„Es fehlt das Abschiednehmen“

Dass der Tod zum Leben gehört, weiß keiner so gut wie Friedrich Kramer. Der 62-Jährige ist Bestatter in dritter Generation in Bad Salzuflen. Zwölf Covidverstorbene haben er und seine neun Mitarbeiter in den vergangenen Wochen beerdigt – insgesamt sind in der Salzestadt bisher 28 Menschen in Verbindung mit dem Coronavirus verstorben (Stand: Freitag, 18.12.2020). Ein trauriger Spitzenwert im gesamten Kreis Lippe, der bisher 106 Tote zählt (Stand: Freitag, 18.12.2020). „Doch die Gesamtzahl der Toten wird wahrscheinlich in diesem Jahr nicht höher sein als 2019“, sagt Kramer, der auch Vorsitzender des Bestatter-Kreisverbandes Minden-Herford-Lippe ist. Er sei sich sicher, dass die Todeszahlen im Zusammenhang mit den Virus ohne die Schutzmaßen im Frühjahr, die Masken- und Abstandspflicht sowie den aktuellen Lockdown-Maßnahmen samt Ausgangssperre noch höher ausgefallen wären. „Ich unterstütze die Entscheidungen des Kreises und der Landesregierung“, betont Kramer.Aber Corona hat die Trauerarbeit des Bestatters verändert. „Sie ist geprägt von Schutzvorkehrungen, Bürokratie und vor allem Distanz. Ganz besonders, wenn es sich bei dem Verstorbenen um einen Corona-Infizierten handelt“, erklärt Kramer. Dann sei eine „normale“ Bestattung nicht mehr möglich. „Wenn wir einen Verstorbenen abholen, der Covid-19 infiziert war, müssen wir einen Vollkörperanzug, Handschuhe, Brille, Mundschutz und Schuh-Überzieher tragen“, sagt Kramer.

Wie Krankenpfleger oder Ärzte müssten sich auch die Bestatter selber schützen. Allen „Covidtoten“ werde ein Tuch, das mit Desinfektionsmittel getränkt sei, auf Mund und Nase gelegt. Anschließend werde der Leichnam in eine Bergungshülle gebettet. „Dieser Umgang ist für uns nicht neu. Auch bei anderen Infektionskrankheiten wird ähnlich vorgegangen – beispielsweise bei Hepatitis-Infizierten.“ Wünschten sich die Angehörigen das Aufbahren, müssten Regeln eingehalten werden. „Der Sarg bleibt verschlossen, Abstand muss gewahrt bleiben und eine Teilnehmerliste erstellt werden.“, erklärt der 62-Jährige. Der Tod von Covidpatienten hinterlasse viele Angehörige, die kaum Trost finden könnten. „Bekannte, Freunde, Nachbarn können die Hinterbliebenen nicht trösten. Kein Händedruck, keine Umarmung. Da kommen sich viele ganz, ganz verloren vor“, sagt Kramer. Zudem fehle auch das „Kaffeetrinken nach der Beerdigung“, wenn die Trauergemeinde zusammensitze und sich gemeinsam an den Verstorbenen erinnere. „Da werden auch lustige Geschichten ausgetauscht, dass hilft beim Abschiednehmen, doch dies fällt jetzt komplett weg. Sich am Grab zu trennen und alleine heimzugehen, ist ungleich schwerer“, hat der Detmolder Bestatter Torsten Althof, Inhaber des Bestattungsunternehmens Moeller-Friedrich, beobachtet.

Bestatter sehen noch keine Übersterblichkeit

Zwei, der bisher zehn Covidverstorbenen in der Residenzstadt (Stand: Freitag,18.12.2020), haben Althof und sein Team beerdigt. Doch eine „Übersterblichkeit“ aufgrund von Covid-19 sei nicht festzustellen. „Ich gehe davon aus, dass bis zum Jahresende die Gesamtzahl der Toten in Detmold, die in den vergangenen Jahren bei durchschnittlich 700 lag, nicht übertroffen wird“, sagt der 52-Jährige. Dass die Todeszahlen, trotz Pandemie, nicht gestiegen seien, liege an den beschlossenen Schutzmaßnahmen und der hervorragenden Arbeit von Pflegern und Medizinern an den hiesigen Klinken und sei überhaupt kein Argument gegen Lockdown und Ausgangssperre, betont Althof. „Denn nur wenn sich alle solidarisch an die Vorschriften halten, wird die Zahl der Verstorbenen nicht steigen“, fügt der Detmolder hinzu. Die Einschätzungen der beiden Bestatter zu den Todeszahlen werden durch die Erhebungen des Statistischen Landesamtes NRW in Düsseldorf bestätigt. Die Zahl der Verstorbenen im Kreis Lippe bis einschließlich Oktober 2020 liegt bei 3.525 – das sind 66 Tote weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres und 89 Verstorbene weniger als im Oktober 2018. „Die Gesamtzahl der Verstorbenen im Kreis Lippe, also plus der Monate November und Dezember, für die Jahre 2018 und 2019 lag bei gut 4.300. In diesem Bereich wird es sich auch Ende 2020, wenn die Zahlen für die ausstehenden beiden Monate vorliegen, einpendeln“, sagt Leo Krüll, Sprecher der Behörde. Derzeit gebe es keine Hinweise auf eine „Übersterblichkeit“ aufgrund von Coviderkrankungen – nicht in Lippe und auch nicht in NRW. „Die gestiegene Zahl von Infektionen darf nicht mit der Anzahl der Todesfälle verwechselt oder gleichgesetzt werden“, betont Krüll. Der Inzidenzwert, also die Zahl der bestätigten Neuinfektionen innerhalb von sieben Tagen bezogen auf 100.000 Einwohner, liegt im Kreis Lippe aktuell bei 274,2 (Stand: Freitag, 18.12.2020) – Ziel ist ein Wert von 50. Seit vergangenem Samstag gilt im gesamten Kreisgebiet eine Ausgangssperre von 22 bis 6 Uhr.
Fotos: Bernhard Preuss

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