Die Geschichte einer kleinen Heldin ohne Happy End

Der 20. Oktober 2018 ist ein kühler, sonniger Herbsttag – an diesem Samstag ist Birgit Schröder* gemeinsam mit ihrer damals neunjährigen Tochter Julia* auf dem Weg ins Polizeikommissariat im niedersächsischen Bad Pyrmont. Auf den Rund rund zwei Kilometern zwischen Wohnung und Behörde klammert sich das Mädchen fest an die Hand der Mutter, Tränen fließen – vor dem Eingang nochmal die Augen trocken wischen, tief durchatmen und dann rein in die Räumlichkeiten der Polizei an der Bahnhofstraße 42.

Hier aus dem Campingplatz wurden die Kinder jahrzehntelang missbraucht.

Die beiden erstatten Strafanzeige gegen Dauercamper Andreas V., der später einräumt, das Mädchen bei Übernachtungen auf dem Campingplatz “Eichwald“ im benachbarten Lügde-Elbrinxen, das im nordrhein-westfälischen Kreis Lippe liegt, mehrfach schwer sexuell missbraucht zu haben. „Ich habe nur geweint, weil meine Tochter so schlimme Sachen erlebt hatte“, sagt Birgit Schröder. Und natürlich habe sie sich große Vorwürfe gemacht, dass sie auf dieses „Monster“ reingefallen sei. „Meine Tochter war wirklich sehr tapfer und nach der Aussagen hat sie sogar mich noch in den Arm genommen und getröstet“, erinnert sich die heute 37-Jährige.
Durch die Strafanzeige lösen Mutter und Tochter ein Erdbeben aus, denn in den folgenden Wochen und Monaten werden zahlreiche Ermittlungspannen von Polizei sowie Fehler und Vertuschungsversuche der involvierten Jugendämter öffentlich – leitende Beamte müssen ihre Posten räumen, Behörden werden umgekrempelt, Untersuchungsausschüsse in beiden Bundesländern ins Leben gerufen und bundesweit Strafgesetze verschärft. Der Prozess gegen die beiden Haupttäter Andreas V. und Mario S. endet im September 2019 mit langen Haftstrafen samt Sicherungsverwahrung wegen hundertfachen schweren sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen auf dem Campingplatz in Lügde. „Erst durch die Anzeige dieses Mädchens wurde dieser jahrzehntelange, monströse Missbrauchsfall Lügde mit all seinen Folgen und auch der politischen Dimension öffentlich – für mich ist sie eine wahre Heldin“, sagt Rechtsanwalt Roman von Alvensleben aus Hameln.

So sah der Eingangsbereich der Behausung von Andreas V. auf dem Campingplatz aus – nach die Missbrauchsfälle öffentlich wurden, wurde alles abgerissen.

Doch die heute 12-jährige „Heldin“ und alle anderen vergewaltigten Kinder haben bisher keinen einzigen Cent Entschädigung erhalten. Dies bringt Opferanwalt von Alvensleben auf die Palme: „Dies ist alles ohne Worte und wirklich ein weiterer Skandal. Diejenigen, die gegenüber den missbrauchten Kindern und Jugendlichen ihrer Fürsorgepflicht nicht nachgekommen sind, mussten vielleicht ihre Posten bei vollen Bezügen wechseln oder sind ohne finanzielle Einschränkungen in den Ruhestand versetzt worden. Doch die eigentlichen Opfer gehen bisher leer aus.“ Während noch keines der Opfer auch nur einen Cent Entschädigung erhalten habe, finanzierten die Behörden die Anwälte ihrer Mitarbeitenden, die sich jahrelange nicht um Schutzbedürftige gekümmert und keinerlei Interesse und Empathie für die vielen Missbrauchsopfer gezeigt hätten.

Rechtsanwalt Roman von Alvensleben aus Hameln kritisiert die Entschädigungspolitik der Landesbehörden.

Nun hat Birgit Schröder vom Niedersächsischen Landesamt für Soziales, Jugend und Familie, das für Opferentschädigungsangelegenheiten zuständig ist, Post erhalten. Darin eine Einladung zur ärztlichen Untersuchung und Begutachtung ihrer Tochter, da eine Klärung des medizinischen Sachverhaltes ausschließlich nach Aktenlage nicht möglich sei. Diese Einladung will die 37-Jährige ausschlagen: „Ich will meine Tochter nicht nochmal diesen Fragen aussetzen. Die vielen und detaillierten Aussagen bei der Polizei haben ihr wirklich arg zugesetzt.“ Jetzt sei Julia, nach seelsorgerischen Maßnahmen, einigermaßen stabil „und ich möchte nicht, dass die langsam heilenden Wunden durch solche Fragerunden wieder aufgerissen werden. Alle Informationen liegen doch bereits vor“, sagt Schröder.

„Ich erlaube ihr inzwischen auch wieder Übernachtungen bei Freundinnen, aber nur wenn kein Mann im Haus ist.“

Brigit Schröder*, Mutter der missbrauchten Julia*

Sie habe Andreas V. 2018 auf einem Kindergeburtstag in Lemgo kennengelernt. „Es war sehr nett, hilfsbereit und meine Tochter hat sich gleich auf Anhieb mit seiner Pflegetochter verstanden“, erinnert sich Birgit Schröder. Sie habe damals viel Stress gehabt und mitten im Umzug gesteckt. Andreas V. habe ihr zugehört und angeboten, dass Julia auf dem Campingplatz bei seiner Stieftochter übernachten könne, damit sie in Ruhe ihren Umzug planen und durchführen könne. „Ich war sehr dankbar für die Hilfe und bin aus allen Wolken gefallen, als meine Tochter mir dann von den Vergewaltigungen berichtete“, erinnert sich die Mutter. Sie habe sofort bei Andreas V. angerufen, er habe erst die Übergriffe bestritten, später alles eingeräumt und ihr gedroht. Sie habe sich nicht einschüchtern lassen und sei im Oktober zur Polizei und habe Strafanzeige erstattet. Während des Gerichtsverfahrens hatte Andreas V. behauptet, dass Birgit Schröder 2000 Euro Schweigegeld von ihm verlangt habe. „Doch die Ermittlungen wurde ohne jegliche Anhaltspunkte eingestellt. Er wollte sich mit der Behauptung nur rächen“, sagt Rechtsanwalt von Alvensleben. Damit die 12-Jährige irgendwann mal Opferentschädigungszahlungen erhalte, führe wahrscheinlich kein Weg an einer ärztlichen und psychologischen Begutachtung vorbei – auch wenn er den Standpunkt seiner Mandantin „keine alten Wunden aufzureißen“ völlig nachvollziehen könne. Er werde sich für eine kurze, erträgliche Untersuchung einsetzen, doch jetzt müssten die zahlreichen Missbrauchsopfer endlich Entschädigungen erhalten.

Zwei Jahre nach dem Lügde-Prozess wurde bisher ein Antrag – von insgesamt 40 Eingaben – bearbeitet und entschieden.

Denn auch zwei Jahre nach dem Prozessende des Lügder-Missbrauchsfalls kritisieren Operanwälte und -helfer vom „Weißen Ring“ die Verzögerungen der Entschädigungszahlen durch die zuständigen Behörden – darunter auch der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) in Münster. Durch die lange Bearbeitungszeit werde ein fatales Signal von Ignoranz und Gleichgültigkeit in Richtung der Kinder, Jugendlichen und Eltern gesendet. Frank Tafertshofer, LWL-Pressesprecher, räumt Verzögerungen ein und bestätigt, dass bisher lediglich ein Antrag von insgesamt 40 Eingaben bearbeitet und entschieden sei. „Der Antrag musste leider abgelehnt werden, daher wurden die Unterlagen zur nochmaligen Prüfung ins zuständige Landesministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales nach Düsseldorf weitergeleitet“, sagt Tafertshofer. Im selben Atemzug liefert er eine Begründung für die Verzögerungen. „Insgesamt sind beim LWL 60 Anträge auf Therapieplätze und Entschädigung im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen auf dem Campingplätze in Lügde eingegangen“, sagt Tafertshofer. Das Detmolder Landgericht hatte die Angeklagten Andreas V. und Mario S. wegen schweren sexuellen Missbrauchs an 32 Kindern und Jugendlichen verurteilt.

„Der Gesetzgeber besteht vor Entschädigungszahlungen auf einer Begutachtung der Anstragsteller.“

Frank Tafertshofer, Sprecher des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe

Die Zahl der Antragsteller sei höher als die aufgeführten Missbrauchsopfer im Urteil, da auch Eltern und weitere Opfer, deren Übergriffe bereits verjährt seien, Anspruch auf Hilfen hätten. „In 20 Fällen stammten die Antragsteller nicht aus NRW, sondern aus Niedersachsen und Hessen. Ihre Anträge werden nun von den dort zuständigen Behörden bearbeitet“, sagt Tafertshofer. 15 von 60 Anträgen seien von den Antragstellern, trotz mehrerer Anschreiben, nicht weiter verfolgt worden. Diese Verfahren seien abgeschlossen. „Der Gesetzgeber besteht vor Entschädigungszahlungen auf einer Begutachtung der Antragsteller, damit er seine Entscheidung begründen kann“, sagt Tafertshofer. Auch er könne die Argumentation von Birgit Schröder von ganzem Herzen nachvollziehen, aber leider führe kein Weg an einer Begutachtung vorbei. Doch das Mädchen habe mit Aussage dafür gesorgt, dass eines der größten Missbrauchsfälle in Bundesrepublik aufgedeckt und aufgeklärt werden konnte. Zustimmung von Opferanwalt Roman von Alvensleben – der 20. Oktober ist ein fast historischer Tag für den Opferschutz, der mit Tränen und Mut eines kleines Mädchens begann und hoffentlich ein Ende findet, das einer Heldin gebührt. „Bisher warten wir vergeblich auf ein Happy End in Sachen Entschädigung“, von Alvensleben.
*Namen geändert
Fotos: Bernhard Preuss

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