Die Haushaltsauflöser

Eine Ritterrüstung aus Metall. Ein alter Kinderwagen mit Stoffüberzug und schlafender Plastikpuppe. Kronleuchter, Kleiderschränke, feines Porzellan, Teppiche sowie Bilderrahmen in allen Größen und Formen samt bunter Landschaften und schwarz-weiß Fotos. Inmitten der ganzen Sachen die Eheleute Jasmin und Marc Kuhlmanns aus Dörentrup – die beiden sind „Haushaltsauflöser und Entrümpler“. Als Firmenlogo hat sich das Paar zwei durchtrainierte Superhelden mit wehenden Umhängen ausgesucht – völlig zurecht. Sie müssen stark sein, denn oft räumt Familie Kuhlmann ein ganzes Leben auf – dabei bekommen sie tiefe Einblicke ins Leben der Menschen, die in den leer zu räumenden Zimmern gelebt und gestorben sind.
Die 31-jährige Grafikdesignerin, die das Unternehmen vor rund vier Jahren von ihrem Vater übernommen hat, schiebt vorsichtig das Keramikgeschirr mit rot-weißen Pflanzenmustern über einen makellosen runden Holztisch: „Der soll ja keine Kratzer kriegen.“ Die beiden kennen sich „ausm Dorf“, sind schon fast zehn Jahre ein Paar. Die Hochzeitsglocken läuteten 2014 und kurz darauf erblickte die Tochter das Licht der Welt. „Ich bin gelernter Kfz-Meister, doch ich habe meinen Beruf aufgegeben, um mit meiner Frau an einer gemeinsamen beruflichen Zukunft zu schmieden“, sagt der 38-Jährige. Gemeinsam räumen sie Keller, Dachböden und Wohnungen und stellen die Funde, die sie mitnehmen dürfen, im eigenen Lager an der Mittelstraße 39 aus – daraus soll künftig ein Laden werden. Alles erinnert an einen überdachten Flohmarkt und es riecht nach Patina.

„Bei mehr als 60 Prozent unserer Aufträge ist leider der Tod vorher da gewesen“, sagt Jasmin, als wäre der Tod eine Person, die die Stimmung im Haus vermiest hat. Im Regierungsbezirk Detmold sind im vergangenen Jahr 23.381 Menschen verstorben – davon fast 4.440 im Kreis Lippe. „Aber wir sind auch außerhalb des Kreisgebietes häufig im Einsatz – einen Auftragsboom durch die Pandemie hat das Paar nicht festgestellt und Schutzmaßnahmen gehörten schon vor Corona zum Arbeitsalltag. „Wir tragen schon immer Handschuhe, Masken und auch Ganzkörperschutzanzüge. Zudem kommen wir mit niemanden in Kontakt bei der Arbeit, die sind schon verstorben“, erklärt Marc. Manche jung, manche alt, aber fast jede und jeder besaß Dinge. Was passiert damit, wenn ein Leben endet? Wertgegenstände werden unter den Erben aufgeteilt, klar. Aber was ist mit den Pullovern und Hemden im Schrank, den vergilbten Fotos in der Schublade, dem Besteck, dem Werkzeug, den Sofakissen? „Wir entrümpeln ja nicht aus Spaß. Die Vermieter und Hausbesitzer wollen renovieren – und die nächste Familie möchte da wieder einziehen. Da muss alles raus, ganz schnell und die Verstorbenen besitzen halt auch unheimlich viele Gegenstände“, sagt Jasmin. „Das meiste davon ist, das muss man so hart sagen: Müll“, fügt Ehemann Marc hinzu. Jedenfalls nach dem Tod, wenn das Leben weg sei, das den Dingen Bedeutung verliehen habe.

Die Entrümpler leisten das, was die Hinterbliebenen nicht können oder wollen, weil jeder Teller und jedes Glas eine Geschichte über den Menschen erzählt, der davon gegessen oder daraus getrunken hat. „Vielleicht ist es ganz gut, jemand mit dem Entsorgen zu beauftragen, der diesen Menschen nicht kannte“, sagt Marc. In Gesprächen sage er den Auftraggebern: „Stellen Sie sich vor, Sie stellen das Haus auf den Kopf und schütteln es. Alles, was rausfällt, ist das, womit wir uns beschäftigen. Bei allem, was nicht rausfällt, müssen Sie mir sagen: Was soll mit Einbauküchen, Lampen, Rollos und Fußböden passieren?“ Dabei sei Empathie und Fingerspitzengefühl gefragt.

Die Haushaltsauflöser Marc und Jasmin Kuhlmann.

Oft werde auch eine Pauschale ausgemacht. Dann darf das Entrümpler-Paar alles behalten, und hinterlässt dafür eine besenreine Wohnung. Zimperlich dürfen die Dörentruper dabei nicht sein und keine Scheu vor Ekel haben. „Natürlich finden wir mal auch Müll, leere Flaschen, Verpackungsreste von Lebensmitteln, Berge von Plastiktüten mit stinkendem Inhalt, da weiß man nicht, wohin man zuerst gucken und wo man zuerst anfangen soll mit dem Aufräumen“, sagt Jasmin und lächelt. Die beiden, die auch immer Hilfskräfte für die Einsätze engagieren, machen auch Erstreinigungen, etwa nach einem Selbstmord. „Wie und unter welchen vielfältigen Umständen Menschen sterben, das ist mir mittlerweile klar. Da bleiben Reste. Blut, Kot, Urin – wenn man damit nicht umgehen kann, kann man diesen Job nicht machen“, sagt Jasmin.
Echte Schätze oder Raritäten kommen dem Ehepaar bei ihren Entrümpelungen kaum unter. Auch Geld finden sie nicht, das Leute vielleicht hinterm Schrank oder unter der Matratze versteckt haben. „Wir sind ja meistens die zweite Garde, die anrückt. Vorher waren schon die Familienangehörigen da und haben die Liebhaberstücke mitgenommen“, weiß Marc. Aber um Schätze und Raritäten gehe es ihnen auch nicht. Die würden ohnehin überbewertet, auch im Fernsehen, wo die Sendung „Bares für Rares“ im ZDF sehr erfolgreich läuft. „Die meisten Preise, die da aufgerufen werden, halte ich für überteuert.“ Die Kuhlmanns verstehen sich vielmehr als Dienstleister statt Raritäten-Sammler. Was der Kunde beauftragt, wird gemacht.

Bücher sind sehr beliebte Verstecke
für Geldscheine

Und wo sind die besten Verstecke, um Bargeld oder Schmuck unterzubringen? „Zwischen Bücherseiten werden häufig Geldscheine gelegt, man muss sich nur die Lektüretitel merken“, sagt Marc. Doch wenn jemand ein Geheimnis mit ins Grab nehmen wolle, solle nicht der Haushaltsauflöser entscheiden, das den Hinterbliebenen doch noch zu stecken. „Auch Tote haben noch eine Privatsphäre und ich möchte nicht über das Leben anderer urteilen“, sagt Marc. Es gebe aber auch Auflösungen, da fühle er sich den Verstorbenen nahe, meint der 38-Jährige: „Da sehe ich an den Büchern, an der Musik: Wow, der hatte Stil. Der ist mir sympathisch.“ Es gibt aber auch das Gegenteil. „Manchmal finden wir noch immer Nazikram, Orden, Waffen und Munition, die wir dann bei der Polizei abgeben“, erzählt Jasmin. Ihr Vater habe mal in Kalletal eine ganzes Waffenlager mit Gewehren aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden, alles ins Auto geladen und zur Polizei nach Lemgo gebracht.
Gibt es, abgesehen von der Kleidung, Unterschiede in dem, was Männer und was Frauen im Laufe eines Lebens anhäufen? „Es gibt auch Männerhaushalte mit frischen Blumen und Deko“, sagt Marc. Aber kein Mann sammele Puppen und die vermülltesten Wohnungen, die das Paar ausgeräumt habe, seien von Männern bewohnt gewesen. Frauen hingegen, die hätten immer einen Kreuzschlitzschraubendreher und anderes Kleinwerkzeug in der Küchenschublade. Das hätten Männer so gut wie nie – die würden ihr Werkzeug separat aufbewahren. Und in Männerhaushalten gäbe es meist viel mehr Technik. Und wohin mit den Sachen, die keiner haben will? Die kommen zum Recyclinghof. Dutzende Kubikmeter Müll haben Jasmin und Marc im vergangenen Jahr entsorgt. Müll, der vor dem Tod eines Menschen größtenteils noch kein Müll war. Im Schnitt sechs bis zehn Haushalte lösen die beiden im Monat auf.

„Am Ende muss man alles wieder loslassen“

Wie sehen die beiden den eigenen Besitz, wenn sie Dingen immer nur als Nachlass begegnen? „Gute Frage“, antwortet Marc und lacht. Dann wird er ernst: „Ich habe viel durch meinen neuen Beruf gelernt. Man kommt aus dem Nichts. Man richtet sich ein. Man macht es sich schön. Aber am Ende muss man alles wieder loslassen.“ Er habe gelernt, Sachen zu schätzen, die gut gemacht seien. „Ich habe auch nicht viel Zeug“, sagt Jasmin, „aber es ist ja nicht entscheidend, wie viel man besitzt, sondern wie sehr man daran hängt. Von fast allem könnte ich mich jetzt schon trennen: Wenn ich von heute auf morgen ausziehen müsste, käme ich mit zwei Koffern klar.“
Doch die beiden werden nicht nur gerufen, wenn Menschen sterben und die Unterkünfte besenrein aufgeräumt werden sollen – sie helfen auch sozial schwachen Menschen bei der Erstausstattung der Wohnungen. „Die können die Möbel, Lampen, elektrischen Geräte, die aus Haushaltsauflösung stammen natürlich sehr gut gebrauchen“, sagt Marc. Er bezeichnet es „Kreislauf des Lebens“ und meint: „Es ist ein schönes Gefühl, das ist Wertschätzung. Die Sachen kämen sonst irgendwann auf den Müll.“
Fotos: Bernhard Preuss

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