Die alte Heimat im Herzen

Zwischen Tomaten, Eisbergsalat, Zwiebeln, Dönerspieß und frischem Fladenbrot steht Hussein Mhnna und seine Hände fliegen durch die Luft, als würde er ein ganzes Orchester dirigieren. Ausgestattet mit weißer Maske und Papiermütze steht er hinter der Verkaufstheke des libanesischen Imbisslokals „Kebabadin“ am Detmolder Bruchberg. Er legt die Salatzange und das elektrische Dönermesser zur Seite – stützt sich mit beiden Händen auf der Theke ab. „Ich mache mir große Sorgen, um meine Familienangehörigen in Beirut. Eine unglaubliche Katastrophe, einfach unfassbar. Wie in einem schlechten Film mit dem Titel ‚Stadt in Trümmern’“, sagt der 41-Jährige, der in der libanesischen Hauptstadt geboren ist und seit 1989 in Detmold lebt. Doch die Explosion vom 4. August im Beiruter Hafen, die bisher mehr als 200 Tote, 6000 Verletzte gefordert und 300.000 Menschen zu Obdachlosen gemacht hat, war keine Fiktion, sondern schmerzliche Realität. Tausende Tonnen Ammoniumnitrat, die jahrelang ungesichert in einer Halle am Hafen lagerten, haben große seiner Teile seiner Geburtsstadt in Schutt und Asche gelegt und viele Menschen in den Tod gerissen.„Die Menschen müssen ihre Kinder, Frauen, Männer, Brüder und Schwestern viel zu früh beerdigen“, sagt er und wischt sich mit dem Handrücken über seine feuchten Augen.

So viel Elend, so viel Leid

Am frühen Abend des 4. August ist Hussein gerade unterwegs, als plötzlich mehrere Nachrichten auf seinem Handy aufleuchten. „Es waren Filmchen, die eine gewaltigen Explosion mit ohrenbetäubenden Knall zeigten. Ich konnte sie erst gar nicht zuordnen“, sagt der 41-Jährige. Immer wieder klickt er sich durch die Videos, die Bekannte und Freunde aus dem Libanon im Netz teilten: „Als ich dann Beirut erkannt habe, hat es mich bis ins Mark erschüttert. So viel Leid, so viel Elend.“ Die verheerende Explosion, die riesige Feuer- und Staubwolke lassen düstere Erinnerungen an den Bürgerkrieg zwischen Muslimen und Christen aufleben, den Hussein hautnah erlebt hat. Er setzte sich auf eine Parkbank und versucht seine Verwandten im Libanon zu erreichen – ohne Erfolg. „Plötzlich hatte ich wieder diese Bilder von Krieg, Zerstörung, Geschrei sowie Schutt und Asche vor Augen, die eigentlich schon längst vergessen und in meinem Kopf und Herzen vergraben waren“, sagt Hussein, der seine ersten zehn Lebensjahre im vom Bürgerkrieg zerschundenen Libanon zwischen Trümmern und täglicher Todesangst verbrachte. Immer wieder Gewehrschüsse, Bombenalarm, Explosionen, Ohren zu halten und ab in den Luftschutzbunker. „Dort saßen die Menschen – alle weinten. Kinder drückten sich ängstlich an die Schultern der Mütter, die dem Nachwuchs Trost spenden, trotz eigener Todesangst und Ungewissheit in ihren Gesichtern und Augen“, erinnert sich Hussein. Stunden später endlich Entwarnung. „Wir sind aus den Kellern gekrochen und haben zwischen den riesigen Staubwolken die Gebäude gezählt, die noch standen“, erinnert sich Hussein. Am nächsten Tag habe er mit Kumpels Patronenhülsen gesammelt, eine Gummischleuder gebastelt und Krieg gespielt. „Die Schule war schon längst dem Erdboden gleichgemacht worden“, erinnert sich Hussein. So habe er mehrere Jahre mit Eltern und Geschwistern in Beirut nicht gelebt, sondern überlebt, fügt er hinzu. Sein Vater und seine Mutter versuchten alles, um dem Bürgerkrieg zu entfliehen.

Hussein Mhnna in seinem Detmolder Döner-Laden.

Dann ist es endlich soweit. Im November 1989 fliehen der zehnjährige Hussein samt Familie – Ziel sind Verwandte in Berlin. An die genaue Fluchtroute kann sich Hussein nicht mehr erinnern. „In Deutschland angekommen, haben wir uns in einen Zug gesetzt. Niemand von uns sprach ein Wort Deutsch, mein Vater hatte Sorge, dass wir uns verfahren und entschied, dass wir in Detmold aussteigen, obwohl wir hier niemanden kannten“, erinnert sich Hussein. Deutschland feierte den friedlichen Mauerfall und Husseins Familie den Sieg über die tägliche Todesangst und beantragte Asyl. Gemeinsam mit den acht Geschwistern wächst Hussein im idyllischen Lippe auf – macht sein Abitur, lernt Industriekaufmann, heiratet und ist zweifacher Vater.

Hussein macht sich große Sorgen um seine Verwandtschaft im Libanon.

2004 sucht er eine neue berufliche Herausforderung und fängt im Imbiss „Kebabadin“ an. „Ich bin glücklich und sehr dankbar, dass Deutschland mir und meiner Familie ein Leben in Sicherheit, Frieden und Freiheit ermöglicht“, sagt Hussein. Alles gut – bis vor drei Wochen. „Wieder Geschrei, klirrende Fenster, Blaulicht in den Straßen und Gassen, in denen er Krieg und Elend erlebt hat – diesmal nicht in Realität, sondern auf Bildern und Videos. Ich saß weinend auf einer Detmolder Parkbank und habe mir die Ohren zugehalten“, sagt der Familienvater. In den darauffolgenden Tagen erreicht er alle seine Bekannten und Verwandten in dem kleinen Mittelmeerstaat: „Zu Glück ist keiner gestorben, doch einige haben ihr Hab und Gut verloren“, sagt Hussein. Auf den Straßen von Beirut habe nun das große Aufräumen begonnen. „Wer helfen kann, hilft denen, die sich selbst nicht helfen können“, sagt Hussein. Auch eine Schwägerin und mehrere seiner Cousins hätten ihren Jahresurlaub geopfert, seien nach Beirut geflogen, um den Menschen unter die Arme zu greifen. Die schreckliche Explosion habe vieles zerstört, doch nun hätten sich viele junge Menschen, ausgestattet mit Besen und Schaufeln, zu Räumkolonnen zusammengetan, um ihre Stadt wieder aufzubauen: „Da arbeiten nun Muslime und Christen, deren Vorfahren vielleicht aufeinander geschossen haben, Hand in Hand für eine gemeinsame Zukunft.“ Das sei sehr rührend und mache ihm große Hoffnung, sagt Hussein.
Fotos: Bernhard Preuss

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