Lilo kann nicht schlafen

Manchmal liegt Lilo Noack wach im Bett. Die Angst vor der Zukunft raubt ihr den Schlaf. „Wir sind eine Schaustellerfamilie mit Leib und Seele. Ich habe in der siebten Klasse die Schule ohne Abschluss verlassen, weil ich mit anpacken musste. Seit dem arbeite ich auf dem Rummel und liebe meinen Job“, sagt die 46-Jährige. Jeden Tag hatte sie bunte Lichter um sich rum und immer ein großes Karussell in der Nähe, auf das sie nur aufspringen musste, um mitzufahren. Sie konnte plaudern mit der Toilettenfrau von gegenüber und dem neuen Zombie aus der Geisterbahn. Aber sie weiß nicht mehr, wie sich das anfühlt.

Das Abheben im Karussell, das Kribbeln im Bauch, wenn es los geht, der Spaß während der Fahrt und die Traurigkeit wenn alles vorbei ist. „Die Kirmes ist unser Leben, doch das ruht zurzeit und niemand weiß wie lange noch“, sagt die zweifache Mutter und senkt den Blick. Bis zum 31. Oktober sind Großveranstaltungen noch untersagt, was danach erlaubt und möglich ist, steht in den Sternen. „Dann sind wir zehn Monate ohne Einkünfte. Wenn auch die Herbstfeste und Weihnachtsmärkte ausfallen, können wir einpacken“, sagt Lilo. Die Detmolderin hat die Corona-Soforthilfe vom Staat beantragt und auch bekommen. Die durfte sie jedoch nur für betriebliche Ausgaben verwenden. „Jetzt müssen wir zum ersten Mal von Hartz IV leben, da für uns quasi ein Berufsausübungsverbot gilt“, sagt Lilo. Mit wir meint die 46-Jährige ihren Lebensgefährten, die Söhne David (15), Toni (11) und Hündin Angel. Vier Mitarbeiter musste sie entlassen: „Die haben jetzt andere Jobs, doch sie kommen wieder, wenn der Rummel wieder losgeht – irgendwann, irgendwie.“Vor Corona verdiente die vierköpfige Familie auf den Kirmessen und Weihnachtsmärkten der Republik mit ihrem Musik-Express, dem Plüschtier-Greifer sowie mehreren Getränkeständen ihren Lebensunterhalt. „Eigentlich wären wir jetzt auf einem Volksfest in der Nähe von Osnabrück“, sagt Lilo beim Blick in den Kalender.

schna…

Die Spalten ab dem Monat März sind mit Rotstift durchgestrichen und traurigen Smileys versehen. Stattdessen fällt der Familie zu Hause in Detmold die Decke auf den Kopf. „Teilweise liegen die Nerven blank, denn die Mischung aus Langeweile und Existenzangst kann ganz schon explosiv sein“, räumt Lilo ein. Sie stellt die Sinn- und Zweckmäßigkeit des Lockdowns keineswegs infrage: „Natürlich stehe ich hinter den ersten Schutzmaßnahmen, die nach Ausbruch der Pandemie ergriffen wurden.“ Doch im Zuge der immer weitergehenden Lockerungen wünscht sie sich eine Perspektive für ihre Branche. Für sie ist es nicht nachzuvollziehen, wenn Tourismus, Freizeitparks und andere Branchen Lockerung erfahren, aber Volksfeste weiter abgesagt werden. Lilo ist überzeugt: „Für eine Kirmes unter freiem Himmel ist ein funktionierendes Hygienekonzept umsetzbar.“ Doch viele Verantwortliche in den Rathäusern genehmigten nur einige Minibüdchen in den Innenstädten und verkauften dies als Hilfe für die zahlreichen Schausteller in Lippe. „Das ist ein Witz, da viele Fahrgeschäfte mehr Platz benötigen“, schimpft Lilo mit bebender Stimme.

Ihre Kollegen haben in den vergangenen Wochen fieberhaft nach Alternativen zu den abgesagten Festen gesucht und entsprechende Konzepte entwickelt: zum Beispiel abgetrennte, kleinere Rummelplätze auf umzäunten Messegeländen. „Wir könnten endlich wieder arbeiten, Geld verdienen und wären nicht auf den Staat angewiesen“, betont Lilo.Trotz zuletzt wirtschaftlich guter Jahre, sind ihre finanziellen Rücklagen aufgebraucht, sagt die 46-Jährige: „Ein Großteil der Gewinne haben wir in neue Technik und den Unterhalt des Fuhrparks gesteckt. Das ist nun mal das Allerwichtigste für einen Schaustellerbetrieb. Wir haben unser Leben auf der Straße. Da sind wir darauf angewiesen, dass die Fahrzeuge funktionieren.“ Doch der Wohnauflieger, die Zugmaschinen samt Container ruhen derzeit auf dem Hof und in der Garage – die Spinnen haben es sich zwischen den Fahrzeugen gemütlich gemacht und riesige Netze gebaut.

Der Musik-Express, der Plüschtier-Greifer und die Kirmeshütten sind in Einzelteile zerlegt, verpackt und im Lkw-Anhänger verstaut. „Wir sind jederzeit bereit“, sagt Lilo, streicht über das Hochglanzposter, die eigens für die aktuelle Kirmessaison gedruckt, aber an keiner Litfaßsäule einen Platz fanden. „Ich vermisse die Menschen, die bunten Lichter und auch die Fahrgeschäfte“, sagt Lilo. Sie will wieder mitfahren! Rein ins Vergnügen. Zittern und schreien. Das volle Programm. Eben noch im Sturzflug nach unten, jetzt wieder rasant nach oben, eine scharfe Kurve nach links und eine Spirale nach rechts. „Im Kreis beschleunigen, bis mir schwindelig wird und wie ein Hund die Nase in den Fahrtwind halten“, erzählt Lilo mit geschlossenen Augen. Frei sein und doch im sicheren Sitz, etwas Wertvolles in einem Looping verlieren, aber dafür etwas Kostbares auffangen. Dazwischen die ruhigen Passagen, in denen man sich zurücklehnen oder ankuscheln kann, fügt sie noch an. Schöne Erinnerungen für Geschichtsbücher? „Ich hoffe nicht, denn ich liebe meine Arbeit. Wir kämpfen mit viel Herzblut, überbrücken den Stillstand und ich bete, dass die Brücke uns nicht in den Abgrund führt“, sagt Lilo und öffnet die Augen.

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