Kulturhelfer im Krankenhaus

Musiker am Klavier, mit Gitarre oder Mundharmonika im Innenhof oder gleich als komplette Band auf dem Dach des Klinikums Lippe in Detmold – dazu Maler, Bildhauer, Fotografen, die in den Klinikfluren ihre Kunstwerke präsentieren und natürlich die Dr. Clowns. „Für einen erfolgreichen Heilungsprozess müssen Körper und Geist gleichermaßen angesprochen werden. Kunst und Kultur haben einen positiven Einfluss, sie bewegen, regen zum Nachdenken und Träumen an, strahlen Lebenskraft aus und geben Hoffnung – auch und vor allem in Zeiten von coronabedingten Besuchsverboten“, davon ist Ewald Gancer, Gründer der „Cultur-Tupfer“ überzeugt.
Er muss es wissen, der 67-Jährige arbeitete knapp 30 Jahre als Pfleger in der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie in Detmold. Seit April vergangenen Jahres ist Schluss. Er ist in Rente, doch als Vorsitzender des Klinik-Kulturvereins macht er bis 2022 weiter. Auf der Grundidee, dass Freude hilft, besser und schneller gesund zu werden, basiert die Gründung der „Cultur-Tupfer“ im Herbst 1998. „Damals gehörten wir mit der Vorstellung, dass ein modernes Klinikum in der medizinischen Versorgung die Ganzheitlichkeit des Menschen berücksichtigen muss, noch zu den Pionieren. Doch mittlerweile hat Kultur in vielen Krankenhäusern, Behörden und Firmen ihren Platz gefunden“, meint Gancer.

Ewald Gancer, Gründer der „Cultur-Tupfer“ am Klinikum Lippe.

Die Idee, die vor 22 Jahren als Projekt startete, sei heute es aus dem Klinikalltag nicht mehr wegzudenken. „Rund 2700 Veranstaltungen haben wir bislang realisiert, mehr als 70.000 Besucher kamen zu Konzerten, Ausstellungen, Lesungen und Theateraufführungen in unsere Klinik“, freut sich der 67-Jährige.Somit mache sich das Krankenhaus die lebensbejahenden Impulse zu Eigen, die auch dem normalen Alltagsleben mit Sinn und Gehalt erfüllten: Theater, Kunst, Literatur und Musik. „Die Patienten können sich in ihnen für einen Moment verlieren, sie können alles, was sie in diesem Moment beschäftigt, vergessen und einfach mal loslassen“, betont Gancer. Auch er selbst habe mehrfach die positiven Kultur-Auswirkungen auf die Patienten live miterlebt: „Die Menschen, die morgens im Schlafanzug bei der Pflege und den Untersuchungen völlig verunsichert waren, habe ich am Abend im schicken Outfit während einer Ausstellungseröffnung auf der Station getroffen. Die Macht und Kraft der Kultur ist unglaublich.“Alles was auf dem Kunst- und Kulturmarkt in der Region Rang und Namen hat, war bereits Gast am Detmolder Klinikum – auch in Coronazeiten. Die Bilder der Maler werden im Vierteljahres-Rhythmus auf den insgesamt 12 Stationen und im Klinikfoyer gewechselt. „Es gibt ein Ausstellungskonzept und wir achten auch darauf, was auf den einzelnen Stationen gezeigt wird. Wir verzichten auf die Darstellung von Angst, Gewalt, Depression sowie Ausweg- und Perspektivlosigkeit. Trotzdem blenden wir die Auseinandersetzung mit Leid und Trauer nicht aus“, betont Gancer. Auch im kommenden Jahr wollen die Kreativen die Klinikflure als Plattform nutzen, um ihre Werke zu präsentieren. „Die Ausstellungstermine für 2021 sind bereits ausgebucht. Doch die Hoffnung einiger Künstler, dass besserverdienende Mediziner plötzlich zu Kunstsammlern werden, hat sich bisher in den seltensten Fällen erfüllt“, schmunzelt Gancer. Der Verein „Cultur-Tupfer“, der derzeit von 65 Mitglieder getragen wird, hat nicht nur die Patienten, Besucher, sondern auch die Mitarbeiter im Fokus. „Wir haben 2012 einen Klinik-Chor gegründet, der derzeit 16 Mitglieder hat, aber wegen der Coronabeschränkungen nicht üben und auftreten kann“, bedauert Gancer, der seit 47 Jahre in Lippe lebt.

Den gebürtigen Trierer verschlägt es 1973 aus beruflichen Gründen nach Detmold. „Ich hatte als gelernter Bandagist und Masseur eine Praxis mit meiner Frau“, sagt Gancer. Doch im Alter von 36 Jahren drückt er erneut die Schulbank und schließt 1993 seine Ausbildung zum Krankenpfleger ab. „Der Pflege- und Gesundheitsbereich ist anscheinend unserer Familie in die Wiege gelegt worden“, sagt der zweifache Vater und dreifache Opa. Seine beiden Kinder, zwei Schwestern sind im ebenfalls in Kliniken tätig und auch seine Eltern waren während des zweiten Weltkriegs im Sanitätsdienst, zählt der 67-Jährige auf. Woher kommt sein Engagement für die Kultur? „Ich spiele kein Instrument und habe mich auch nicht an Leinwänden ausprobiert oder ausgetobt“, sagt der Rentner. Als Jugendlicher sei ihm Musik wichtig gewesen, er habe Genesis, Ekseption, eine Symphonic-Rock-Formation aus den Niederlanden, und Deep Purple mit Freunden gehört. Dass er auch Fan der Bee Gees war, behielt er für sich und hörte deren Songs, wenn die Kumpels nicht in der Nähe waren. Die Gründung der „Cultur Tupfer“ habe nichts mit seinen Leidenschaften zu tun. „Ich habe damals von dem Kulturprojekt am Uniklinikum in Münster gehört und wollte diese tolle Idee unbedingt ans hiesige Klinikum holen, um den Menschen etwas Gutes zu tun“, erinnert sich Gancer. Sein unermüdlicher Einsatz für die Kultur im Klinikalltag wurde bereits mit Preisen und Auszeichnungen bedacht, wie etwa 2017 mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland sowie 2012 mit dem Lippischen Ehrenring in Silber. In der Begründung heißt es: „Der Verein trägt mit seinen vielseitigen und bunten Veranstaltungen zur Gesundung der Patienten bei und sorgt mit seinem Engagement für Oasen der Ruhe in der Hektik des Klinikalltags.“ Gancer hört aufmerksam zu, nickt und lacht: „Dem ist nichts hinzuzufügen.“
Fotos: Bernhard Preuss

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