Instrumente übers Handy reparieren

Die Gitarrensaite hält nicht, die Querflöte scheppert, das Mischpult zickt oder durch die Trompete geht keine Luft mehr – genau während diese Kampfes mit ihren Instrumenten benötigen Hobby- und Berufsmusiker Hilfe. Der Weg zur nächsten Werkstatt ist weit und seit knapp einem Jahr durch ein unsichtbares Virus versperrt, doch jetzt gibt’s Soforthilfe – ein Online-Service für Reparaturen von Musikinstrumenten per App. Seit rund acht Wochen bieten Wolfgang Meyer, Gründer und Inhaber des Hauses der Musik in Detmold, und sein Team diesen bundesweit einzigartigen Service an. „Über die kostenlose App ‚TeamViewer Pilot‘ können wir übers Internet kleine Reparaturen an Musikinstrumenten durchführen“, sagt Meyer, der das Geschäft 1998 gegründet hat und über die Plattform musikalienhandel.de seit mehr als 20 Jahren knapp 450.000 Artikel rund um das Thema Musik anbietet und Kundschaft in aller Welt bedient.


Schon während seiner Musikerkarriere, er spielt Bratsche, Gitarre, Posaune, habe er sich mit dem Thema Digitalisierung in der Musikbranche samt kaufmännischer Aspekte beschäftigt und bereits vor 23 Jahren per Internet Noten in alle Welt verkauft – im selben Jahr sei auch der Onlineversandhändler Amazon international durchgestartet. „Wir haben die gleiche Programmiersprache wie Amazonchef Jeff Bezos in den Anfängen eingesetzt, um unsere Noten weltweit anzubieten. Trotz einiger Bedenkenträger in meinem Umfeld habe ich an die Idee geglaubt. Heute machen wir damit 50 Prozent unseres Jahresumsatzes“, erinnert sich der 51-jährige Lagenser. Seine positive Einstellung habe auch die Idee für den aktuellen „Online-Instrumenten-Service“, die während des ersten Lockdowns im März vergangenen Jahres entstanden sei, beflügelt. „In solchen Situationen stelle ich mir dann die Frage, welche Technik schon auf dem Markt ist, die dem Wunsch der Kunden entgegenkommt, auch in diesen Pandemiezeiten“, erklärt Meyer. Das Ergebnis sei dieses brandneue Tool, das neben den vielen anderen Möglichkeiten zur Online-Interaktion ohne großen Aufwand und über große Distanzen genutzt werden könne – egal, ob zu Hause, im Probenraum oder auf der Bühne. Der Reparaturservice sei noch bis zum Ende der Coronabeschränkungen kostenlos und soll dann 24 Euro pro Viertelstunde kosten, fügt Meyer hinzu.

Zauberwort Augmented Reality


Doch wie genau läuft die Hilfe via Internet? „Das Zauberwort ist Augmented Reality – erweiterte Realität. Unsere Kunden müssen lediglich die App aufs Smartphone oder Tablet installieren“, sagt Meyer. Dann könnten er und seine Techniker von Detmold aus direkt bei den Kunden, egal ob in Oslo, Hamburg oder Tokio, über Kamera und Mikrophon das Instrument ansehen, hineinhören und erkunden, wo das Problem liege und schlussendlich fachmännische Tipps sowie Hilfe zur Selbsthilfe geben. „Während gefilmt wird, können wir auch Markierungen in Form von Pfeilen, Kreisen oder Notizen an die Stellen des Instruments heften, an denen der Kunde dann eine Kleinigkeit ändern sollte“, erklärt Meyer. Diese Zeichen blieben an Ort und Stelle, wenn die Kamera schwenke, zoome oder das Instrument aus einer anderen Perspektive gezeigt werde. Aber es sei natürlich klar, dass dies keine Reparaturwerkstatt ersetzen kann. „Große Reparaturen sind hiermit nicht möglich, aber oft sind es einfach kleine Sachen, mit denen die Menschen zu uns kommen, und die können wir nun per App bearbeiten“, sagt Meyer.

Keine Angst vor dem Online-Riesen


Diese einfache und naheliegenden Lösung sei ohne das Virus, das für viele Zukunftsängste und Unsicherheiten verantwortlich sei, nicht so schnell möglich gewesen, da Corona neue digitale Geschäftsmodelle fordere. „Niemand aus unserer Branche konnte sich so eine Hilfe vorstellen, doch wir haben es einfach gemacht“, so Meyer. Das mache die Arbeit als „First Mover“ in diesem Bereich so spannend und bedeute, dass er und sein Team viel kommunizieren, erklären, bewerben und aufmerksam machen müssen. „So erzeugen wir bei unseren Kunden im besten Falle pure Begeisterung und solche Ergänzungen sind für das Kundenerlebnis immer eine Bereicherung“, findet der 51-Jährige, der sich als Diener der Musik bezeichnet.
Natürlich sei sein Beispiel nicht branchenübergreifend übertragbar, doch viele Einzelhändler vergeudeten ihre Energie, um sich über den scheinbar alles plattmachenden Onlineriesen „Amazon“ zu beklagen, anstatt eigene digitale Wege zu gehen, neue Ideen umsetzen und sich somit auch in schweren Zeiten behaupten.

Wolfgang Meyer ist offen für innovative Geschäftsideen in Coronazeiten.

„Egal ob Lockdown, Wirtschaftskrise oder Kaufzurückhaltung – unser Job als Händler ist, die Bedürfnisse der Kunden zu sehen. Es ist der berühmte Blick durch die Kundenbrille, der uns die Augen öffnen kann“, sagt Meyer. Bei ihm sei es meist der Blick auf schon Vorhandenes und ein gleichzeitiges Abstrahieren und Verbinden mit den Wünschen und Bedürfnissen seiner Kunden oder der jeweiligen Branche. Und dann sei eigentlich alles ganz einfach: „Die App, die wir nutzen, war ja schon da und die Anfragen nach Instrumentenhilfe auch, zum Beispiel per Telefon. Wir haben nur bestehende Technik und Bedürfnisse auf eine neue Ebene gehoben und verknüpft.“ Nach diesem Prinzip seien in der Vergangenheit mehrere Servicetools entwickelt worden, die seine Kunden tagaus, tagein begeisterten: der Notenupload, das Editorenprogramm, Onlinebuchungen von Beratungs- und Serviceterminen, WhatsApp-Beratung auf Produktseiten und vieles mehr. Sein wichtigster Tipp: „Mit positiver Energie nach vorn schauen, gestalten, probieren und mutig sein. Damit gibt es sogar in Coronazeiten Potenziale, denn es nutzt nichts, dass sich Branchen in der Niedergeschlagenheit übertreffen, denn wir alle leiden unter der Pandemie.“ Er wünsche sich nichts mehr, als das verwaiste Bühnen, Konzertsäle, Restaurants und Kneipen sowie menschenleere Fußgängerzonen, Schulen und Kitas nicht die Gegenwart bestimmten, sondern endlich ihren verdienten Platz in den Geschichtsbücher einnehmen.
Fotos: Bernhard Preuss

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