Fremd in der neuen Heimat

Ivan* fährt mit seinem schwarzem BMW samt verdunkelter Scheiben und breiten Reifen auf den Parkplatz eines russischen Supermarktes – die Schneereste auf der Heckscheibe sind noch nicht ganz abgetaut und verdecken halb den Schriftzug „Rossija“, der in russischen Nationalfarben aufgeklebt ist. Ich lernte den heute 56-Jährigen Schweißer im Sommer 2019 bei Recherchen für einen Artikel kennen. Er ruft mich heute Vormittag an und berichtet, dass sein Schwager und sein Neffe am Samstagabend an einer Versammlung der christlichen Freikirche Jesu Christie in Herford teilgenommen hätten, die von zahlreichen Polizisten aufgelöst worden war. Nach Behördenangaben hatten sich 111 Erwachsene und 44 Kinder in einem Bethaus am Stadtrand versammelt. Die Erwachsenen müssen jetzt mit Anzeigen wegen Verstoß gegen das Infektionsschutzgesetz rechnen – ihnen drohen jeweils 250 Euro Bußgeld. Inzwischen ist die Homepage der Gemeinde offline und in älteren Videos auf „YouTube“ ist zu sehen, wie die Herforder Mitglieder der Freikirche ihre Treffen mit Musik und Gesang abhielte – alles in russischer Sprache und großen Gesten.„Die Gläubigen und auch die vielen Kinder sind schockiert“, sagt Ivan am Telefon. Er möchte gerne über die völlig überzogene Kritik und nach seiner Meinung ungenaue Berichterstattung unter vier Augen sprechen – trotz Schneefalls verabreden wir uns zu einem Treffen unter freiem Himmel.

Am Boden einer Gesellschaft

Er steigt mit Maske aus dem BMW und auch die Beifahrertür öffnet sich – sein Kumpel Eugen*, ebenfalls vermummt, ist dabei. Beide in schwarzen, halblangen Lederjacken. Die Schneeflocken bleiben an Schultern, Rücken und Ärmeln der kräftigen Männer hängen – vor meinem geistigen Auge sehe ich auf einmal zwei schwarz-weiß gescheckte Riesen. Ich vertreibe die Gedanken. Ivan kommt unter dem Supermarkt-Vordach gleich zur Sache. „Die Herforder sind gute Menschen, haben nichts böses gemacht, sondern wollten nur beten in diesen schwierigen Zeiten und gemeinsam bei Gott sein“, sagt er. Doch warum haben die Gottesdienst keine Schutzmasken getragen, keinen Mindestabstand eingehalten und sind teils vor der Polizei geflohen? Ivan: „Ich weiß es nicht, vielleicht fühlen sie sich ohne Maske und Abstand ihren Mitmenschen und Gott näher und nach meinen Informationen sind sie geflohen, weil die Polizisten so respektlos vorgegangen ist.“ Er sei auch in einer Freikirche und müsse sich seit Sonntag wieder von seinen deutschen Nachbarn anhören, dass er ein Coronaleugner sei. „Ich trage Maske und bin auch nicht in dieser Herforder Gemeinde, aber dies interessiert die Leute nicht. Anscheinend bin ich in deren Augen ein Verschwörungstheoretiker“, sagt der Familienvater. Und ist er es? „Nein, aber ich habe meine Meinung zu einigen Weltkapitalisten, aber dies tut nichts zur Sache“, sagt der Detmolder, der 1989 mit 25 Jahren aus Kirgisien nach Deutschland einreiste. Auch er sei gläubig und Mitglied in einer Freikirche, da die religiöse Praxis und Lehre in der katholischen und evangelischen Kirche ihm viel zu lasch sei und dem Zeitgeist hinterherhechele. „Den Freikirchen geht um ein intensiveres, entschiedeneres Christentum. Damit werden wir von Teilen der Gesellschaft als radikal abgestempelt, die uns hier immer noch als Fremde ansieht“, sagt Ivan und sein Kumpel Eugen nickt. Sie fühlen sich am Boden einer Gesellschaft, in der für sie ein neues Leben beginnen sollte. Ein besseres. Besser als jenes, das sie zurückgelassen haben, in der Ex-Sowjetunion. Wo Menschen sie daran erinnerten, dass sie „Deutsche“ sind. „Die Bezeichnung klang wie ausgespuckt“, erinnert sich Ivan.

„Machmal sitze ich hier und sehne mich nach nach der alten Heimat“

Und als die Sowjetunion zerfiel, stiegen Großfamilien in Züge und Flugzeuge in Richtung Westen und ließen alles andere zurück. Doch in der fremden Heimat, in der sie landeten, erinnerten sie die Menschen dann daran, dass sie Russen sind. Auch Ivan und Eugen glaubten, dass die Russlanddeutschen nur die Sprache lernen, nur Ausbildungsplätze finden müssten. „Es war alles Schwindel. Wir sind als Deutsche geholt worden und wurden nicht als Deutsche behandelt“, meint Ivan. Eugen erhebt seinen rechten Zeigefinger und bittet ums Wort: „Manchmal sitze ich in meiner Wohnung und sehne mich nach der alten Heimat.“ Der 54-Jährige weiß, dass es eine verklärte Sehnsucht ist, weil er die engen Wohnverhältnisse und leeren Regale in der alten Heimat nicht vergessen hat. Er will nicht zurück. Aber manchmal möchte er auch nicht hierbleiben. „Dann hilft mir die Gemeinde, mein Glauben und der Gesang“, sagt er. Die Schneeflocken fallen ihm auf die Stirn und rutschen die Wangen hinunter.Wieso lässt sich nicht einfach auf Gesang verzichten? „Dass Gläubige zurzeit nicht singen dürfen, ist wohl für die meisten Gottesdienstbesucher, auch in den Großkirchen, schmerzlich. In manchen Freikirchen, vor allem in charismatisch-pfingstlich geprägten Gemeinden, hat das Singen allerdings einen besonders hohen Stellenwert, aber alle müssen sich an die Regeln halten“, sagt Pfarrer Horst-Dieter Mellies, Beauftragter der Lippischen Landeskirche für Weltanschauungsfragen und Sekten.

Christdemokrat Heinrich Zertik, Vorsitzender des Vereins Freundschaft „Druschba“ in Lippe mit Sitz in Detmold, hat kein Verständnis für die Mitglieder der Herforder Gemeinde. „Dieser Vorfall in Herford sowie andere Gottesdienste, die von der Polizei aufgelöst worden sind, und auch die Massen, die die Skigebiete stürmen, zeigen, dass noch viel mehr in Aufklärung investiert werden muss“, sagt Zertik, der 1989 im Alter von 32 Jahren aus Kasachstan nach Lippe übersiedelte und 2013 für vier Jahre in den Bundestag gewählt wurde. So ein Verhalten sei nicht Solidarisch und habe nichts mit Nächstenliebe zu tun. Natürlich gebe es unter den Einwanderern aus der Ex-Sowjetunion sowie deren Nachkommen stark religiös geprägte Charaktere, die sich in Freikirchen organisierten. „Doch viele Gemeinden halten sich an die Corona-Regeln, haben Hygienekonzepte und organisierten auch digitale Formate“, sagt der 63-Jährige. Er sei liberaler Christ: „Ich sage immer: Ich komme aus der Sowjetunion, geboren in Kasachstan. Jetzt bin ich stolz, dass ich Lipper bin.“ Seine familiären Hintergründe will er nicht vergessen. „Alle sollen ihre Geschichte mitbringen und bewahren. Daraus wird ein bunter Blumenstrauß.“ Dem kann Ivan grundsätzlich zustimmen: „Aber es bleibt bisher nur heiße Luft, wenn die Wertschätzung für uns fehlt.“ Sein neuer Pass sage ihm, dass er Deutscher sei, aber wenn er von den Deutschen rede, dann meine er ein anderes Volk. „Ich lebe lange hier, träume aber russisch und mein Präsident ist nicht Steinmeier, sondern Putin“, sagt er und zeigt auf den Schriftzug auf seinem Auto, der inzwischen völlig eingeschneit ist.
*Namen geändert

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