Nach Outing endet das quälende Doppelleben

Mein Handy klingelt – es ist Murat*, der Lebensgefährte von Mirko*. Über die beiden hatte ich vor knapp einem Jahr berichtet – das homosexuelle Paar lebte damals seit zwei Jahren zusammen, aber Murat, der aus einer ultrakonservativen türkischen Familie stammt, verheimlichte die Beziehung. Er wollte auf keinen Fall, dass sein Vater und die vier Geschwister erfahren, dass er einen Mann liebte und mit ihm zusammenlebte. Nach dem Austausch von Nettigkeiten, entschuldigt er sich für das monatelange Schweigen auf die Nachrichten, die ich ihm auf unterschiedlichen Wegen geschickt hatte. Murat fragt, ob ich seine aktuelle Mail gelesen habe. Ich verneine. „Die musst du mal lesen“, sagt er. Ich fahre meinen Rechner hoch. Im Posteingang eine Nachricht – die Überschrift: Kreative outen sich und veröffentlichen Manifest. In dem Artikel heißt es weiter: Sie outen sich als schwul, lesbisch, bisexuell, queer, nicht-binär und trans: Mit einem gemeinsamen Manifest im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ wollen 185 Schauspielerinnen und Schauspieler eine öffentliche Debatte anstoßen. Mit dem Satz: „Ich habe es auch getan“, endet Murats Mail.
Ich bin etwas überrascht, „was heißt, du hast es getan?“, frage ich ihn beim Rückruf. „Ich habe mich geoutet und verheimliche meine Homosexualität nicht mehr“, sagt Murat. „Auch nicht vor deinem Vater?“, frage ich nach. „Nein, auch nicht vor ihm“, antwortet der 39-jährige Wirtschaftsinformatiker. „Toll, wie kommt’s?“, lautet meine Nachfrage.

Kein Glaube, keine Tradition und keine Hinterwäldler dürfen über eine Liebe urteilen

Nach dem ersten Artikel kurz vor dem Fastenmonat Ramadan im April vergangenen Jahres hätten sich viele Freunde, Bekannte und Geschwister gemeldet https://kamislikuemmertsich.com/2020/04/05/example-post-3/ – ihm und seinem Freund Mikro Mut und Solidarität zugesprochen. Darunter auch zwei von Murats vier Geschwistern – Schwester Zeynep* und der mittlere Bruder Erdal*. Sie hätten ihm keine Vorwürfe gemacht und versichert, dass er ihr Bruder bleibe, egal an wen er sein Herz verschenke. Kein Glaube, keine Tradition und keine Hinterwäldler hätten das Recht über seine Liebe zu urteilen, habe Zeynep gesagt und ihn zu Tränen gerührt. Er habe ihnen von seinem quälenden Doppelleben, seiner Verzweiflung und Zerrissenheit erzählt.
Bei meinem Gespräch mit den beiden im vergangenen Frühjahr hatte Mirko immer wieder betont: „Für mich ist es wichtig, dass ein Teil seiner Familie von mir und Murat weiß. Ich möchte nicht, dass Murat das Herz seines Vaters bricht, denn ein gebrochenes Herz, kann niemals Grundlage einer Liebe sein.“ Er sei froh, dass das Beziehungsversteckspiel nach vier Jahren so langsam ein Ende finde – denn am 23. Mai pünktlich zum Zuckerfest und damit zum Ende des Fastenmonats – wollte Murat seinen langjährigen Freund endlich zu Hause seinem Vater und den restlichen Geschwistern vorstellen. „Ich freue mich nicht nur auf das Zuckerfest, sondern auf den ersten Spaziergang Hand in Hand“, sagte der 41-jährige Mirko. Seitdem hatte ich von den beiden nichts mehr gehört.

„Das Treffen war eine Katastrophe“, erinnert sich Murat nach der langen Kontaktpause. Denn bei dem Zuckerfest-Treffen sei auch ein Imam zu Gast in seinem Elternhaus gewesen und er habe verkündet, dass Homosexualität im Islam strikt verboten sei. „Ihr Sinn ist es, Krankheiten zu verbreiten und Generationen verfaulen zu lassen. Lasst uns zusammen aktiv werden, um die Menschen vor solchen Übeln zu schützen“, erinnert sich Murat an die Worte des Geistlichen. Er habe schockiert zugehört, Mirko gelächelt, da er nichts verstanden habe. Sein Vater habe genickt und seine Geschwister, auch diejenigen, die von seiner Homosexualität wussten, hätten geschwiegen. „Ich habe Trost gesucht in den Blicken meiner Geschwister, aber keinen gefunden“, sagt Murat. Er sei verärgert aufgestanden und habe sich mit seinem Freund noch vor dem Essen verabschiedet. Mirko sei ihm überrascht gefolgt und im Auto nach dem Grund für den überraschenden Aufbruch gefragt. „Ich habe ihm alles erzählt und in dem Augenblick beschlossen, dass ich vor niemandem mehr meine Homosexualität verberge. Doch Mirko hat mir nicht geglaubt, weil ich es in der Vergangenheit so oft versprochen hatte und am Ende nicht den Mut hatte“, sagt Murat. Der 41-Jährige habe ihm nicht geglaubt, aus der gemeinsamen Wohnung in Detmold ausgezogen und nach Hannover verabschiedet – mit den Worten: „Mein Liebster werde Dir erst mal klar, was Du möchtest deine Liebe oder deine Traditionen?“

„Ich wollte mich nicht mehr als Lügner fühlen“

Er habe drei Wochen über die Worte seines Freundes nachgedacht und haben sich dann auf den Weg zu seinen zwei Brüdern und seinem Vater gemacht, die nichts von Homosexualität wissen, um reinen Tisch zu machen. „Ich wollte mich in der türkischen Community nicht mehr schuldig oder als Lügner fühlen. Es musste Schluss sein mit diesem Versteckspiel – genau am 13. Juni“, sagt Murat. Er fährt zu seinem älteren Bruder Selim* und will ihm die Wahrheit sagen. Erklären, warum er mit Mirko zum Zuckerfest gekommen war. „Ich wollte ihm sagen, dass ich Nähe und Verständnis bei Männern finde, wollte nicht stehen lassen, dass ich ein Ungeheuer bin, der Übel verbreitet oder pervers ist“, erzählt er. Doch bevor Murat sich öffnen kann, blockt sein Bruder ab: „Ich weiß es und will das nicht hören. Das ist kein Leben, das ich unterstütze.“ Murat steht allein an der Haustür. Auf dem Weg zu seinem Vater fährt er bei seinem jüngeren Bruder Sedat* vorbei. Doch auch der 28-jährige Sedat winkt ab. Für den 28-Jährigen ist Murat ein Ungläubiger, der in der Hölle landet. „Du bist kein Moslem, du bist kein Türke hat er gesagt, mich weggeschickt und die Tür vor meiner Nase zugeschlagen“, sagt Murat.

Tante denkt, dass Schwulen das Geschlechtsteil abfällt

Weiter geht die Outing-Tour in Richtung seines Elternhauses. Als ich dort ankam, war meine Tante Emine* aus der Türkei zu Besuch. „Auch sie sollte es wissen und gleich unter der Verwandtschaft in der Türkei verbreiten“, sagt Murat. Nach der Begrüßung und dem ersten Gläschen Tee habe er es ihr gesagt. „Tante, ich bin schwul. Ich schlafe mit Männern und Du kannst es allen erzählen“ Dreimal muss Murat seine Sätze wiederholen, bis seine Tante ihn verstanden hat. Dann sackt sie auf dem Küchenstuhl zusammen, die Hände vorm Gesicht – und fängt an zu weinen. Eine gefühlte Ewigkeit sitzt sie so schluchzend da. Erst dann blickt sie hoch, und fragt: „Ist er dir schon abgefallen?“ Murat versteht nicht, fragt seine Tante, was abgefallen sein soll. Da deutet sie auf seinen Schritt. „Sie dachte, als Schwuler würde mein Penis verfaulen und abfallen“, lacht er laut. Kurz nachdem Murat sich seiner Tante offenbart hat, kommt sein Vater nach Hause. Seine Tante fleht ihn noch an, es ihm nicht auch zu sagen. Sein ganzes Leben hatte Murat Angst vor seiner Reaktion.
Doch sobald der Vater zur Tür reinkommt, noch im Hausflur, stellt er sich ihm gegenüber und sagt: „Ich stehe auf Männer. Das ist so, und das bleibt auch so.“ Murats Vater sagt nichts, geht zur Tante, seiner Schwester, und nimmt sie in die Arme. Erst nach endlos langen Sekunden antwortet er seinem Sohn: „Was soll ich denn machen, dich einsperren? Dich totschlagen? Leb‘ dein Leben so, wie du es willst.“ Er geht, ohne sich umdrehen: „Es war eine Befreiung.“ Er habe sofort Mirko angerufen und ihm gesagt, dass er seine Zelte in Lippe abbreche und nach Hannover komme. „Wir wollen es noch einmal probieren und ganz von vorne anfangen“, sagt Murat. Die räumliche Distanz zu seiner Familie öffne ihm eine neue Welt – seine eigene.
*Namen geändert

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