Traum in der Corona-Tristesse

Wenn Ivano Castagna die Augen schließt, steht er in Hollywood neben den Schauspielern Al Pacino und Robert de Niro am Filmset – das Trio dreht einen weiteren Teil der Krimireihe „Der Pate“ und Ivano ist mittendrin – sein Traum als großer Leinwandstar. Der heute 30-Jährige aus Detmold hatte schon im Teenageralter mehrere Fernsehauftritte. Als Drogendealer, Bandenboss und Gigolo stand er für die Produktion „Richter Alexander Hold“ vor der Kamera und war auch in der Serie „K11 – Kommissare im Einsatz“ zu sehen. Nach dem Abitur 2010 bewarb er sich an einigen Hochschulen für den Studiengang Schauspiel, doch er vergeigte vor Aufregung die Aufnahmeprüfungen. „Die Schauspielerei ist und bleibt mein Traum. Mir gefällt es, in andere Welten einzutauchen“, erklärt er seine Leidenschaft.Doch wenn Ivano die Augenlider wieder öffnet, landet er in der Tristesse der Gegenwart – zwischen Bergen von Weinkartons mit italienischer Aufschrift – Vino rosso, bianco, rosato und Prosecchi. Er ist seit Mitte 2019 Weinhändler und will mit der Geschäftsidee in die Fußstapfen seiner Eltern treten, die 2018 ihr Restaurant „L’Arte“ in der Detmolder Innenstadt aufgegeben hatten. „Ich kann leider nicht kochen, sonst hätte ich das Restaurant weitergeführt“, sagt Ivano, der sich als absoluten Kenner des italienischen Rebensaftes bezeichnet. Er sei kein Sommelier, habe aber die Weine fürs Restaurant der Eltern eingekauft, gekostet und die Gäste bei der Auswahl beraten. Doch die Idee, die flüssigen Köstlichkeiten ohne Pizza, Pasta und anderen italienischen Leckereien anzubieten, kommt derzeit nicht an – nur wenige Kunden klicken auf seine Homepage oder finden den Weg in seine Lemgoer Verkaufsräumlichkeiten. „Hier lagert Wein im Wert von mehr als 30.000 Euro. Ich habe mein ganzes Geld in diese Idee investiert, doch Corona hat all meine Pläne durchkreuzt“, sagt Ivano und streicht den feinen Staub von den Flaschen.

Viel Wein, der auf Kundschaft wartet.

Bereits nach dem ersten Lockdown im März sei der Umsatz auf Null gesunken. Anschließend versuchte er mit einem Geschäftspartner via Internet ein Käse- und Weintasting zu etablieren, um sich über Wasser zu halten. „Die Kunden erhalten sechs Käsesorten sowie je eine Flasche Rot- und Weißwein für 49,95 Euro. Dazu gibt’s einen Videolink, in dem wir die Käse- und Weinfans über die Köstlichkeiten informieren“, erklärt Ivano. Ziel sei eine geführte Verkostung per Livestream am Bildschirm, wenn sich die Geschäftsidee etabliert habe. „Es läuft langsam an. Ich hoffe, dass sich die Menschen auch in Zeiten der Pandemie für diese Idee begeistern“, sagt Ivano. Das Virus bestimmt jede Sekunde seines Lebens. „Teilweise liegen die Nerven blank, denn die Mischung aus Langeweile und Existenzangst kann ganz schon explosiv sein“, sagt der gebürtige Italiener. Hinzu kommen finanzielle und gesundheitliche Probleme – innerhalb von vier Monaten habe er 20 Kilo abgenommen. „Schlimmer geht’s kaum und der zweite Lockdown, der ab Montag in Kraft tritt, ist eine Katastrophe für alle, die von der Gastronomie leben“, betont der 30-Jährige.

Ein Mann voller Emotionen

Als „Kind der Gastronomie“ fühle er mit den Kneipen-, Café- und Restaurantbetreibern, die nun zum zweiten Mal als „Bauernopfer“ für die Hilfslosigkeit der Politik herhalten müssten. „Die neuen Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie wirken wenig durchdacht, unverhältnismäßig und willkürlich“, sagt der Weinhändler. Vier Wochen lang würden jetzt weite Teile des öffentlichen Lebens lahmgelegt: „Welchen Nutzen die Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie bringen werden, ist völlig offen.“ Er spricht ohne Unterbrechung, mit ausdruckstarker Mimik und Gestik – ballt die Fäuste, streicht mit den Fingern über die Stirn, reißt die Augen auf, verzieht die Mundwinkel. „Entschuldige bitte die Emotionen, aber die Coronapolitik bedroht so viele Existenzen, da muss die Leidenschaft mal raus“, sagt Ivano und redet weiter. Er beobachte ausführlich die Pläne zur Pandemie-Bekämpfung in Deutschland und der EU: „Ich lese viel auf den Internetseiten von Virologen, Ministerien und Instituten – ich habe ja gegenwärtig viel Zeit“, fügt er mit gequältem Lächeln hinzu. Daher sei er sich sicher, dass die Politik mit den seiner Meinung nach planlosen Beschlüssen vom Mittwoch auf das Prinzip Hoffnung setze: „Was geschieht, wenn sich der „Wellenbrecher“, von dem die Bundeskanzlerin sowie die Länderchefinnen und -chefs nun gerne reden, als wirkungslos erweist und die Zahl der Neuinfektionen Anfang Dezember erneut steil ansteigt?“ Werde dann ein dritter Lockdown beschlossen? Wie oft wolle die Politik das öffentliche Leben noch zum Erliegen bringen? Bis endlich ein Impfstoff gefunden sei? „Ein Meer voller Fragen und keine Antworten“, fasst Ivano zusammen. Er hätte sich einen „differenzierten Lockdown“ gewünscht, der regionale Unterschiede berücksichtigt, besonders Corona-Hotspots in den Fokus nimmt, anstatt das Land wieder herunter zu fahren und den Unmut in der Bevölkerung zu vergrößern.

Ivano Castagna und Erol Kamisli (v. rechts)

Pause – er atmet tief durch, als hätte er sich endlich alles von der Seele geredet. Er klammert sich an einen Weinkarton und fügt mit leiser Stimme hinzu: „Nachts, wenn ich alleine vor dem Fernseher sitze und Serien schaue, stelle ich mir immer noch die Frage, warum ich nicht für meinen großen Traum als Schauspieler gekämpft habe und mich die Absagen so entmutigt haben?“, sagt Ivano. Eine Antwort auf die Frage hat er nicht – lediglich ein kraftloses Schulterzucken. „Ich weiß es nicht, aber die Schauspielerflamme in meinem Herzen ist nicht ganz erloschen“, sagt Ivano und schließt die Augen.
Fotos: Bernhard Preuss

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