermuten – ein Polizist überfällt den Pfandleiher mit gezückter Waffe.Die Haare sind nach hinten gegelt, die Juwelierlupe in der Augenhöhle eingeklemmt, begutachtet der schmierige Pfandleiher eine Goldkette: „Der Tod deiner Mutter interessiert mich nicht. Mehr als zehn Dollar sind für die Kette nicht drin.“ Um das Image von Pfandleihern steht es nicht zum Besten: Wahlweise gelten sie als Blutsauger, Beutel- oder Halsabschneider, häufiger gar als zwielichtige Hehler. Der schlechte Ruf seiner Zunft sieht Guido Pilling aus Detmold durch US-Filmserien geprägt.

Pfandleihers Guido Pilling aus Detmold hinter dem Panzerglas

Für den 49-Jährigen hingegen sind Leihhäuser „die Bank des kleinen Mannes“ und fügt hinzu, dass er die einzige in Lippe leitet. Doch wer aufgrund der Coronakrise – mit Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit – nun einen großen Ansturm erwartet hat, den muss Pilling enttäuschen. „Bisher ist alles relativ ruhig. Niemand verpfändet seinen gesamten Hausstand, das Zahngold der Großmutter oder den Hochzeitring, für eine schnelle Finanzspritze in diesen schwierigen Zeiten“, sagt Pilling. Gleichzeitig steige im Verkauf die Nachfrage nach Gold in Form von Münzen oder Barren: „In unsicheren Zeiten schätzen die Menschen das Edelmetall”, sagt der Kaufmann.

Bargeld auf die Hand
Um die Regeln bei Sicherheitsabstand und Hygiene einzuhalten, dürfen Kunden nur einzeln den Laden betreten. Im Eingangsbereich steht eine Schaufensterpuppe mit Maske – auf ihren ausgestreckten Plastikhänden steht ein Tablett samt Desinfektionsmittel. Hinter Scheiben aus Panzerglas sitzt der 49-Jährige in seinem Geschäft, den Alarmknopf in Reichweite, die Überwachungskamera im Rücken, mächtige Safes im Hinterzimmer – wie bei einer Bank eben. Doch bei ihm gibt es Bargeld auf die Hand. Und als Sicherheit dient statt eines Hauses oder Grundstücks: alles – solange Volumen und Wert in einem verträglichen Verhältnis stehen. Mit ausladender Geste weist Pilling auf die vollgestopften Regale, beladen mit Laptops, Handys, Angel- und Fotoausrüstungen, Spielkonsolen, Navigationssystemen, Flachbildschirmen. Schmuck und Uhren der Rolex-Klasse lagern in den Panzerschränken – verpackt in Umschlägen und säuberlich nummeriert. Die Inhalte gehören teilweise schon seit Jahren zum Inventar.

Gebühren für Lagerung, Versicherung und Zinsen
Eine ungewöhnlich lange Zeit, denn nach vier Monaten darf der Pfandleiher sein Pfand versteigern. Zuvor setzt er die Besitzer in Kenntnis. „Wenn sie nicht auslösen oder die Leihfrist nicht verlängern, sind die Objekt weg“, erklärt Pilling. Die Frist kann stets verlängert werden – die Kunden müssen dann die nach der Pfandleihordnung anfallenden Gebühren für Lagerung, Versicherung und Zinsen zahlen.
Bei einem Wert von 250 Euro fallen beispielsweise 8 Euro pro Monat an.

Polizist überfällt Pfandleiher
Natürlich ist das Geschäft auch im Visier von Räubern, die dort reichlich Beute vermuten. „2004 kam ein maskierter Mann mit gezückter Pistole und verlangte Geld und Gold“, erinnert sich Pilling, der damals mit seinem inzwischen verstorbenen Vater das Leihhaus leitete. Sein Vater habe den Notruf gewählt, der Räuber sei ohne Beute geflohen. „Ich bin sofort hinterher. Natürlich sollte man das nicht, aber es war ein Reflex“, übt der 49-Jährige Eigenkritik. So aber kommt es zum Gerangel vor der Tür. Ein Kripo-Beamter, der zufällig vorbeikommt, wird auf die Situation aufmerksam und nimmt den Maskierten fest. „Als der Beamte dem Täter die Maske abgezogen hat, stellt sich heraus, dass dieser ein Polizist aus Detmold ist“, so Pilling. „Wir waren völlig schockiert.“ Aber das Geschäft habe er nach dem versuchten Überfall nicht geschlossen, „die Kunden standen vor der Tür, die wollten quatschen und ihre Sachen beleihen“, erinnert sich Pilling. Ein offenes Ohr gehöre zum Geschäft. „Die meisten Kunden wollen die Geschichten zu ihrer Notlage loswerden“, sagt der gelernte Kaufmann.

Das Leihhaus als sicherer Aufbewahrungsort
So erzählt er auch von einer Dame, die vor dem Urlaub ihren Schmuck zu ihm bringe, damit es im Leihhaus sicher aufbewahrt werde. Oder er erinnert sich an die von ihrem Ehemann verlassene Frau, die unter Tränen ihren Ehering abgeben musste, um Essen für die Kinder kaufen zu können.

Bargeld für die Kamera in nur wenigen Minuten.


Kunden brauchen schnell Geld
Pillings Kundschaft ist so bunt wie das Leben. Längst nicht alle sind arm, sondern brauchen nur schnell Bargeld: Teils sind es Spieler, Geschäftemacher oder Spekulanten, kleine Handwerker mit Außenständen, die bei der Bank keinen Kredit bekommen oder länger darauf warten müssten, als ihre Angestellten ohne Gehalt auskommen können. Ärmere Kunden kommen meist am Ende des Monats, brauchen 50 Euro um über die Runden zu kommen und versetzen, was sie nicht zum Leben brauchen. Kommt ihr Hartz-IV rein, lösen sie das Pfand wieder ein. Pilling: So zwischen dem 28. und 3. jeden Monats ist hier viel los.“

Pillings Maxime: Kein Risiko
Die Kunst des Pfandleihers sei es, den Wert der Dinge angemessen zu taxieren. Geht er zu hoch, löst der Kunde das Pfand nie wieder ein. Bleibt er unter Wert, entgehen ihm Gebühren. Auch Gestohlenes ist brisant. Lederjacken oder Handtaschen? Keine Chance. Ansonsten entscheiden Menschenkenntnis und Bauchgefühl. Pillings Maxime: Kein Risiko, niemals. Bislang hatte er nie Ärger. Am liebsten mag er Stammkunden, die mehr als 90 Prozent der Kundschaft ausmachten. „Man kennt und schätzt sich. Ich hoffe, dass wir die Krise alle gesund und friedlich überstehen“, so Guido Pilling.
Bilder: Bernhard Preuss

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