Tattoos: „Ehrliche und sehr persönliche Visitenkarten“

Fast neidisch blickt Constantin Rotaru aus seinem leeren Tattoo-Studio auf die gegenüberliegende Straßenseite – dort steht ein Friseurladen, die Menschen gehen mit Maske und unzähmbaren Haaren rein, um etwas später den Coiffeur mit ordentlichem Kopfputz wieder zu verlassen. „Es wäre schön, wenn auch wir mal wieder unsere Türen für die Kunden öffnen dürften“, sagt der 38-Jährige, der seit knapp drei Jahren das Tattoo-Studio „Constantino“ in Detmold führt.
„Es gab und gibt es bis dato keine nachgewiesene Corona-Infektion nach dem Besuch eines Tattoo-Studios“, sagt er, „nicht eine einzige.“ Hinzu komme, dass Tattoo-Studios im Gegensatz zu Friseuren deutlich weniger Kunden haben, manchmal sogar nur ein bis zwei pro Tag, fügt er hinzu. Die Ansteckungsgefahr wäre folglich bedeutend geringer, auch Mindestabstände seien so wesentlich einfacher einzuhalten als in anderen Einrichtungen. Zudem würden Tattoo-Studios per se schon besonders hohen Hygienestandards entsprechen. Während Friseure und Kosmetikläden seit mehreren Wochen die Türen geöffnet hätten, gebe es für Tätowierer keine Möglichkeit, ihre Arbeit auszuüben. „Das finde ich ungerecht“, betont Rotaru.

Die Kunden von Constantin Rotaru können unter zahlreichen Farben wählen.

Es gehe nicht nur ums Geldverdienen, auch für die Psyche sei die gegenwärtige Situation sehr das belastend. Die Hilfe vom Staat gehe bei schon für die Miete drauf, viele hätten eine Familie zu versorgen. „Und leben muss man auch noch“, so der Detmolder Tätowierer. Er wisse von Kollegen, die ihr Gewerbe aufgegeben, in andere Berufe gewechselt seien, weil sie den Druck nicht ausgehalten hätten. Doch er wolle kämpfen und warte darauf, dass die Inzidenzwerte an fünf aufeinanderfolgenden Tagen unter 100 fallen, damit er seine Türen wieder öffnen könne. „Bis dahin bin ich zum Nichtstun verdonnert“, sagt der zweifache Vater. Er könne nichts machen und sei darauf angewiesen, dass die Bevölkerung sich an die Hygieneregeln halte. „Ich bin ausgeliefert und kann nichts beeinflussen, die Detmolder entscheiden darüber, ob ich arbeiten und Geld verdienen kann oder nicht“, sagt der gebürtige Rumäne. Da komme einem schon das Damoklesschwert in den Sinn, das ständig über einem schwebe. „Das Bedürfnis nach einem Haarschnitt, einer Kugel Eis oder einer Handcreme mag in diesen Tagen größer sein als nach einer Tätowierung oder eine Piercing. Lebensnotwendig und systemrelevant ist alles nicht. Wir wollen nicht besser gestellt werden als andere Betriebe, aber auch nicht schlechter“, sagt Tätowierer Rotaru, der nach 14-jähriger Tätowierer-Tätigkeit im italienischen Neapel 2018 den Weg nach Lippe fand: „Ich habe hier Verwandtschaft und wollte im Alter 35 Jahren noch mal etwas Neues wagen.“

Geboren und aufgewachsen sei er in einer Kleinstadt 250 Kilometer nördlich der rumänischen Hauptstadt Bukarest – nach Militärdienst und Heirat habe er gemeinsam mit seiner Frau die Heimat in Richtung Italien verlassen. „Es gab keine Perspektive für uns. Wir waren jung, wir wollten ein neues Leben“, erinnert sich Rotaru. Eigentlich sollte er in die Fußstapfen seines Vater, der als Friseur gearbeitet habe, treten. Doch er wollte ein anderes, hoffnungsvolleres Leben – Perspektivlosigkeit und der Tanz auf dem Armutsdrahtseil sollten endlich der Vergangenheit angehören. „Wir waren jung, wild und wollten aus unserem Leben etwas machen“, sagt er. Also ab nach Süditalien, vielleicht einen eigenen Friseurladen oder mit irgendwas im kreativen Bereich, denn für Kunst und Malerei hatte er sich schon seit der Kindheit interessiert, das Auskommen der Familie sichern. Doch die Hoffnungen erfüllten sich zunächst nicht.
Für wenig Geld schuftet er in einer Marmorfabrik, um seine Familie durchzubringen. Auf dem Weg zur Arbeit kommt er täglich an einem Tattoo-Studio vorbei und bleibt immer wieder stehen, um sich die Bilder im Schaufenster anzuschauen. „Dann hat mich der Besitzer angesprochen und gefragt, ob ich nicht mal Lust hätte bei ihm auszuhelfen. Ich habe sofort zugesagt und dem Tätowierer nach der Arbeit in der Marmorfabrik assistiert“, erinnert sich Rotaru. Die Arbeit im Tattoo-Studio macht ihm großen Spaß und irgendwann weiß er er, so ein Studio ist genau sein Ding. Er spart Geld, um sein Tattoo-Diplom zu finanzieren. Nach bestandener Prüfung gibt er den Job in Marmorfabrik auf und ist nun endlich Tätowierer: „Ich hatte nun meinen Traumjob, doch durch den Stress gab es immer wieder Ärger in der Familie.“ 14 Jahre arbeitet er in Neapel wird zwei Mal Vater und eröffnet im Herbst 2018, nach einem Besuch bei Verwandten in Detmold, mit dem „Constantino“ ein eigenes Studio an der Paulinenstraße. Den Umzug von Italien nach Deutschland, die viele Arbeit und auch die finanziellen Herausforderungen hat seine Ehe nicht überstanden. Er ist inzwischen geschieden – Ex-Frau und die beiden Kinder leben ebenfalls in Lippe.

Dieses Tattoo haben sich Constantin Rotaru und seine künftige Ehefrau als ZEichen der Zusammengehörigkeit tätowieren lassen.

Viel Hand hat er in den vergangenen 17 Jahren an die Haut seiner Kundinnen und Kunden gelegt. Es regieren Nadel, Klinge, Laser und Farbe. Längst sind Manipulationen am Körper nicht nur rituelle Praktiken von Stammeskulturen und gesellschaftlichen Außenseitern. Auch in unserer modernen Gesellschaft wollen viele mittels schmerzhafter Veränderungen am eigenen Körper ihr Selbst optimieren oder einen Bezug zur eigenen Biografie herstellen. „Da werden einschneidende Erlebnisse in der Vergangenheit auf dem eigenen Körper visualisiert, im Sinne einer Erinnerungskultur“, meint Rotaru.
Auch schon vor Corona seien die Zeiten von Spontan-Tätowierungen längst vorbei gewesen– seine Kunden kämen mit klaren Vorstellungen und einer ausgedruckten Vorlage des gewünschten Motivs zum Termin. „Im Gespräch versuche ich das Motiv zu individualisieren, damit es einzigartig wird“, sagt Rotaru. Da sei viel Empathie gefragt. „Viele erzählen mir während der Sitzungen ihre ganze Lebensgeschichte. Das ist es bei uns nicht anders als beim Friseur gegenüber“, sagt Rotaru, dessen Körper insgesamt elf Tattoos zieren. Zehn dieser „Kunstwerke“, darunter seien Eigenkreationen – nur das Werk an seinem rechten Unterschenkel, das ihn und seine Freundin in einer Kussszene zeige, habe er von befreundeten Tätowierer stechen lassen. „Das ist besser als ein Ring. Sie hat das Tattoo am linken Bein. Am 31. Mai ist mein Geburtstag und dann werde ich um ihre Hand anhalten“, verrät er. Doch sie wisse noch nichts davon. Mit diesem Tattoo habe er ihr Herz erobert.
Aber es gebe auch Menschen, die sich Symbole tätowieren ließen, um damit eher abzuschrecken als anlocken. Sie zierten alle möglichen Körperstellen zum Beispiel mit Totenköpfen, um die eigene Stärke deutlich zu machen, meint Rotaru. Außergewöhnliche Tattoos gebe es immer wieder – eine Kundin habe auf einer ästhetischen Gestaltung ihres Schambereichs mit einem Skorpion bestanden – das sei schon ziemlich schräg gewesen. Er versuche alle Tatoo-Wünsche zu erfüllen, aber ab und zu bestehe schon Gesprächsbedarf. „Meistens, wenn Kunden Motive an den falschen Stellen haben wollen. Vor allem bei Motiven an den Fingern oder im Gesicht sind intensive Infogespräche notwendig“, sagt Rotaru.

„Niemand muss im Gefängnis gesessen haben, um ein Tattoo zu tragen.“

Constantin Rotaru, Tätowierer aus Detmold

Doch der 38-Jährige berät und sticht nicht nur neue Tattoos, sondern hilft bei der Umgestaltung veralteter Motive. „Die meisten Tätowierten haben sich im Alter zwischen 18 und 25 Jahren für ein Tattoo entschieden. Das ist eine Zeit, in der im Leben viel passiert, man probiert und experimentiert“, sagt Rotaru. Was einst als eine Entscheidung für die Ewigkeit wahrgenommen worden sei, entpuppe sich mit zunehmenden Alter als überholt. Wer sich ein Motiv umgestalten lasse, tue das also nicht unbedingt, weil es schlecht gestochen wurde, sondern dies habe oft mit Trennungen und überholten Trends zu tun. Doch auch er merke, dass sein Metier immer noch nicht mit Vorurteilen kämpfe müssse, die er in Diskussionen ausräume. „Ich sage immer wieder, dass niemand ein Tattoo tragen muss. Und niemand muss im Gefängnis gesessen haben, um ein Tattoo zu tragen“, sagt Rotaru. Er und alle, die sich ein Tattoo stechen ließen, seien eine sehr diverse Gruppe Menschen. „Deine ganze Kleidung, deine Frisur, der Schmuck, den du trägst – alles kommuniziert. Es teilt deinem Gegenüber mit, wer du bist. Und ich finde, Tattoos sind dabei das Ehrlichste und eine sehr persönliche Visitenkarte“, sagt der 38-Jährige.
Fotos: Bernhard Preuss

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