Eine Kampfkandidatur mit brisanter Vorgeschichte

Wen interessiert die Kür von CDU-Kandidaten im Wahlkreis Lippe I für die Bundestagswahl am 26. September? Dies fragen mich Freunde und Bekannte, als ich ihnen von dem Doppelinterview mit Kerstin Vieregge (44), die derzeit in der Unionsfraktion im Bundestag sitzt, und Lars Brakhage (30), dem lippischen CDU-Kreisvorsitzenden, der sie dort ablösen möchte, berichte. Am 13. März kommt es zur Kampfkandidatur bei der Aufstellungversammlung in der Lemgoer Phoenix-Contact-Arena zwischen Vieregge und Brakhage – beide verbindet eine brisante Vorgeschichte. 2018 musste Vieregge den Vorsitz der CDU in Lippe aufgeben, weil Unregelmäßigkeiten bei der Wahlkampffinanzierung, bei Fahrtkosteneinreichungen und einer Minijob-Beschäftigung aufgedeckt wurden. Ihr Nachfolger wurde Lars Brakhage, der lange damit beschäftigt war, die „Affäre Vieregge“ aufzuklären und die Partei wieder zu einen. Die lippische CDU hat etwas mehr als 2000 Mitglieder, 1500 davon im Wahlkreis Lippe I, zu dem nicht der gesamte Kreisgebiet gehört. 300 Mitglieder werden, mit ausdrücklicher Erlaubnis und in Absprache mit Kreisgesundheitsamt, zur Stimmabgabe erwartet. Doch zuvor ein Gespräch mit beiden zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ladies first.

Das Backhaus in ihrer Heimatgemeinde Extertal-Göstrup besucht Kerstin Vieregge gerne und häufig.

Frau Vieregge, warum wollen Sie wieder in den Bundestag?
Kerstin Vieregge: Weil Politik meine Leidenschaft ist und mich seit Jahrzehnten mit viel Herz und Passion für die CDU und meine Heimat einsetze.

Sind Sie aufgeregt vor der Aufstellungsversammlung am 13. März?
Vieregge: Natürlich, das wäre ich aber auch ohne Gegenkandidat.

Warum sollten die Mitglieder Sie wieder zur Kandidaten küren?
Vieregge: Ich kann mit Taten und Ergebnissen belegen, dass ich in Berlin erfolgreiche Politik für Lippe mache und dies durch eine transparente Informations-Politik allen Menschen über alle Medien vermittele. Meine Arbeit für den Kreis Lippe in Berlin ist noch nicht beendet.

Sie haben ja relativ früh, im Mai 2020, geäußert, dass Sie wieder kandidieren wollen, ohne Absprache mit der CDU-Kreisspitze – war das aus heutiger Sicht ein Fehler?
Vieregge: Das stimmt, aber ich hätte dies auch Wochen zuvor oder danach getan, wenn ich gefragt worden wäre. Denn ich bin eine leidenschaftliche Kämpferin für meine Heimat und gebe wirklich alles. Das können auch alle in meinen Beiträgen in den sozialen Medien und in meinem Newsletter sehen.

„Zur Etikette hätte es gehört, dass ich den Kreisvorsitzenden vorab informiere“

Und die Information der CDU-Kreisspitze?
Vieregge: Zur Etikette hätte es gehört, dass ich den Kreisvorstand und den Kreisvorsitzenden vorab informiere, dies hätte Missverständnissen vorgebeugt.

Einige CDU-Stadtverbände haben ihr Vorpreschen kritisiert, dass Sie mitten im Kommunalwahlkampf an Ihren Karriereplänen arbeiten?
Vieregge: Dies weise ich zurück. Ich habe mich immer für die Partei und für alle Bürgerinnen und Bürger eingesetzt. Diese Kritiker, die so etwas behaupten, waren noch nie meine Fans.

Glauben Sie, dass am 13. März die Unregelmäßigkeiten bei der Wahlkampffinanzierung, bei Fahrtkosteneinreichungen und einer Minijob-Beschäftigung – die 2018 ans Licht kamen und Sie den Kreisvorsitz kosteten – noch eine Rolle spielen werden? Oder ist das alles Schnee von gestern?
Vieregge: Ich habe darunter einen Schluss-Strich gezogen, scheue aber kein Gespräch über diese Zeit. Es wurde nichts festgestellt, was strafrechtlich von Relevanz war. Ich habe damals einigen Leuten vertraut und mich nicht ausreichend informiert. Doch jetzt steht erst einmal die Bundestagswahl an, die mit dieser Sache nichts zu tun hat. Jetzt geht es um die Beurteilung meiner Arbeit in Berlin.

Gab es damals irgendetwas, dass sie verletzt hat? Wenn ja, sind die Wunden verheilt?
Vieregge: Manche Wundern verheilen nie. Wenn es zu vernünftigen Aussprachen miteinander kam, konnte natürlich vieles vergeben und vergessen werden.Doch dies alles hat mich zurückhaltender gemacht in meiner politischen Arbeit. Meine Leichtigkeit ist einer Skepsis gewichen.

Ihre Gegner sagen, dass sie drei Jahre hinter Ihnen aufgeräumt und Sie nichts zur Aufklärung beigetragen haben?
Vieregge: Also mich hat niemand gefragt und um Unterstützung gebeten.

2016 waren Sie als Kreisvorsitzende in einer ähnlichen Situation wie Lars Brakhage jetzt und haben sich damals unter anderem gegen Heinrich Zertik durchgesetzt, der damals für die CDU im Bundestag saß. Glauben Sie, dass sich Geschichte wiederholt?
Vieregge: Der Vergleich hinkt etwas, weil Heinrich Zertik ohne Wahlkreiskandidatur über die CDU-Landesliste in den Bundestag kam und nicht wie ich als direkt gewählte Wahlkreisabgeordnete. Aber ich finde es grundsätzlich gut, dass in der Demokratie eine Auswahl geboten wird. Und dies ist dem Fall zwischen mir und Lars Brakhage.

Ihr Konkurrent Lars Brakhage geht als Favorit ins Rennen und wird auch Parteispitze unterstützt, fühlen Sie sich als Außenseiterin?
Vieregge: Nein, auf keinen Fall. Ich glaube, es wird ein sehr enges Rennen zwischen Lars Brakhage und mir. Doch eine Stimme mehr reicht – ich hoffe für mich.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Lars Brakhage?
Vieregge: Was ist eine Stufe unter guter Kumpel?

Vielleicht guter Bekannter?
Vieregge: Das kommt hin. Wir haben uns zusammengesetzt, gesprochen und jeder hält an seiner Kandidatur fest.

Was werden Sie machen, wenn es nicht mit der Kandidatur am 13. März klappt?
Vieregge: Das entscheide ich am 14. März

Haben Sie noch was auf dem Herzen?
Vieregge: Ich nehme dieses Mandat für Lippe in Berlin sehr gerne wahr und versuche für die Lipper wirklich viel herauszuholen. Es dauert eine Zeit bis man weiß, wer, wo und wann Ansprechpartner ist. Da musste ich mich auch erst reinfuchsen, aber nun bin ich drin und kann auch hoffentlich dort bleiben. Wenn ich am 13. März gewählt würde, bin ich die einzige Frau, die im Wahlkreis antritt, alle anderen Parteien haben sich für Männer als Kandidaten entschieden.

Lars Brakhage geht als Favori in die Aufstellungenversammlung der lippischen CDU am 13. März.

Herr Brakhage, warum wollen Sie in den Bundestag?
Lars Brakhage: Das Bundestagsmandat ermöglicht die großen Linien der Politik und die Bedürfnisse vor Ort in Einklang zu bringen. Das geht mit keiner anderen Aufgabe, dank der Kombination von Wahlkreisarbeit und Parlamentsbetrieb. Deswegen bemühe ich mich um die Kandidatur und möchte den nun neu zugeschnittenen Wahlkreis direkt gewinnen.

Sind Sie nervös vor der Aufstellungsversammlung am 13. März?
Brakhage: Na klar, alles andere wäre gelogen!

Warum sollten die Mitglieder Sie zum Kandidaten küren?
Brakhage: Obwohl ich erst 30 bin, kann ich schon auf eine über zehnjährige Erfahrung in der Wirtschaft zurückblicken. Darüber hinaus war und ist mir das Ehrenamt immer sehr wichtig gewesen. Meine Erfahrung, Netzwerke und Begeisterung möchte ich gerne für die lippischen Bürgerinnen und Bürger im politischen Berlin einbringen.

„Kerstin Vieregges Alleingang war für mich schon enttäuschend“

Kerstin Vieregge hat sich ja relativ früh, im Mai 2020 mitten im Kommunalwahlkampf geäußert, dass Sie wieder kandidieren will, ohne Absprache mit der CDU-Kreisspitze – wie fanden Sie das?
Brakhage: Meiner Meinung nach ist eine enge Abstimmung zwischen Abgeordneten und der Partei sehr wichtig.

Ok und nun bitte die Antwort auf meine Frage…
Brakhage: Kerstin Vieregges Alleingang, ohne Absprache mit mir oder dem Parteivorstand, war für mich schon enttäuschend.

Glauben Sie, dass am 13. März die Unregelmäßigkeiten bei der Wahlkampffinanzierung, bei Fahrtkosteneinreichungen und einer Minijob-Beschäftigung – die 2018 ans Licht kamen und Kerstin Vieregge den Kreisvorsitz kostete – heute noch eine Rolle spielen? Oder ist das alles Schnee von gestern?
Brakhage: Das müssen die wahlberechtigten Mitglieder der CDU Lippe am 13. März entscheiden. Ich werbe für mich, nicht gegen andere!

Sie wurden nach der „Affäre Vieregge“ zum CDU-Kreisvorsitzenden gewählt – wie lange hat die Aufarbeitung der Hinterlassenschaft Ihrer Vorgängerin gedauert?
Brakhage: Die Aufarbeitung hat den Kreisvorstand natürlich gerade zu Beginn intensiv gefordert. Mit unserem starken Team ist es gelungen, die Partei wieder zu einen. Mit dem Parteitag im November 2018 haben wir das Kapitel für die CDU in Lippe geschlossen.

Haben Sie aus der Aufarbeitung auch Konsequenzen für ihr politisches Agieren gezogen – also haben Sie etwas daraus gelernt oder war es nur nervige Arbeit? Brakhage: Es war häufig sehr fordernd und hat viele Kraft und Nerven gekostet. Parteien wird zu recht ein hohes Maß an Integrität und Transparenz abverlangt. Dies einzuhalten, muss die Devise für alle Politikerinnen und Politiker sein, um die Glaubwürdigkeit unserer repräsentativen Demokratie nicht zu beschädigen.

Ihre Konkurrentin Kerstin Vieregge geht als Außenseiterin ins Rennen. Sie dagegen werden von der Parteispitze unterstützt, fühlen Sie sich als Favorit?
Brakhage: Ich freue mich über die große Unterstützung aus der Partei, gleichzeitig gehe ich aber mit großem Respekt und Demut in die Abstimmung.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Kerstin Vieregge beschreiben?
Brakhage: Kerstin und ich haben ein, wie ich finde, sehr kollegiales Verhältnis.

Was werden Sie machen, wenn es nichts wird mit der Kandidatur am 13. März? Sie wurden ja im vergangenen Jahr mit 90 Prozent Zustimmung wieder zum CDU-Vorsitzenden gewählt
Brakhage: Ich gehe mit viel Zuversicht in die Aufstellungsversammlung. Sollte es für mich nicht reichen, wäre ich natürlich sehr enttäuscht. Gemeinsam mit dem Vorstand würde ich dann weitere Schritte beraten.

Haben Sie noch was auf dem Herzen?
Brakhage: Ich freue mich auf den 13. März. An diesem Tag haben unsere Mitglieder eine echte Wahl zwischen zwei unterschiedlichen Kandidaten und das ist es doch, was unsere Demokratie auszeichnet: eine Wahl zu haben!
Fotos: Bernhard Preuss

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