„Sonderrechte für Geimpfte werden kommen“

Der 44-jährige Detmolder Christian Schmidt ist nicht nur Besitzer von drei Apotheken, Bezirksvorsitzender des Apothekerverbandes für Lippe, sondern auch Vorsitzender des Arbeitskreises Innenstadtmarketing und Kandidat für die Spitze der Werbegemeinschaft. Ein Gespräch mit dem Familienvater über Corona-Selbsttests in Discountern zwischen Bananen und Nudeln, seine Kritik am Lockdown, der viele Geschäftsleute zur Verzweiflung treibt, und die Öffnungsperspektiven für viele Lebensbereiche samt digitalem Türsteher.

Herr Schmidt, wie unterscheiden sich Schnelltests und Selbsttest?
Christian Schmidt: Corona-Schnelltests werden von geschultem Personal durchgeführt. Dabei wird meist mit einem langen Stäbchen tief in der Nase oder im Rachen ein Abstrich genommen. Bislang dürfen diese Tests nur an Ärzte, medizinische Einrichtungen Pflegeeinrichtungen und einige andere geschulte Berufsgruppen abgegeben werden. Anders verhält es sich hingegen mit den Selbsttests für Laien. Diese werden zuhause durchgeführt und sollen leicht in der Handhabung sein.

Vor dem Schnelltest in der Medicum-Apotheke, der 35 Euro kostet, steht ein Aufklärungsgespräch mit Apothekerin Ulrike Grün, die in voller Schutzkleidung den Abstrich in der Nase nimmt.

Kann man bei der Anwendung der Selbsttest etwas falsch machen?
Schmidt: Bei allen drei Selbsttests, die das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte derzeit zugelassen hat, wird die Probe durch einen Abstrich im vorderen Nasenbereich entnommen. Sie wird dann auf ein Testkit aufgebracht und mit einer Lösung vermischt und nach etwa einer Viertelstunde erhält man dann das Ergebnis.

Es soll ja auch Gurgel- und Spucktests geben….
Schmidt: Bei diesen Tests, die auch schon bald angeboten werden sollen, muss man einmal ordentlich in einen Einweg-Pappbecher spucken. Mit einer Pipette wird die Speichelprobe aufgesaugt. Anschließend wird das Sekret in das Probeentnahme-Röhrchen entleert und wie beim Schwangerschaftstest auf den Testbereich geträufelt.

Wo und ab wann gibt es die Tests zu kaufen?
Schmidt: Voraussichtlich Anfang/Mitte März in den Apotheken und dann Schritt für Schritt in Drogeriemärkten und Discountern.

Wie funktionieren diese Tests?
Schmidt: Der Schnelltest weist mit einer Farbreaktion ein Virus-Protein der Virus-Hülle nach. Das Ergebnis liegt nach etwa 15 Minuten vor und ist damit deutlich schneller als beim klassischen PCR-Test. Deshalb können solche Schnelltests helfen Infizierte früher zu finden. Sie können aber auch gelegentlich eine Infektion übersehen, weil sie eine niedrigere Sensitivität haben als der PCR-Test. Anmerk. PCR steht für die englische Bezeichnung Polymerase Chain Reaction, auf deutsch Polymerase-Kettenreaktion.

Also Zweifel an der Zuverlässigkeit…
Schmidt: Diese Tests schlagen am besten bei einer hohen Viruslast an. Das bedeutet, dass Menschen, die stark ansteckend sind, von den Selbsttests gut erkannt werden. Wer etwa vor einem Familientreffen zu Ostern einen Selbsttest macht, kann bei einem negativen Ergebnis davon ausgehen, dass er oder sie in den nächsten 24 Stunden nicht infektiös ist. Ein negativer Selbsttest schließt aber nicht aus, dass von einem in zwei Tagen eine Infektion ausgehen kann. Es ist ganz klar, dass die Selbsttests gegenüber den PCR-Tests eine höhere Fehlerrate haben werden. Deshalb ist ihre Aussagekraft nur begrenzt. Positive Ergebnisse müssen dann schnellstens mittels PCR überprüft werden. Ich möchte nochmals betonen, dass negative Resultate keine absolute Garantie dafür sind, dass man nicht ansteckend bzw. nicht infiziert ist.

Was kosten die Selbsttests?
Schmidt: Derzeit zwischen sieben und zehn Euro. Dieser Preis ist aus meiner Sicht noch zu hoch. Ich halte einen Preis unter fünf Euro für angemessen, die Preise werden purzeln, sobald noch mehr Anbieter zugelassen werden. Wer diese Tests online kauft, sollte darauf achten, dass sie auf der Liste vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte stehen und eine hohe Spezifität und Selektivität haben.

Was ist bei einem positiven Ergebnis zu tun?
Schmidt: Diese Tests setzen auf Eigenverantwortung. Bei einem positiven Selbsttest, soll man sofort seinen Hausarzt zur Überprüfung des Ergebnisses kontaktieren. Wer ein positives Ergebnis verschweigt, sich nicht in Eigenquarantäne begibt und schnellstens einen PCR-Test durchführen lässt, muss sich klar darüber sein, dass man damit andere lebensbedrohlich gefährden kann.

Dies ist der Anblick auf Apothekerin Ulrike Grün beim Schnelltest in der Medicum-Apotheke – Selbsttests werden dort noch nicht angeboten.

Die Tests für den „Hausgebrauch“ soll es ja nicht nur in Apothekern, sondern auch in Drogerien und Discountern angeboten – wie finden Sie das?
Schmidt: Es bereitet mir ein paar Sorgen, denn der Beratungsbedarf ist, trotz Beipackzettel, relativ hoch – so eine Packung Corona-Selbsttest zwischen Bananen, Waschmittel und Nudeln auf dem Einkaufsband eines Discounters finde ich noch etwas befremdlich. Wenn sich das Selbsttest-Verfahren nach ein paar Wochen eingespielt hat, dann geht es bestimmt leichter von Hand – dennoch sehe ich aus fachlicher Hinsicht eine Abgabe im Supermarkt ohne jegliche fachliche Hilfestellung durchaus kritisch.

Sie sind ja nicht nur Apotheker, sondern auch Vorsitzender des Arbeitskreises Innenstadtmarketing und bald womöglich an der Spitze der Werbegemeinschaft in Detmold – Experten sagen, dass mehr Tests steigende Fallzahlen, höhere Insidenzwerte verursachen und somit schnellere Öffnungen der Innenstädte verhindern – was sagen Sie?
Schmidt:
Da bin ich etwas anderer Meinung – in Österreich gibt es die Corona-Selbsttests schon seit Januar und die Zahlen sind nicht gestiegen und das öffentliche Leben ist sogar sicherer und auch wiederbelebt worden. Ich war grundsätzlich sehr skeptisch gegenüber den Schließungen im Einzelhandel. Viele Geschäftsleute in Detmold hatten ausgeklügelte und intelligenten Hygienekonzepte erarbeitet und die Corona-Infiziertren haben sich nicht in der Parfümerie oder Boutique angesteckt, sondern meistens im privaten Bereich.

Können Sie das mal bitte konkretisieren?
Schmidt: Ich glaube die Politik hat um ein klares Signal Richtung Bevölkerung zu setzen, den Einzelhandel geschlossen, obwohl die Übertragungsherde im privaten Umfeld der Menschen liegen. Es macht doch keinen Sinn, dass Discounter, Drogerien und auch Supermärkte unter anderem Bekleidung, Parfüm oder Schreibwaren anbieten dürfen, aber Fachhändler, die nur vom Verkauf dieser Waren Waren leben, um ihre Existenz bangen müssen.

Wann rechnen Sie mit einer Öffnung im Einzelhandel- und Gastronomiebereich?
Schmidt: Ich denke, dass die Öffnungen Schrittweise kommen werden. Erst der Einzelhandel und dann die Gastronomen – natürlich unter Berücksichtigung der Hygiene- und Abstandsregeln, die bestimmt übers Jahr bleiben werden. Die Menschen sind sehr vernünftig und halten sich an Regeln, dies sehe ich jeden Tag in meinen Apotheken.

Und wenn nicht, dann helfen im Endeffekt nur Sonderrechte für Geimpfte?
Schmidt: Dies wird so oder so kommen, obwohl sich die Politik dagegen sträubt. Wer will Konzert- oder Reiseveranstaltern sowie Betreibern von Theatern, Museen oder Kinos verbieten, dass sie einen Impfnachweis verlangen? Eine App, könnte als digitaler Immunitätsausweis dienen und somit den virtuellen Türsteher überwinden.

Haben Sie noch etwas auf dem Herzen?
Schmidt: Wir sollten weiterhin die AHA+L Regeln befolgen, das Impfangebot annehmen und zuversichtlich bleiben. In diesem Jahr werden wir die Pandemie bezwingen, da bin ich ganz optimistisch.
Anmerk. AHA+L steht für Abstand halten, Hygiene beachten und im Alltag Maske tragen. Wenn wir uns in geschlossenen Räumen aufhalten, ist auch das regelmäßige Lüften sehr wichtig.
Fotos: Bernhard Preuss

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