Sechs Jahre Haft: Mann wegen 858-fachen sexuellen Missbrauchs der Stieftochter verurteilt

Die 18-jährige Schülerin betritt mit gesenktem Kopf, auf dem ihre blonden Haare zu einem strengen Zopf geflochten sind, samt schwarzer Maske und ihrer Begleiterin den Gerichtssaal 165 des Detmolder Landgericht. Ihren Peiniger, der nur zwei Schritte entfernt auf der Anklagebank sitzt und kurz zuvor den hundertfachen und jahrelangen Missbrauch an der Schülerin gestanden hatte, würdigt sie keines Blickes. Auf die Frage von Richterin Anke Grudda, ob sie was zu den Übergriffen sagen wolle, antwortet sie mit leiser, fast zerbrechlicher Stimme: „Ungern.“
Der mehr als vier Jahre dauernde Missbrauch ihres Stiefvaters von Januar 2010 bis 2014 sei sehr belastend und unangenehm – der 42-jährige Dozent einer Weiterbildungseinrichtung hatte das Mädchen im Kinderzimmer, in der Badewanne sowie unter der Dusche immer wieder sexuell missbraucht. Erst fünf Jahre später im Jahr 2019 offenbarte sich das Mädchen während eines Zelturlaubs an der Ostsee ihrem damaligen Freund und anschließend ihrer Mutter, die Anzeige erstattete. „ Ich habe so lange geschwiegen, weil sie das Leben meiner Mutter und meines Bruders nicht zerstören wollte“, sagt die 18-Jährige. Bis heute werden sie die Erinnerungen an diese Übergriffe nicht los, fügt sie hinzu. Inzwischen habe sie sich von ihrem Freund getrennt und habe große Probleme bei der Kontaktaufnahme zu Jungs. „Ich werde jetzt eine Therapie machen“, erklärte die Teenagerin, verabschiedet sich und räumt den Zeugenstand für ihre Mutter.

„Da waren genug Signale. Aber ich wollte es nicht wahrhaben, weil ich eine schöne Familie haben wollte.“

37-jährige Mutter des Missbrauchsopfers.

2006 hatte die heute 37-jährige Zahnarzthelferin aus der Nähe von Berlin den aus Lemgo stammenden Angeklagten im Internet kennengelernt. Schnell zog die alleinerziehende Mutter mit der damals vierjährigen Tochter nach Lage und nur kurze Zeit später läuten die Hochzeitsglocken. Vier Jahre später beginnt der Missbrauch. „Ich habe schon gemerkt, dass er das Interesse an mir und unserem gemeinsamen Sohn verlor. Er kümmerte sich nur um das Mädchen”, berichtet sie im breitesten Berliner Dialekt. Sie habe ihn darauf angesprochen, doch er habe es abgetan, sie sei nur eifersüchtig und wolle ein Keil in die Beziehung zur Stieftochter treiben. Doch die Zweifel der Mutter werden größer. Neben dem Bett der Tochter findet sie eine Küchenrolle, abends überrascht sie Tochter und Ehemann beim Kuscheln im Kinderbett und in der Badewanne. „Da waren genug Signale. Aber ich wollte es nicht wahrhaben, weil ich eine schöne Familie haben wollte”, sagt die Zahnarzthelferin. Doch sie habe seinen Beteuerungen nicht geglaubt, ihre „mehrdeutigen“ Beobachtungen habe sie in ein Buch eingetragen und sei dann zum Jugendamt und zur Polizei gegangen: „Aber da wurde ich nur abgewimmelt und keiner fühlte zuständig.”

Rechtsanwalt Johannes Salmen kündigt an, dass er Revision gegen Urteil des Detmolder Landgericht einlegen wird.

Nach der Trennung im Jahr 2014 sei sie mit den beiden Kindern ausgezogen und nach Ostdeutschland zurückgekehrt. Ihre Tochter habe sich 2019 offenbart. „Ich mache mir große Vorwürfe, dass ich sie nicht beschützen konnte“, sagt die 37-Jährige mit stockender Stimme. Nach langer Überlegung habe sie Strafanzeige gegen ihren Ex-Mann erstattet. Diesmal sei ihr geglaubt worden. Sechs Jahre Haft wegen sexuellen Kindesmissbrauchs von Schutzbefohlenen in 868 Fällen, darunter 32 Fälle in denen er sexuelle Handlungen an sich von dem Kind habe vornehmen ließ, die mit einem Eindringen in den Körper verbunden gewesen sind, so das Urteil der Strafkammer. Angeklagt waren 1892 Taten, die auf Schätzungen der Detmolder Staatsanwaltschaft beruhten – insgesamt 1024 Fälle wurden eingestellt.
Rechtsanwalt Johannes Salmen hatte nach dem Geständnis nicht mehr als vier Jahre Haft für den heute 42-jährigen Angeklagten, der inzwischen wieder verheiratet ist, gefordert. Staatsanwaltschaft und Nebenklage sechs bzw. sechseinhalb Jahre Freiheitsstrafe beantragt. „Wir werden in Revision gehen und warten die Urteilsbegründung ab“, sagt Salmen.
Archivfotos: Bernhard Preuss

2 Kommentare zu „Sechs Jahre Haft: Mann wegen 858-fachen sexuellen Missbrauchs der Stieftochter verurteilt

  1. Viel zu wenig Strafmaß, das ist gewiss. Warum ändert sich das nicht???
    Vergehen dieser Art gehören viel härter bestraft, denn das Leiden dauert um viele Jahre länger. Es ist nicht zu verstehen.

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