Gastro-Sterne aus Solidarität

Es sind schwere Wochen für die Betreiber von Restaurants, Kneipen und Cafés, die bis Ende November ihre Türen nur für Abholspeisen und –getränke öffnen oder ganz schließen müssen. Mit einem ungewöhnlichen Hilfsangebot will der Lemgoer Bäckermeister Ingo Dickewied in der aktuellen Corona-Krise ein Zeichen der Solidarität setzen: Er und sein Team backen bis Monatsende jeden Tag hunderte „Gastro-Sterne“, die sie für einen Euro verkaufen, mit dem Erlös sollen die heimischen Gastronomen unterstützt werden. „Das Angebot kommt bei den Kunden super an, die kaufen uns täglich in wenigen Stunden die Auslagen leer. Innerhalb von vier Tagen haben wir mehr als 1500 Sterne verkauft“, freut sich der 49-Jährige am Donnerstag.

Die Lemgoer Bäckermeister Ingo und Julian Dickewied (v.li.). samt Gastronsternen

Er hat zusätzlich einen weiteren Helfer eingestellt, der den Hefequarkteig per Hand und Schablone aussticht, die Sterne in Ofen schiebt und mit etwas Schokoglasur versieht, damit die Nachfrage einigermaßen gestillt wird. „Mit den Einnahmen kaufen wir 10-Euro-Gutscheine von lippischen Gastronomen, für die es aufgrund der seit Montag geltenden neuen Coronaschutzregeln brenzlig wird“, unterstreicht Dickewied, der die Bäckerei in vierter Generation führt. „Wir müssen doch etwas tun und irgendwie helfen“ – aus diesem Antrieb heraus hätten er und seine Frau Ute „aus dem Bauch heraus am Frühstückstisch die Idee entwickelt“ und mit Sohn Julian, ebenfalls Bäckermeister, sowie dem gesamten Team in die Tat umgesetzt. Mit ihrem Angebot sei die Bäckerei seit Montag in den sozialen Medien vertreten – die Resonanz sei überwältigend. „Wir haben Anfragen und Bestellungen ohne Ende aus der gesamten Republik. Von Firmen und Privatpersonen, die gleich mehrere hundert Sterne bestellen. Sogar eine Lipperin, die inzwischen auf der Insel Helgoland lebt, hat 25 Stück bestellt“, freut sich Dickewied. Ein heimischer Gastronom, der bis Ende November in Kurzarbeit sei, habe seine Azubis als „Ausstechhilfen“ angeboten: „Ich überlege, das Angebot anzunehmen.“ Er verdiene keinen Cent, sondern zahle sogar die Zutaten und die Arbeitskräfte, die er für die Aktion benötige, aus der eigenen Tasche. „Jeder Euro wird in Gutscheine investiert und am 1. Dezember unter den Kunden verlost, deren Kontaktdaten nach dem Sternekauf in einem Lostopf gesammelt werden“, betont Dickewied, der durch die Schließung seines Bäckerei-Cafés und der gesunkenen Nachfrage aus der Gastronomie ebenfalls unter dem Lockdown leidet. „Aber wir blicken jetzt nicht mal auf uns, sondern auf die Kollegen“, fügt der 49-Jährige hinzu.Daniela Kaufmann hat an diesem Donnerstagmorgen einen Gastro-Stern samt Kaffee im Detmolder „Verve“ gekauft – das Café, das derzeit nur Außer-Haus-Verkauf anbietet, ist der einzige Laden, der das Sternegebäck außerhalb von Lemgo verkauft. „Die Aktion ist total klasse“, sagt die Stammkundin und unterstreicht: „Es ist wichtig, zu überlegen, wie wir unsere Gastonomen unterstützen können.“ Einen Milchkaffee samt Gebäck bestellt an diesem Vormittag auch Mirko Schneider – er stammt aus einer Bielefelder Gastronomenfamilie und empfindet die Situation aufgrund der neuen Verordnung als „sehr bitter“. Gerade der November und Dezember mit den Weihnachtsfeiern seien wichtige Monate fürs Geschäft. Doch der 28-Jährige weiß auch Positives zu berichten: „Corona hat mir gezeigt, dass Menschen in schwierigen Zeiten füreinander da sein können.“ Schon beim Lockdown im Frühjahr habe seine Familie viel Unterstützung erfahren. Kunden hätten Gutscheine erworben und jemand habe sogar angeboten, eine volle Monatsmiete zu übernehmen.

Juri Helm, Geschäftsführer des Verve in Detmold.

Juri Helm, Geschäftsführer des Verve, freut sich über den großen Erfolg der Solidaritätsaktion des Bäckers aus der Nachbarstadt. „Der Ingo hat ein großes Herz und wir sind ihm sehr dankbar, da auch wir von der Aktion profitieren“, sagt Helm. Der 38-Jährige, der gemeinsam mit Geschäftspartnern mehrere gastronomische Betriebe in ganz OWL führt, hat den Ärger über die erneute Schließung inzwischen etwas verdaut. „Die staatlichen Hilfen werden konkreter und sorgen für etwas Beruhigung bei uns und auch unter den Kollegen“, sagt Helm. Er sei glücklich nicht nur über die große Geste von Ingo, sondern auch über die Treue der zahlreichen Stammkunden sowie die Hilfen der Stadt Detmold, die die Pacht für die Außenbereiche gesenkt oder gar erlassen habe. Auch die Nachrichten, die der neue Bürgermeister Frank Hilker immer wieder in den sozialen Medien absetze und darin die Bürger aufrufe, die heimischen Gastronomen und Einzelhändler zu unterstützen, seien sehr ermutigend. „Es sind sehr schwierige Zeiten, aber die Solidarität von vielen Seiten ist Balsam für die geschundene Gastronomenseele“, betont Helm. Solidarität ist auch das, was Bäckermeister Dickewied und sein Team antreibt: „Wenn wir Selbstständigen jetzt nicht zusammenhalten, wann dann?“

Udo-Jürgens-Fans warten ganz ungeduldig

Während der Sterne-Sonderschichten in der Backstube unterhält Ingo Dickewied, der nach Meinung vieler Udo-Jürgens-Fans nicht nur exzellent backen, sondern auch meisterhaft singen kann, sein Team mit Songinterpretationen, die aus der Feder des 2014 verstorbenen Künstlers stammten. „Damit trainiere ich meine Stimmbänder für mein Abschiedskonzert in der Phoenix-Contact-Arena, das für Dezember dieses Jahres vorgesehen war und wegen Corona auf Ende 2021 Jahr verschoben wurde. „Ich möchte mit meinen Fans ein tolles Abschiedskonzert ohne Maske feiern, da ich danach meine Sängerkarriere beenden werde“, sagt Dickewied. Derzeit „beglücke“ er seine Familie und die Mitarbeiter mit dem Song „Ich glaube“ von Udo Jürgens aus dem Jahr 1969, darin schlägt der berühmte Sänger sehr nachdenkliche Töne an. „Das Lied beschreibt meine derzeitige Gemütslage sehr gut“, sagt Dickewied. Seine Lieblingszeile: „Ich glaube, Mensch sein und es auch beweisen – das ist viel nützlicher als jede Heldentat.“ Und woran glaubt er? „Daran, dass alles irgendwann gut wird“, sagt Dickewied und verabschiedet sich in die Backstube, um nach den Sternen zu sehen.
Fotos: Bernhard Preuss

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