Der stille Verlust voller Schmerz

Stofftiere, Gummibärchen, Buntstifte und viel zum Lesen und Vorlesen – der Trauerkoffer soll Kindern und Eltern in diesen besonderen Zeiten etwas Trost spenden. „Wenn Kinder wochenlang nicht in die Kita dürfen, ihre Mitschüler und Großeltern vermissen, ist das auch Trauer“, sagt die ausgebildete Trauerbegleiterin Vanessa Pivit, die den Koffer bestückt und verleiht. Neben diesem „mobilen Trostspender“, den sie vor allem Familien anbietet, leitet die 46-Jährige auch die Gesprächsgruppe „Sternenkind“, die aus derzeit drei Frauen besteht. Als „Sternenkind“ werden verstorbene Kinder bezeichnet, die vor, während oder kurz nach der Geburt versterben.
„Ein Baby in der Schwangerschaft, während der Geburt oder kurz danach zu verlieren, ist für Eltern ein harter Schlag“, sagt Pivit. Die Erzieherin und Trauerbegleiterin weiß das aus eigener Erfahrung. „Innerhalb von drei Jahren war ich vier Mal schwanger und trage neun Sternenkinder im Herzen“, sagt sie und senkt den Blick. Ihre blaue OP-Maske bewegt sich beim Atmen immer schneller, es erinnert an ein schlagendes Herz, sie fummelt an den Gummizügen und erst als sie sicher ist, dass ihre Mimik geschützt ist, normalisiert sich ihre Atmung. Kurze Pause.
Der unsichtbare Rucksack voller Schmerz und Trauer, den Vanessa Pivit seit mehr als 20 Jahren trägt, stellt für ein paar Minuten die bunten Inhalte des realen Koffers in den Schatten. Drei Jahre lang, im Alter von 23 bis 26, muss Pivit vier Fehlgeburten verkraften: „Die Vorfreude auf die Babys war plötzlich nicht mehr real, ich musste mehrfach Abschied nehmen, bevor die Leben überhaupt anfingen, bin ich in ein tiefes Loch gefallen.“ Sie habe sich allein, verlassen, unverstanden und als Versagerin gefühlt. Sie verabschiedet schweren Herzens sich vom Kinderwunsch – ihre Ehe hält das nicht aus.


Sie hätte sich damals eine Gesprächsgruppe gewünscht, in der sie mit anderen Betroffenen über ihre Sternenkinder sprechen kann. „Die Trauer um die Kinder, die ich verloren habe, wird immer Teil meines Lebens sein. Abschließen lässt sie sich nicht, doch im Laufe der Zeit verliert der Schmerz an Schärfe“, sagt Pivit. Aus ihren eigenen Erfahrungen mit Verlusten wisse sie, wie schwer es ist, in Phasen der Trauer mit Gefühlen wie Schmerz und Verzweiflung umzugehen. „Wie es ist, mit dem Schicksal zu hadern, wütend, hoffnungslos, gleichgültig, erschöpft und perspektivlos zu sein“, erzählt Pivit, die inzwischen wieder glücklich verheiratet ist.
Im Hauptberuf arbeitet sie als Erzieherin. „Ich liebe den Job. Und die Kinder sind es auch, die mir immer wieder ein Lächeln in die Seele zaubern. Mit der Trauerbegleitung habe ich etwas gesucht, was mich zusätzlich ausfüllt.“ 2015 macht sie eine erfolgreiche Weiterbildung zur Trauerbegleiterin Gegenwärtig gehören drei Frauen zu ihrer Gesprächsgruppe „Sternenkind“. Alle drei Wochen trifft sich Quartett, um sich auszutauschen und über Gefühle zu sprechen. „Es ist für die Betroffenen wichtig zu erkennen: Mein Verhalten ist ganz normal. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Anderen geht es auch so“, weiß die 46-Jährige, die betont, keine Therapeutin zu sein. Ihre Aufgabe sehe sie darin, wertfrei Hilfestellungen zu geben, anderen Blickwinkel ins Gespräch zu bringen und vor allem einen geschützten Rahmen zu bieten, wo alle Emotionen raus dürften. Dass dabei nur geweint und Trübsal geblasen werde, sei allerdings ein Trugschluss. „Wir lachen sehr viel gemeinsam, auch mal bis die Tränen kommen, schenken uns Mut und Hoffnung“, bestätigt die Erzieherin.

Tabuthema Fehlgeburt – Promis leisten
sensible Aufklärungsarbeit

Daher freue sich auch über die Solidarität von prominenten Frauen, die in den vergangenen Wochen und Monaten, über die Medien ihre Fehlgeburten thematisierten. Dazu gehört Meghan Markle, Schauspielerin und Frau des britischen Prinzen Harry, die in der „New York Times“ von ihrer erlittenen Fehlgeburt berichtete. In dem sehr persönlichen Text für die renommierte Tageszeitung schilderte sie, dass sie im Juli einen scharfen Krampf spürte und zu Boden fiel, als sie Sohn Archie wickelte: „Während ich mein erstgeborenes Kind im Arm hielt, wusste ich, dass ich mein zweites verlieren würde.“ Die 39-Jährige schreibt über eine „unerträgliche Trauer“, die viele erlebten, obwohl kaum jemand wirklich darüber spreche. Gespräche über Fehlgeburten seien noch immer mit ungerechtfertigter Scham verbunden, ein „Kreislauf einsamer Trauer“ werde so fortgesetzt. Sie teile ihre Geschichte, um anderen zu helfen, das Schweigen über eine nur allzu häufige Tragödie zu brechen. Mit ihrer Offenheit ist die britische Herzogin nicht allein. Auch Model Chrissy Teigen und Sänger John Legend trauerten öffentlich um ihren verstorbenen Sohn. Teigen hatte im sechsten Schwangerschaftsmonat eine Fehlgeburt. Auf Instagram teilte die 34-Jährige eindringliche Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus dem Krankenhaus. Man sieht sie mit schmerzverzerrtem Gesicht, weinend, angeschlossen an Schläuche, händchenhaltend mit Ehemann John. „Wir sind schockiert und in der Art von tiefem Schmerz, von dem man nur hört, dieser Art von Schmerz, die wir noch nie zuvor gefühlt haben“, erklärt sie die Bilder.
„Solche Worte und Posts von Promis helfen allen Frauen. Ich habe großen Respekt vor der Darstellung der eigenen Wunden und Schwächen, um Bewusstsein zu schaffen. Betroffene, die gegenwärtig in ihrer Trauer oftmals alleine sind, müssen ermutigt werden, ihren Schmerz zu teilen. Sie sind nicht allein und dies kann der erste Schritt in Richtung Heilung sein“, glaubt Pivit. Fehlgeburten, medizinisch auch Abort genannt, zu enttabuisieren – müsse das Ziel sein.

Jede dritte Schwangerschaft endet in den ersten zwölf Wochen mit einer Fehlgeburt


Der Bundesverband der Frauenärzte schätzt, dass etwa jede dritte Schwangerschaft in den ersten zwölf Wochen in einem Abort endet, ohne dass dafür irgendein Grund gefunden werde. „Es hilft, wenn Paare oder alleinstehende Frauen sich dieser Tatsache und dessen, dass es keine Garantie für eine glückliche Geburt gibt, bewusst sind“, erklärt Dr. Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes. Dann werde der Verlust nicht so sehr als persönliches Versagen erlebt, sondern umgekehrt jeder gut gelaufene Tag der Schwangerschaft als Erfolg und Geschenk. „Über den Verlust des ungeborenen Babys traurig zu sein, sei eine ganz normale und sinnvolle Reaktion“, so der Mediziner. Sie ermögliche es, wieder ins eigene Leben zurückzufinden und einen Neustart zu wagen. „Idealerweise sollte eine neue Schwangerschaft nicht vor dem Ablauf von drei Monaten eintreten“, so sein Rat.
Und was ist mit dem Koffer, der eigentliche Grund unseres Treffens? 20 Euro sind für Bring- und Abholdienst fällig und pro Ausleihwoche müssen nochmals 15 Euro gezahlt werden. Darin auch ein Kinderbuch mit dem Titel: Geht Sterben wieder vorbei? „Nein, aber man lernt, damit zu leben“, lautet die Antwort von Vanessa Pivit, der neunfachen Mama von Sternenkindern.
Fotos: Bernhard Preuss

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