Die Pandemie und das Leben auf dem Reiterhof – ein Besuch

Die Stute „Kissin‘ Kate Barlow“ steht ruhig in ihrer Box, sie riecht am Ärmel meiner Jacke und legt ihren Kopf drauf, etwas verunsichert suche ich den Blickkontakt zu Ronja Schlingheider. „Sie will nur gestreichelt werden“, sagt die 31-jährige Hausherrin des gleichnamigen Ausbildungs- und Pensionsstalls beim Rundgang in Blomberg-Eschenbruch. Ich fahre mit meinen Fingern über den Kopf des Vierbeiners – sie scheint es zu mögen, bewegt ihr Haupt hoch und runter und mir gefällt es auch. Neben meiner neuen, vierbeinigen Freundin sind in der Einrichtung der Familie Schlingheider weitere rund 50 Rösser von Pferdebesitzerin und Reitern gegen Entgelt untergebracht – dazu kommen zehn Vierbeiner der Schlingheiders. Damit gehört der Hof zu den größten in dieser Gegend. Wer hier mit offenen Augen, direkt an der niedersächsischen Landesgrenze, über die Dörfer fährt, passiert gefühlt kaum einen Weiler, ohne dass es nicht von einer Koppel oder aus einem Stall wiehert oder Pferdehufen die angrenzenden Feldwege entlang klappern.

Ronja und Maik Schlingheider mit Stute Quinna.

In den Ohren von Pferdewirt Maik Schlingheider klingt das wie Musik. Seit 2015 führt der 31-Jährige den Familienbetrieb. Bei Bedarf greifen ihm seine Frau Ronja, die Lehrerin in Horn-Bad Meinberg ist, sowie die Eltern unter die Arme. „Meine Eltern waren erst dagegen, da es eine sehr mühsame Arbeit ist. Als ich dann mein Umweltingenieur-Studium abgeschlossen habe, durfte ich in die Fußstapfen meines Vaters treten, das war schon als Kind mein Traum“, lacht der 31-Jährige. Seitdem gehören Pferde und ihre Besitzer zu seinem Leben, genauso wie die tägliche Stallarbeit. Bereut habe er es nie, denn er gehe täglich seiner Leidenschaft nach – auch wenn es derzeit wegen Corona etwas schwierig sei.

Dazu gehöre der Ausbildungsbereich mit Reitunterricht sowie der Beritt und Ausbildung talentierter Spring- und Dressurpferde. Während der Pandemie seien Reitstunden nicht möglich, trotzdem müssten die Pferde versorgt werden.

„Wir können nicht einfach zusperren, die Pferde müssen versorgt werden“

Ein Ausbildungs- und Pensionsstall sei nicht zu vergleichen mit Betrieben der Gastronomie oder des Einzelhandels. „Zusperren und warten, bis die Corona-Beschränkungen gelockert werden und die Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken – das geht nicht. Die Pferde brauchen Bewegung, müssen versorgt werden“, sagt Maik. Trainer könnten keinen Unterricht mehr geben. Vereine und Betriebe stünden vor Existenzfragen: „Die Situation ist super belastend. Auch bei uns gibt keine Reitkurse mehr, dadurch sinkt unser Gewinn um 30 Prozent.“ Im Frühjahr vergangenen Jahres sei alles noch einigermaßen geregelt gewesen, da habe man Unterstützung beantragt und sie auch bekommen. „Doch die letzten Hilfeformulare haben wir nicht ausgefüllt, weil unser Steuerberater so viel zu tun hat“, sagt der Pferdewirt.

Ein besonderes Angebot von Reitlehrer Maik, um ein bisschen etwas zu verdienen, aber auch um den Schülern etwas zu bieten, ist theoretischer Online-Unterricht ab Ostern. Themen rund ums Pferd, eine bunte Mischung für alle, mit Skript. „Die Seminare sollen so gestaltet werden, dass man sich bestimmte Theorieeinheiten später für Abzeichenkurse auf dem Hof anrechnen kann. Eine Sache, die den 31-Jährigen persönlich ärgert: „Private Reitlehrer sollen teilweise trotz des Verbots Unterricht gegeben haben, wird über immer wieder über die sozialen Medien verbreitet“. Wenn dies stimme, sei es eine Sauerei. „Die Ställe, die mehr Kosten haben, halten sich an die Regeln – und andere widersetzen sich ihnen“, sagt der aktive Springreiter und streichelt seiner Stute „Quinna“, mit der er an Turnieren teilnimmt, über die Nüstern, die sich zutraulich an ihn herangeschoben hat. Genau gesagt muss es teilgenommen hat, denn auch Spring- und Dressurturniere finden seit dem Ausbruch der Pandemie nicht mehr statt, fügt der 31-Jährige hinzu.
Mit Ausnahme seines Heimturniers dem „Großen Preis von Eschenbruch“, den der Reit- und Fahrverein „Hubertus Eschenbruch“ veranstaltet und mit insgesamt 2500 Euro dotiert.

Auf den ausgedienten Futtersilos sind die Sieger verewigt.

Die Namen der Sieger werden auf ausgemusterten grauen Futtersilos für die Ewigkeit in schwarzer Schrift festgehalten – hinter dem Jahr 2011 prangt der Name Maik Schlingheider und der seines damaligen Siegerpferdes „Havanna Club“. „Es ist jedes Jahr das Event im Ort, da kommen sogar Zuschauer und Teilnehmer aus Dänemark und den Benelux-Ländern. „Im vergangenen Jahr haben wir als einziger Reitverein in Lippe ein Corona-Turnier auf die Beine gestellt, darauf sind wir sehr stolz. Und auch dieses Jahr soll ein Wettkampf stattfinden, wie und unter welchen Auflagen steht noch in den Sternen“, sagt Maik und schaut gemeinsam mit Ehefrau Ronja in Richtung des ockerfarbenen, sandigen Reitplatzes. Das Paar beobachtet an diesem durchwachsenen Freitagnachmittag den Reiternachwuchs, der in gebührendem Abstand unter freiem Himmel seine Runden reitet und zwischendurch über bunte Mini-Hindernisstangen – sogenannte Cavalettis – springt oder die Hinterlassenschaften ihrer vierbeinigen Lieblinge aufsammelt. Darunter auch die 15-jährigen Kim und Charlotta, die mit einem breiten Lächeln von ihren Pferden „Shadow“ und „Dexter“ absteigen. „Wir lassen unsere Pferde während Corona nicht im Stich“, sagt Kim. Zum Glück dürfe sie jetzt wenigstens ein paar Runden drehen, ergänzt Charlotta: „Die Bewegung tut ja auch den Pferden gut.“ Dafür gibt’s lobende Worte von Maik. Er schwärmt von seiner Arbeit als Reitlehrer und Ausbilder: „Ich bringe hier Kindern ab vier Jahren, Jugendlichen und Erwachsenen bei, wie sie sich einem Pferd nähern sollen. Sie lernen, Verantwortung zu übernehmen, wenn sie Tiere von der Koppel oder aus dem Stall holen, bürsten und schauen, ob die überhaupt gesund sind, bevor es ans Reiten geht.“

Stimmt es, dass vor allem Mädchen ein eigenes Pferd haben wollen, und wenn es nur für einen Tag in der Woche ist? „Ja, sie träumen davon, mit diesem Lebewesen als Partner gen Sonnenuntergang zu reiten, ganz romantisch. Dagegen würden die meisten Jungs am liebsten durch die Gegend galoppieren“, sagt Ronja, die ebenfalls leidenschaftliche Reiterin ist. Beim Rundgang über das Gelände streichelt sie alle paar Sekunden über die Köpfe der Pferde und begrüßt die Tiere wie vertraute Freunde. „Pferde machen ein Großteil unseres Lebens aus. Ich kenne sie alle beim Namen“, sagt sie mit leuchtenden Augen und hochgezogenen Mundwinkeln auf den Weg zu den Pferde-Pensionsställen, denn dieser Bereich laufe auch in Corona-Zeiten gut und sei vor kurzem ausgebaut worden, fügt sie hinzu.

Bei der Ernährung wird sorgfältig ausgewählt – dieser Vierbeiner muss auf die Furgur achten.

Es riecht nach frischem Stroh und Heu, das Schnauben der Pferde schafft eine gemütliche Atmosphäre und im Stall herrscht reges Treiben. Trotzdem keine Hektik unter Reitern und Pferdebesitzern, es herrscht ein freundlicher und wertschätzender Ton – anscheinend fällt der Alltagsstress zwischen Wiehern und Hufgetrappel schnell ab.

Die wohlgenährte Hofkatze Melo fühlt sich wohl auf dem Reiterhof und hält anscheinend nichts von Diäten.

Bei den Schlingheiders auf dem Hof kostet der Stellplatz 300 bis 330 Euro – darin enthalten Heu und Stroh aus eigenem Anbau, Fütterung zu geregelten Zeiten, regelmäßiges Misten und Einstreuen. „Dies wird alles sehr gut angenommen, wir haben schon eine Warteliste“, sagt Ronja. Gegen Aufpreis kann jeder weiteren Service dazu buchen – darunter einen Rein- und Rausbringservice oder die Nutzung der Paddocks, einer Art Tummelplatz für die Pferde, wo die sich den ganzen Tag frei bewegen können dürfen. „Wir haben alles im Angebot, was Pferd und Reiter glücklich macht“, sagt Maik.

Catrin Lesemann vertraut ihre Pferde bei der Schlingheider untergebracht. Die Blombergerin genießt die familiäre und vertraute Atmosphäre in Eschenbruch.

Wer keine Zeit hat, sein Tier täglich zu besuchen, weiß es bei den Schlingheiders in guten Händen. „Hier ist immer jemand sind immer da und alles ist tip-top“, sagt Catrin Lesemann, die ihre Pferde den Schlingheiders anvertraut. Die gesamte Anlage trage diese familiäre Handschrift, welche sich ebenso im Herzstück des Stalls widerspiegele: einer einzigartigen Stallgemeinschaft aus Freizeit- und Turnierreitern aller Sparten, auf die man sich zu jeder Zeit absolut verlassen könne.
Über dieses Lob freuen sich Ronja und Maik, die seit sechs Jahren verheiratet sind. Der Großteil der Pferde gehöre Einstellern und bisher habe auch niemand trotz Corona und Kurzarbeit seine Box gekündigt: Bis jetzt zahlten alle, ein Pferd sei eben auch ein Familienmitglied.
Fotos: Bernhard Preuss

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