Insolvenz: Raus aus der Schuldenfalle

Die Rechnungen stapeln sich, selbst das Geld für die Miete wird knapp: In der Corona-Krise rutschen Menschen in die Insolvenz, die noch vor kurzem ein sicheres Auskommen hatten. Dazu gehört auch Ines H.* aus Detmold, die die Raten für die neue Couchgarnitur, die Strom- und Handyrechnung nicht mehr zahlen konnte. „Ich arbeite als Verkäuferin und meinen Zweitjob als Reinigungskraft in der Gastronomie habe ich seit Corona verloren“, sagt die 43-jährige Mutter. Sie redet so schnell, dass ich kaum mitschreiben kann. Irgendwann habe sie keine Rechnungen und Mahnungen mehr geöffnet, die Schreiben in einen Karton verschwinden lassen und unterm Bett versteckt. „Immer zu viel Monat am Ende des Geldes“, scherzt die Detmolderin. Sie habe sich immer wieder Geld geliehen, von ihrer Mutter, Schwester und guten Freunden, doch die Finanzhilfen setzte sie nicht zum Abbau ihrer Schulden ein, sondern kaufte im Internet Klamotten, Schuhe, einen Laptop und und eine neues Handy für ihre Tochter, „damit wollte ich ihr in der Pandemie etwas bieten kann. Ihr Vater zahlt ja nix“, sagt die Alleinerziehende leise. Doch als ihre Schwester den Karton mit den unbezahlten Rechnungen bei Aufräumen entdeckt habe, sei sie mit ihr im Januar sofort zu Schuldnerberatung – als die Schreiben dann geöffnet wurden, habe sich ein Schuldenberg von 10.500 Euro vor ihr aufgetürmt. „Ich habe mich so geschämt“, erinnert sich die 43-Jährige.

Bereits in den ersten Monaten des zweiten Corona-Jahre zeichnet sich Vervielfachung der Privatinsolvenzen ab.“

Michael Wölfinger, Direktor des Amtsgericht Detmold


„Es ist wichtig, dass die Betroffenen sich so schnell wie möglich Hilfe suchen, dann wird gemeinsam nach einen Weg aus der Krise gesucht“, sagt Sabine Graf, Leiterin der Schuldner- und Insolvenzberatung der AWO in Lemgo. Die häufigsten Ursachen für eine Überschuldung seien Arbeitslosigkeit, eine gescheiterte Selbstständigkeit, Krankheit, Suchtprobleme, Scheidung oder auch der Tod eines Partners sein. Seit Jahresbeginn verzeichneten die lippischen Schuldnerberatungsstellen einen große Nachfrage samt steigender Privatinsolvenzen. Das Hauptklientel in den Schuldnerberatungsstellen sei im Alter von 25 bis 45 Jahre. Zu beobachten sei allerdings, das der Anteil der 60-Jährigen aufgrund von Altersarmut rapide zunehme. Nach Einschätzung der Schuldnerberaterin wird neben der Pandemie auch die Reform des Insolvenzrechts zu steigenden Zahlen in diesem Jahr führen. So dauert das Verfahren zur Restschuldbefreiung jetzt nur noch drei statt der bislang üblichen sechs Jahre. Die Verkürzung gilt rückwirkend für alle Insolvenzverfahren, die seit Oktober 2020 beantragt wurden. Viele Schuldner hätten zunächst die Gesetzesänderung abgewartet, um so schneller schuldenfrei zu werden und einen Neuanfang wagen zu können, sagt Graf.
Dies bestätigen auch die Zahlen des zuständigen Detmolder Amtsgerichts. „Bereits in den ersten Monaten des zweiten Corona-Jahres zeichnet sich eine Vervielfachung der Verbraucherinsolvenzen ab“, sagt Amtsgerichtsdirektor Michael Wölfinger. In den ersten vier Monaten dieses Jahres seien 107 Verbraucherinsolvenzanträge eingegangen – im gesamten Jahr 2020 waren es 136. „Da spielt die Pandemie und auch verkürzte Restschuldbefreiungsphase eine Rolle“, vermutet Wölfinger.

„Die Zahl der Firmeninsolvenzen steigt nicht in der Krise, sondern erst danach.“

Antonius Spilker, Kreiswirtschaftsförderung


Bei den Firmeninsolvenzen zählte das Amtsgericht einschließlich des Monats April 71 Fälle im gesamten Kreisgebiet – im vergangenen Jahr war insgesamt 173 Unternehmen, die Pleite gingen. „Hier lässt sich derzeit kein Trend ablesen“, so Wölfinger. Ein Grund ist laut Amtsgerichtsdirektor die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht, die seit Pandemiebeginn wiederholt verlängert wurde und am 30. April ausgelaufen ist. Der Aufschub galt zuletzt nur noch für Unternehmen, die durch verzögerte Auszahlung von Corona-Hilfen in Zahlungsschwierigkeiten sind.

In den ersten vier Monaten dieses Jahres hat das Detmolder Amtsgericht 107 Privat- und 71 Firmeninsolvenzen gezählt.

„Die Zahl der Firmeninsolvenzen steigt nicht in der Krise, sondern erst danach, wenn wieder Investitionen nötig sind“, sagt Antonius Spilker von der Kreiswirtschaftsförderung. Der 57-Jährige bietet im Auftrag des Kreises Lippe Hilfen für Klein- und Kleinstunternehmen an, die in Schwierigkeiten sind. Das Programm läuft unter dem Titel „Fit für alle Fälle“, ist kostenlos und richtet sich an alle lippischen Unternehmen, die Fragen, Probleme haben oder Unterstützung brauchen. „Das Spektrum reicht von Vermittlung von Ansprechpartnern, Hilfe und Begleitung bei Gesprächen mit Banken, Finanzamt oder anderen Behörden bis hin zur Unterstützung bei der Stellung des Insolvenzantrages“, betont Spilker. Diese Unterstützung werde in kommenden Wochen zunehmen, ist sich der Betriebswirt, der seit 2016 beim Kreis arbeitet, sicher. „Ich gehe davon aus, dass die Insolvenz vor allem die Gastronomie-, Reise- und Schaustellerbranche treffen wird“, sagt der 57-Jährige.
Ines H. hat das „Insolvenzprozederre“ hinter sich. In der Beratungsstelle habe sie in tiefer Scham über ihre tiefroten Zahlen mit Experten gesprochen und einen Wege aus der Krise gefunden – sie geht in die Privatinsolvenz. „Ich hoffe, dass ich bald wieder in meinem Zweitjob in der Gastronomie wieder arbeiten, um meine Schulden abzustottern“, sagt die 43-Jährige. Sie habe gerade die Bitte ihrer Tochter, die nach Geld für eine Prepaid-Karte fürs Handy gefragt habe, abgelehnt. „Aber es fiel mir echt schwer. Sie hat ja sonst niemanden, den sie fragen“, sagt sie mit Tränen in den Augen.
*Name geändert
Fotos: Bernhard Preuss und Pixabay

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