Lügde: Staatsanwaltschaft ermittelt wieder gegen ein Jugendamt

Schon wieder stellt sich sich die Frage: „Hätten die Behörden den hunterfachen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen auf dem Campingplatz in Lügde frühzeitig beenden können?“ Die Staatsanwaltschaft Paderborn prüft dies und hat nun Ermittlungen gegen eine Mitarbeiterin des Jugendamts Höxter eingeleitet. Das bestätigte Oberstaatsanwalt Marco Wibbe am heutigen Montag. „In diesem Zusammenhang haben wir Akten angefordert, die uns inzwischen vorliegen“ so Wibbe. Nun solle geklärt werden, ob Unterlagen in unzulässiger Weise verändert worden seien und eine strafbare Handlung vorliege. Die Ermittlungen dauerten an. „Weitere Angaben können nicht gemacht werden“, so der Sprecher der Paderborner Staatsanwaltschaft. Mit einem Abschluss der Ermittlungen rechne er frühestens Ende April.

Lehrerin hatte auffälliges Verhalten des Mädchens gemeldet

Grund für die Ermittlungen, sagt Oberstaatsanwalt Wibbe, seien entsprechende Aussagen der Mitarbeiterin am 3. Februar dieses Jahres zu den Vorgängen im Jugendamt Höxter vor dem Lügde-Untersuchungsauschuss des NRW-Landtags in Düsseldorf gewesen. Danach stand der Verdacht im Raum, dass im Jugendamt nachträglich Unterlagen verändert wurden. Die Behörde hatte sich vor Jahren um eine alleinerziehende Mutter und ihre kleine Tochter gekümmert. Vater ist ein Mann, der wegen Kindesmissbrauchs in Haft gesessen hatte. Er machte seine Tochter mit Mario S. bekannt, einem der Haupttäter im Fall Lügde. Das Mädchen verbrachte viel Zeit mit Mario S. auf dem Campingplatz und übernachtete auch dort.
2015, als das Mädchen sieben war, meldete sich seine Grundschullehrerin beim Jugendamt Höxter. Sie gab an, die Schülerin, sonst immer vital und lebensfroh, habe seit den Osterferien einen starren Blick. Sie habe rotgeränderte Augen, der Po tue ihre weh, es jucke im Intimbereich, und sie wolle sich für den Schwimmunterricht nicht mehr ausziehen. Die Behörde ließ das Kind von einem Arzt untersuchen, der nichts fand, und sagte der Mutter, sie solle ihre Tochter nicht mehr zu Mario S. lassen. Ob die sich daran hielt, kontrollierte niemand. Inzwischen steht fest, dass das Mädchen merfach Opfer von Mario S., einem der Lügde-Haupttäter war.

In dieser Unterkunft auf dem Capingplatz in Lügde-Elbrinxen missbrauchte Marios S. seine minderjährigen Opfer.

Vor dem Untersuchungsausschuss hatte eine Mitarbeiterin eingeräumt, einen Vermerk dazu erst gefertigt zu haben, als der Missbrauchsfall bereits öffentlich war. „Ich habe meinen Ohren nicht getraut, aber nun steht der Verdacht im Raum, dass Mitarbeiter in Höxter nachträglich Akten manipuliert haben könnten“, erinnert sich der lippische Landtagsabgeordnete Jürgen Berghahn (SPD), der auch ist Sprecher seiner Partei im Untersuchungsausschuss ist. Das Jugendamt habe gewusst, dass der Vater des Mädchens wegen Kindesmissbrauchs vorbestraft und ein Freund von Mario S. war. „Normalerweise muss dies reichen, um ein Kind in Sicherheit zu bringen oder die Polizei einzuschalten“, betont der 60-jährige Berghahn.
Im Missbrauchskomplex Lügde hatte die auch Detmolder Staatsanwaltschaft gegen Mitarbeiter der Jugendämter Hameln-Pyrmont und Lippe ermittelt, die für die Pflegetochter des verurteilten Dauercampers Andreas V. zuständig waren, die Verfahren im Frühjahr 2020 aber eingestellt.
Zuvor, im Herbst 2019, hatte das Landgericht Detmold im Missbrauchsfall Lügde zwei Männer zu langjährigen Haftstrafen und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Sie hatten auf dem Campingplatz in Lügde-Elbrinxen an der Landesgrenze zu Niedersachsen 32 Kinder jahrelang schwer sexuell missbraucht.
Fotos: Bernhard Preuss

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