„Ich würde jeden Cent für meinen Traum geben“

Auf den Tischen stapeln sich die Pizzakartons, die mit Werbeaufklebern von Partnern verziert sind, die Bänke sind mit Plastikfolie abgedeckt und aus der Zapfanlage ist schon seit Monaten kein Bier geflossen. „Wir haben die Bierfässer mit Mitarbeitern und Freunden leergetrunken“, sagt Inhaber Tilo Hölscher beim Blick in sein „Roots“. Kaum eine Branche treffen die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie so hart wie die Gastronomie. Im Interview schildert der 38-jährige Gastronomn, Ehemann und Vater, dass diese Krise für ihn ein finanzieller Drahtseilakt ist, aber auch eine Chance bedeutet, um neue Ideen zu entwickeln.

Herr Hölscher, ein Jahr Pandemie und Sie hatten Ihr neues Lokal „Roots“ gerade mal vier Woche geöffnet, glauben Sie noch an eine Wiedereröffnung?
Tilo Hölscher: Ganz fest. Wir haben im Juli mit der Renovierung des Braukellers in der Braugasse angefangen, im Oktober das „Roots“ geöffnet und vier Wochen wieder schweren Herzens wegen Corona geschlossen. Seit dem haben wir den Lieferservice, den wir bereits an unserem alten Standort an der Bruchstraße ins Leben gerufen hatten.

Warum sind Sie dort weg?
Hölscher: Wir wollten den Standort eigentlich gar nicht wechseln, aber an der Bruchstraße gab es einen Vermieterwechsel samt drastischer Mieterhöhung.

Und dann?
Hölscher: Dann haben wir uns bewusst gegen die Mieterhöhung entschieden, ohne zu wissen was folgt.

Ganz schön riskant, oder?
Hölscher: Ja, irgendwie schon. Aber es war klar, dass wir keine, aus unserer Sicht, überhöhte Pacht zahlen. Dann kam irgendwann das Angebot in die Braugasse zu ziehen.

Tilo im Gespräch an der verwaisten Theke des „Roots“.

Sie haben hier viel investiert, der Braukeller sah ja ganz anders aus…
Hölscher: Ich habe mich entschieden nochmals in die Vollen zu gehen und einen mittleren fünfstelligen Betrag hier investiert. Zuvor hatte ich mir so kleine Buden angeschaut und gemerkt, dass es nicht das ist, was ich möchte. Also das wäre vielleicht was, um Geld zu verdienen, aber ich wäre nicht glücklich gewesen, aber ich habe mich ja selbstständig gemacht, um glücklich zu sein.

Und sind Sie glücklich?
Hölscher: Mit der Braugassen-Entscheidung schon, aber in der gegenwärtigen Situation ist es schwierig. Ich habe hier einen mittleren fünfstelligen Betrag investiert und habe auch noch Verbindlichkeiten aus der Sache an der Bruchstraße.

Hat Ihre Frau nicht mal gesagt, hier Tilo….
Hölscher: Sie ist ja auch selbstständig und weiß wie unglücklich ich im Angestelltenverhältnis war. Ich bin kein gelernter Gastronom, sondern Landschaftsgärtner und Pädagoge – hatte einen festen, krisensicheren Arbeitsplatz, der mich in den Burnout getrieben hat. Das war eigentlich der Punkt, an dem ich den Job gekündigt habe, ohne zu wissen was kommt. So habe ich im Januar 2015 ‚Tilos Pizzabox‘ in Lemgo eröffnet, weil ich nebenbei als Pizzabäcker in der Lemgoer ‚Zündkerze‘ gearbeitet hatte.

Wann haben Sie festgestellt, dass der sichere Job nichts mehr für Sie ist?
Hölscher: Ich habe 2014 gekündigt und innerhalb weniger Wochen, ohne Eigenkapital, aber mit viel Herz und Verstand ‚Tilos Pizzabox‘ eröffnet. In Lemgo war es ein reiner Außer-Haus-Verkauf. Dann habe ich mich in Richtung Detmold orientiert und 2017 eine Filiale an der Bruchstraße eröffnet. Doch es wurde zu viel, 2018 habe ich Lemgo aufgegeben und in Detmold, dass Konzept erweitert – mit Abendgeschäft, Livemusik sowie 60 Plätzen im Biergarten und 30 Sitzgelegenheiten im Innenbereich.

Woher kommt Ihre Affinität zu Pizza?
Hölscher: Durch die ‚Zündkerze‘, da habe ich in der Küche gearbeitet. Ich war Vollzeit-Pädagoge und abends Pizzabäcker.

Der 38-jährige Familienvater macht sich viele Gedanken um Zukuft seiner Gastronomie.

Doch die Pandemie hat Ihre Karriere als erfolgreicher Pizzabäcker erst einmal ausgebremst oder wie ist Ihre persönliche Coronabilanz?
Hölscher: Da sind zwei Herzen, die in mir schlagen. Das eine ist das Trauerherz, das um die finanzielle Einbußen und Ideen trauert, die ich durch Corona nicht realisieren konnte. Auf der anderen Seite hat die Pandemie meinen Ehrgeiz und die Kreativität herausgefordert – wir haben das Liefergeschäft durch eine App angekurbelt, was wir vorher nie aufm Schirm hatten. Das Angebot werden wir auch nach Corona weiterführen und ich hatte noch nie so viel Zeit in meinem Leben für mich – das tut gut.

Die viele Zeit kann einen ja auch erschlagen….
Hölscher: Das stimmt, deshalb habe ich mir eine Zusatzausbildung zum Life-Trust-Coach geschenkt. Eine einjährige Ausbildung, die viel Zeit in Anspruch nimmt. Später möchte ich neben der Gastronomie gemeinsam meiner Frau, die im Familienbereich tätig ist, Coaching und Beratungsangebote anbieten. Ich würde mich auf den Bereich Businessberatung und Konzeptcoaching konzentrieren und meine Frau auf den Bereich Familie. Ich möchte nicht stehen bleiben und meine Kreativität unter dem Motto ‚ grundsätzlich ist nichts unmöglich‘ ausleben.

Sie sind ja schon auch jetzt schon kreativ und bekleben Ihre Pizzaboxen mit Logos anderer Firmen…
Hölscher: Das war auch so ein Gedanke – wir haben nachhaltige Verpackungen und bieten diese als Werbeplattform an.

Wie viele Kunden haben Sie von der Idee überzeugt?
Hölscher: Zurzeit fünf.

Weitere Ideen, um den Corona-Frust zu bekämpfen?
Hölscher: Wir haben die Imbissbude ‚Snackbox‘ an der B66 ins Leben gerufen und kurz nach dem Wintereinbruch gestoppt. Dort haben wir Salat-Bowls, Suppen, Pulled-Pork-Burger und Nachos im Angebot – derzeit noch to go. Am 1. Mai werden bei der Oldtimer Ausfahrt einen ‚Drive In‘ mit der ‚Snackbox‘ anbieten. Aber der Plan ist schon, dass die Gäste irgendwann dort an Tischen und auf Sitzgelegenheiten unsere Leckereien genießen können. Zudem wollen wir auch Catering anbieten.

Sie haben jetzt auch Crowdfunding-Projekt gestartet, da die Spülmaschine im ‚Roots‘ kaputt gegangen ist?
Hölscher: Ich hatte es nie so aufm Schirm. Ich fand es immer etwas komisch,aber ich habe umgedacht, da es derzeit finanziell echt schwierig ist. Derzeit fehlt das Geld für eine Spülmaschine und ich habe auf diesem Wege um Unterstützung gebeten.

Und war es erfolgreich?
Hölscher: Ja, das Geld haben wir zusmmen.

Sie erwähnten, dass Sie die Idee des Crowdfunding komisch fanden…
Hölscher: Ja, weil es bei unseren Gäste missverstanden werden kann. Ich bin nicht der totale Lebentyp, auch wenn ich am Biostand mein Gemüse und Obst einkaufe, heißt es nicht, dass ich viel Geld habe.

Wollen Sie mir verraten, wie groß Ihre finanziellen Sorgen derzeit sind?
Hölscher: Ein knapper sechsstelliger Betrag.

Können Sie noch gut schlafen?
Hölscher: Eigentlich schon, aber die Schulden nagen schon an mir. Ohne Corona würde mein Laden super laufen und ich würde Geld verdienen. Natürlich überlege ich mal, was wäre wenn ich insolvent wäre, aber ich sehe mich nirgendwo anders und versuche immer positiv zu denken.

Es gab es auch Hilfen?
Hölscher: Ja, aber es hat sehr lange gedauert. Die Novemberhilfen, haben wir Ende Januar bekommen. Die Überbrückungsgelder für dieses Jahr sind sehr knapp berechnet. Für Januar habe ich gar nichts bekommen, weil wir ein Prozent zu viel Umsatz gemacht haben. Für Februar und März haben wir monatlich 1000 Euro erhalten, doch allein die Personalkosten für meine zwölf Mitarbeiter, eine Vollzeitkraft, drei Werksstudenten und sonst Aushilfen, belaufen sich auf 15.000 Euro pro Monat. Das Kurzarbeitergeld kann ich nur für meine festangestellte Mitarbeiterin beantragen. Den Rest zahle ich aus der eigenen Tasche.

Haben Sie Angst, dass Sie die Mitarbeiter verlieren?
Hölscher: Das Team ist meine zweite Familie und ich möchte keinen verlieren. Es ist nicht einfach, so tolle Mitarbeiter zu finden.

Doppelte Verantwortung – für Frau, zwei Kinder und die gastronomische Familie?
Hölscher: Richtig. Seit Monaten zahl ich mir keinen Cent Gehalt. Der Lieferdienst wird aufrechterhalten, um bei den Kunden nicht in Vergessenheit zu geraten.

Wie läuft der Lieferdienst?
Hölscher: Am Wochenende gut, aber es reicht halt nicht.

Wir haben uns vor zwei Wochen zufällig getroffen, da meinten Sie, dass Sie keine Lust mehr haben – sind das spontane, emotionale Ausbrüche oder ist die Geschäftsaufgabe eine denkbare Alternative?
Hölscher: Nein, ist es nicht. Ich sehe mich nirgendwo anders. Ich weiß, dass es gut ist, es funktioniert, fühlt sich gut an. Aber natürlich ist die Geschäftsaufgabe eine Alternative, wenn es finanziell einfach nicht mehr zu stemmen ist.

Es soll ja auch Leute geben, die mit ihren Traum untergehen?
Hölscher: Wenn du nicht weißt, dass dieser Traum funktioniert, ist es schwer daran festzuhalten. Aber ich glaube daran und halte an meinem Traum fest. Aber ich wünsche mir eine Perspektive von Seiten der Politik und keine nervenaufreibenden Spontanentscheidungen, die die Menschen ärgern und verzweifeln lassen.

Gibt es für Sie eine Deadline oder einen Punkt, wo Sie sagen bis hierher und nicht weiter?
Hölscher: Früher habe ich es nicht verstanden, wenn Menschen ihren letzten Cent ins Unternehmen stecken auch wenn sie schon am finanziellen Abgrund standen. Das sehe ich mittlerweile total anders. Ich würde jeden Cent für meinen Traum geben. Es gibt nicht diesen einen Punkt. Also wenn es nicht mehr vor und zurück gehen würde, dann würde ich sagen, ok das war’s. Ich bin pleite, aber habe alles probiert. Aber an diesem Punkt bin ich noch nicht, auch wenn es mir manchmal schwer fällt, Optimismus zu verbreiten.

Fragen Ihre beiden Kinder mal – Papa, wie geht’s Dir?
Hölscher: Die kriegen schon mit, dass die Situation belastend ist. Teilweise machen sie sich auch Sorgen, dann ich führe die Gespräche mit meiner Frau, wenn sie nicht dabei sind. Das sind Sorgen, die die Kinder nicht mittragen müssen.

Was macht das mit Ihnen?
Hölscher: Es ist natürlich auch schwierig für die Kinder diesem Weg mitzugehen, aber meine Frau und ich zeigen ihnen auch, dass es immer weiter gehen kann. Auch jetzt mit dem gemeinsamen Coaching-Projekt. Unsere Tochter hat den Plan mit den Worten ‚oh, macht ihr jetzt noch was‘ kommentiert. Für Kinder ist es natürlich ein fester Rahmen, wenn Papa arbeiten geht, um vier Uhr wieder kommt und am Wochenende frei hat, wünschenswerter.

„Ich will meinen Kindern schon vermitteln, dass alles möglich ist.“

Tilo Hölscher, Gastronom

Aber so ein Papa wollen Sie nicht sein?
Hölscher: Nee, ich will meinen Kindern schon vermitteln, dass alles möglich ist. Und ich weiß ja auch wie es war. Meine Tochter hatte im Endeffekt nicht mehr von mir, als ich den sicheren Job hatte. Das war ich zwar um vier zu Hause, bin aber depressiv geworden und habe am Wochenende da gesessen und geheult, weil ich nicht wusste was los ist. So etwas ist auch belastend für Kinder. Dann ist vielleicht ein Papa besser, der mal zwölf Stunden im Laden steht, aber glücklich nach Hause kommt, weil er etwas macht, dass ihm Spaß macht.

Was wäre Ihr Wunsch?
Hölscher: Natürlich sofort den Laden aufzumachen. Realistisch glaube ich, dass es Sommer oder Herbst wird bis wir im ‚Roots‘ wieder Gästen begrüßen dürfen. Aber ich glaube, dass die Menschen ihre Ängste und Vorbehalte gegenüber Menschenmassen erst in den kommenden Jahren verlieren werden.

Haben Sie noch was auf dem Herzen?
Hölscher: Das es nicht bricht und alle ihren Traum leben können.

Fotos: Bernhard Preuss

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