Anlaufpunkt für die Seelen

Eine ältere Patientin im Rollstuhl wird samt Handy auf den Balkon geschoben. Sie soll wieder ihre Kinder und Enkel, die unterm Fenster der abgeriegelten Station stehen, während des Telefonats sehen. Nebenan greifen Pfleger die Hand eines schwachen Patienten, um sein Smartphone zu entsperren, damit er seine Angehörigen per Videoanruf erreicht. Zwei von unzähligen Zeichen der Hoffnung und Mitmenschlich gegen die Angst, das Alleinsein hinter den Klinikmauern. „Die wahren Helden dieser Pandemie sind die Pfleger und Mediziner, die trotz steigender Infektionszahlen, jeden Tag wirklich alles geben und voller Empathie handeln“, sagt Pfarrerin Gerlinde Kriete-Samklu, die seit 22 Jahren Klinikseelsorgerin am Detmold Krankenhaus ist. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Petra Siekmann-Heide sowie dem katholischen Theologen Johannes Brüseke bietet sie an Klinikstandorten Detmold und Lemgo Seelsorge an, wenn gewünscht.

Angst um Ehefrau

Zu diesen Heldinnen des Trios gehört auch Intensiv-Pflegerin Ilse, die ihren echten Namen und den Arbeitsort nicht nennen möchte. Sie erzählt vom Anruf eines Ehemanns einer schwer erkrankten Covid-19-Patientin. „Den Mann quälte die Angst um seine 86-jährige Frau. Wir waren an ihrer Seite, doch wir versuchen nicht mit jedem Patienten ‚mitzusterben‘, weil der nächste Bedürftige schon wartet“, sagt Ilse. Diese „Professionalität“ habe sie immer noch nicht wirklich drauf, doch sie habe gelernt, sich einigermaßen emotional abzuspalten, um trotz der vielen Erfolge nicht an den unvermeidlichen Niederlagen kaputtzugehen. Sie sei sehr zuversichtlich, dass viele weitere Covid-Patienten genesen. „Leider werden auch einige Menschen sterben, aber wir werden keinen Patienten kampflos gehen lassen. Wir geben alles, für alle“, verspricht Ilse.

Zu seinen Gesprächen begrüßt Johannes Brüseke immer mehr Krankenhausmitarbeiter. „Dieses Jahr hat alle unglaublich angestrengt und ausgelaugt – beruflich wie privat“, sagt der 59-Jährige, der seit acht Jahren Seelsorger ist. Und mit den hohen Infektionszahlen steige die Angst vor einer weiteren Überlastung. Doch wenn er über die Stationen gehe, um sich vorzustellen und ein Gespräch anzubieten, ließen sich auch Patienten und Angehörige auf einen persönlichen oder telefonischen Austausch ein. „Für Angehörige sind wir wichtige Ansprechpartner in Zeiten der Ungewissheit und Sorge, denn wir stehen immer wieder stellvertretend für sie am Krankenbett, auch im Vollschutz bei Covid-19-Patienten, weil Besuchszeiten eingeschränkt oder verboten werden mussten“, sagt Brüseke.

Gottesdienst to go

Wenn er im Auftrag von Angehörigen die Kranken besuche, seien seine ersten Worte zum Beispiel: „Ihre Tochter hat mich angerufen und würde Sie am liebsten selber besuchen, doch sie hat mich gebeten, Ihnen herzliche Grüße auszurichten.“ Dann bekomme er meistens erstmal stumm die Geste: Bitte setzen Sie sich. Daraus entwickelten sich die Seelsorge-Gespräche. „Dann ist die Aufgabe dranzubleiben, und nicht zu sagen, das wird schon wieder, machen Sie sich mal nicht so viele Gedanken, Angst brauchen Sie nicht zu haben. Sondern mit den Patienten mitzugehen, mit ihren Gedankengängen, ihren Gefühlen“, betont Brüseke.
Zustimmung von Pfarrerin Petra Siekmann-Heide, die nach ihrer fünfjährigen Tätigkeit in Detmold nunmehr seit drei Jahren am Lemgoer Krankenhaus Seelsorge anbietet. Sie spüre während der Corona-Pandemie ein noch stärkeres Bedürfnis nach Zuspruch und Ermutigung. „Doch die Gespräche sind keine Trauerveranstaltung. Es wird gelacht, gewitzelt und es werden auch nachdenkliche Gedanken eingeworfen – ein ganz normale Unterhaltung, mit allen Höhen und Tiefen“, betont die Geistliche. Diese Gedanken von Trost und Hoffnung möchte die Pfarrerin auch während eines „Gottesdienst to go“ an Heiligabend im Andachtsräumen des Lemgoer Klinikums verbreiten. „Wir haben ein Päckchen samt Predigt zusammengestellt und werden diese den Besuchern vor Ort, um zehn und 15 Uhr, überreichen“, fügt Siekmann-Heide hinzu.

Auch im benachbarten Detmold verzichten die Klinikseelsorger auf eine Versammlungen der Gläubigen hinter den Klinikmauern. „Weil wir hier die technischen Voraussetzungen haben, werden wir den Gottesdienst aus dem Andachtsraum in alle Zimmer übertragen – wer möchte, kann einschalten“, sagt Pfarrerin Gerlinde Kriete-Samklu. Die Andacht solle die Zuschauer trösten, ermutigen und zeigen, dass sie nicht alleine seien. „Dies ist in dieser Pandemie, mit all ihren Einschränkungen, eine wichtige und heilsame Erfahrung“, fügt Johannes Büseke hinzu.

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