Detmolder Verkehrsversuch: Von riesigen Katzenklos und gespannter Skepsis

Der BMW-Fahrer zuckt mit den Schultern, eigentlich wollte er durch die Exter- in die Krumme Straße in der Detmolder Innenstadt fahren, doch er darf nicht – er schüttelt den Kopf, legt den Rückwärtsgang ein, dreht und braust davon. Doch viele andere fahren mit Autos einfach weiter, ignorieren die „Durchfahrt verboten“-Schilder am Ende der beiden Sackgassen und zeigen sich wenig beeindruckt vom Verkehrsversuch im Herzen der Stadt, der nach dem Willen der Stadtverwaltung bis zum 18. Oktober dauern soll. Lediglich zum Hotel-Check-In und zum Behinderten-Parkplatz ist die Durchfahrt frei sowie für Lieferverkehr und Müllabfuhr.

An der Krummen Straße stehen die bunten Sitzgelenheiten und riesige Holzkästen, die mit Steinchen gefüllt sind – diese werden bereits von den Anwohnern als Katzenklos bezeichnet.

Es ist 17 Uhr gemeinsam mit Anwohner Rüdiger Krentz, der im Vorfeld des Versuchs eine fehlende Bürgerbeteiligung beklagt hatte und eine Anwohnerinitiative „Exter- Krumme Straße“ gründen möchte, treffen wir uns zum Spaziergang. Es ist ruhig, die Straßen wirken an diesem Nachmittag wie ausgestorben. Doch immer wieder sprechen uns Anwohner, Geschäftsleute und Hauseigentümer an, die ihr Herz ausschütten. „Was soll das mal werden?“, sagt eine Anwohnerin und zeigt auf riesigen Holzelemente, die auf den ehemaligen Parkplätzen platziert wurden. Einige sind mit Folie ausgelegt oder mit kleinen Steinchen gefüllt. „Die erinnern an riesige Katzenklos“, fügt sie hinzu und verabschiedet sich kopfschüttelnd. Auf der gegenüberliegende Straßenseite stehen Holzbänke, Hocker, Tische verziert mit blauer, gelber und grüner Farbe, die in der Nachmittagssonne leuchten und als Ruhepunkte die Aufenthaltsqualität erhöhen sollen. „Mal schauen, ob das angenommen wird, wenn sich der Lieferverkehr hier durchquält und schlecht gelaunte Autofahrer mühsam wenden müssen, um hier wieder rauszufahren“, sagt Krentz. Er und alle anderen Anwohner haben ihre Pkw-Abstellplätze vor der Haustür verloren, ihre Autos dürfen sie jetzt auf dem Gelände der benachbarten Bezirksregierung oder dem „Parkloch“ an der Hornschen Straße abstellen. „Mir machen die zusätzlichen 500 Meter Fußweg nichts, aber es gibt wirklich Menschen, die darunter leiden und auch schon angekündigt haben, dass sie sich dann ihre Einkäufe bringen lassen – also noch mehr Lieferverkehr, die dann hier die Luft verpesten“, sagt Krentz.

Verunsicherte Autofahrer an der Exter Straße.

Zustimmung kommt von einem Hauseigentümer, der nächste Woche die Wasserleitung in seiner Immobilie an der Krummen Straße erneuern möchte. „Ich weiß nicht, wo die Handwerker ihre Autos abstellen sollen, um das Material abzuladen. Es wird reines Chaos, wenn sich die Fahrzeuge im Schritttempo durch die Straßen quälen und die Luft verpesten“, vermutet der Mann. Und auch die Gastronomen würden sich ärgern, wenn ihre Gäste den Kaffee, Kuchen oder das Bier unter freiem Himmel in einer Abgaswolke genießen sollen, fügt der Senior hinzu.
Außer Rüdiger Krentz will zum Versuchsstart niemand seinen Namen nennen – sie alle äußern ihre Kritik hinter vorgehaltener Hand und wollen nicht als „Spielverderber oder Dauernörgler“ abgestempelt werden und trotz großer Skepsis dem Detmolder Bürgermeister Frank Hilker und seiner Idee, die Innenstadt durch diesen Verkehrsversuch attraktiver zu gestalten, eine Chance geben.

Wir gehen ein paar Schritte weiter. An der Exter Straße in Höhe der Galerie steht eine nigelnagelneue Fahrrad-Servicestation samt Pumpe und Werkzeug für kleinere Reparaturen. Daneben leuchtend gelbe Fahrrad-Ständer. Zwei kleine Mädchen benutzen das Metallgestänge als willkommene Hindernis-Spielzeuge und krabbeln darunter durch – eine stößt ihren Kopf an der Stange, sie ruft nach ihrer Mutter, Tränen fließen. „Mir kommen angesichts dieses nicht durchdachten Plans auch die Tränen“, sagt ein Geschäftsmann. Die Idee des Verkehrsversuchs sei eine Kopfgeburt, aber gehe an der Realität vorbei, so seine Meinung. Als Detlef Wehrmann von der Stadt am 19. Juli die Idee zum ersten Mal den Anwohner und Geschäftsleuten vorgestellt habe, habe er Bürgermeister Hilker vor Ort vermisst. Wenn sich der Bürgermeister als großer Innenstadtentwickler präsentiere, könne er sich auch den Bürgern, die davon betroffen seien, stellen.
„Vor der Idee die Exter- und Krumme Straße zur Fußgängerzone zu machen, kann ich nur warnen, denn wenn es hier keine Parkplätze mehr gibt, verlieren die Straßen an Attraktivität“, ist sich Norbert Birger sicher, der sich zu uns gesellt hat. Nicht die Innenstadt-Bummler, sondern die Bürger, die hier in den Straßen lebten, machten den Reiz und den Charme aus. „Eine Idee, die am Reißbrett entworfen wird, kann die Herzen der Bürger nicht erobern“, sagt Birger.

Viele Autofahrer interessierten sich am ersten Tag nicht für das Durchfahrverbot – sie fuhren von der Exter- in die Krumme Straße.

Doch es gibt auch Geschäftsleute, die das Vorhaben begrüßen. „Es ist spannendes Projekt. Das Misstrauen der Betroffenen ist groß, weil sie im Vorfeld nicht mitgenommen worden sind“, sagt der Händler. Aber er könne sich vorstellen, dass die Idee wirklich zu einem Erfolgsprojekt wird, denn jeder sei daran interessiert, dass die Innenstadt attraktiver werde. Die Stimmung unter den Betroffenen bezeichnet er als „gespannte Skepsis und in ein paar Wochen wissen wir mehr“. Wir verabreden uns und wollen uns in einem Monat an gleicher Stelle zu einem Zwischenfazit treffen – dann auch mit Namensnennung.

Befürworter und Kritiker haben sich auch bei der Stadt gemeldet. „Das Projekt wird evaluiert und die Bürger können sich immer an uns wenden“, verspricht Stadtsprecher Marius Roll. Mit diesem Projekt wolle die Stadt einen Rahmen schaffen, damit Ideen entwickelt und ausgetauscht werden könnten, was in einem verkehrsberuhigten Raum möglich sei, sagt Roll.
Wie dies aussieht, haben bereits Anwohner am heutigen Vormittag per Video festgehalten und in den sozialen Medien geteilt. Die Aufnahmen zeigen den Lieferverkehr, der sich im Schritttempo durch die Straßen quält, weil die Ladezonen überfüllt oder nicht zeitig geräumt worden sind.
Fotos: Bernhard Preuss

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