Schockdiagnose Brustkrebs: „Mama, warum Du?“

In meinem Maileingang finde ich die Nachricht von Sandra Weghorst*. Die Detmolderin schreibt, dass sie sich nicht beklagen wolle, trotz der schwierigen Situation um und mit der Pandemie. Nein, sie habe gerade mit ihrer Schwester und Tochter auf ihr sechtes krebsfreies Jahr mit O-Saft angestoßen und wolle sich auf diesem Wege einfach mal bei den Ärzten am Brustkrebszentrum Lippe bedanken: „Sie haben mir wertvolle Lebenszeit geschenkt, die ich mit meinen Liebsten genieße“, sagt sie im anschließenden Telefonat.

Harte Platte in der Brust

Ihre Tochter war erst knapp drei Jahre alt, sie alleinerziehend als der Tumor 2014 bei ihr festgestellt wurde. Nur noch maximal zwei bis drei Lebensjahre stellten Mediziner ihr damals in Aussicht. Sie begann zu kämpfen. „Mama, warum Du?“ – auf die Frage ihrer Tochter Sofie* kann die damals 37-Jährige keine Antwort geben. Viele Tränen seien geflossen und immer wieder habe sie mit dem Schicksal gehadert nach der schockierenden Diagnose: Brustkrebs.
Niemand in ihrer Familie hatte oder habe diese Krankheit. Der Befund habe sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel einige Wochen nach ihrem 37. Geburtstag getroffen. Kurz zuvor hatte sie eine Veränderung in ihrer Brust bemerkt. „Es war kein Knoten, sondern fühlte sich eher wie eine kleine harte Platte an“, erzählt sie. Anfangs habe sie sich nicht viel dabei gedacht. „Stillende Mütter kennen solche Verhärtungen in der Brust, volle Milchdrüsen können sich so anfühlen“, sagt Weghorst, die auf die Ferndiagnose einer befreundeten Ärztin vertraute. Sandra hatte gestillt. Doch die Ärztin habe ihr auch empfohlen, diese „harte Platte“ auf jeden Fall medizinisch abzuklären.

„Ich hatte eine kleine Tochter, dann ist der Tod keine Option“

Da hatte der Tumor schon gestreut. Die Ärzte fanden unzählige kleine Metastasen in ihrer Leber. Nur noch maximal zwei bis drei Lebensjahre stellten sie ihr damals in Aussicht. „Doch ich hatte ein kleine Tochter, dann ist der Tod keine Option“, sagt sie mit stockender Stimme am Telefon. Sie begann zu kämpfen.
Sie habe von Anfang an nicht auf Eigenrecherche gesetzt. Nicht ein einziges Mal Brustkrebs in die Suchfunktion im Internet eingetippt, sondern den Informationen ihrer Ärzte vertraut. Von ihrem Hausarzt sei sie ins Brustzentrum Lippe nach Lemgo überwiesen worden und habe dort tolle Medizinerinnen und Mediziner, bei denen sie sich gut aufgehoben fühlte. „Ich war sehr glücklich, dass ich zu den Arztterminen nicht allein gehen musste. Mal kam meine Schwester mit, die Medizinerin ist, mal eine Freundin. So hatte ich immer jemanden, mit dem ich darüber sprechen konnte“, erinnert sich die heute 44-Jährige. Das habe ihr sehr geholfen, ihre Lage einzuordnen und zu verstehen, um dann Entscheidungen zu treffen. Denn vor allem anfangs habe sie sich völlig überfordert gefühlt. „In manchen Momenten beobachtete ich mich und mein Leben wie ein Zuschauerin und konnte mich kaum konzentrieren“, erzählt Sandra. „Krebs, ich habe Krebs“, dieser Satz habe ihre Gedanken beherrscht, fügt sie hinzu. Er war morgens da, wenn der Wecker klingelte, und abends beim Einschlafen. Um das Wachstum der Metastasen zu stoppen und Neubildungen zu verhindern, empfahlen Ärzte ihr eine Chemotherapie. Sie holte sich Rat bei einem anderen Facharzt. Dessen Ansicht bestärkte sie letztlich, diesen Therapieweg zu gehen. Eine Zweitmeinung sei nichts Negatives, sogar wichtig für die Entscheidungsfindung und um Vertrauen zu fassen, versicherten ihr die Mediziner am Brustzentrum.

„Ich fand eine Perücke, die meiner Frisur ähnelte“

Sie begann mit der Chemo. Sie erhielt mehrere Infusionen, die sie auslaugten. Jedes Mal ein bisschen mehr. „Meine Familie und Freunde haben mich, so gut es nur ging, gestützt“, betont die Detmolderin. Auch eine Psychoonkologin habe sie durch diese Phase begleitet. Die hörte zu und gab Tipps. Zum Beispiel, sich schon frühzeitig eine Perücke zu kaufen. „Das war ein guter Hinweis. Ich habe auch eine gefunden, die meiner Frisur ähnelte und wollte so unverändert wie nur möglich bleiben, vor allem für Sofie“, sagt die Kauffrau.
Anschließend habe sie fast täglich auf den Haarausfall gewartet. „Ich dachte erst, dass ich davon verschont werde, aber dann kam er doch“, erinnert sich Sandra. Büschelweise seien die Haare in der Bürste hängen geblieben. Auch die Augenbrauen habe sie verloren. „Es war wie Unkrautbekämpfung. Nicht nur das Wuchernde, das Unerwünschte wurde angegriffen“, fasst sie zusammen. Große Hoffnung für Sandra nach einer Zwischenunteruntersuchung während der Chemo-Therapie: „Der Tumor und die Lymphknoten hatten sich verkleinert und die Zahl der Metastasen verringert. Nach der Chemo schließlich waren die Lebermetastasen inaktiv und das kranke Gewebe in der Brust konnte operativ entfernt werden.“
Ihre Haare und Brauen sind längst nachgewachsen. Äußerlich ist Sandra nichts anzumerken, um diese zu unterstreichen, schaltet sie während des Telefonats die Kamera an ihrem Smartphone ein.

„Zeit ist nun mein wichtigstes Gut“

„Die Medikamente halten den Krebs im Zaum“, sagt die heute 44-Jährige, die in Teilzeit arbeitet. Ihre Firma habe ihr immer den Rücken gestärkt. Unter anderem dieser Rückhalt habe ihrer Psyche gut getan. Von Anfang an sei sie im Familien- und Freundeskreis offen mit ihrer Erkrankung umgegangen, auch vor ihrer Tochter. „Wahrscheinlich hat sie die Sorge um mich schneller groß und vernünftiger werden lassen“, vermutet Sandra. Sie merke das an kleinen Gesten, wenn Sofie ihr etwa helfe, die Münze im Einkaufswagen herauszuziehen, weil ihr das mit ihren tauben Fingerspitzen schwer falle. „Ich kann die Krankheit nicht abstreifen“, sagt Sandra. Aber die große Empathie in der Klinik, im Kollegen-, Freundes- und Familienkreis sei ein großes, wichtiges Trostpflaster. „Die Zeit ist nun mein wichtigstes Gut“, betont die Mutter.
*Namen geändert

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