„Der Wein bringt die Menschen zusammen“

An der Glastür werden die Gäste in großen, weißen Lettern mit den Worten „Alla hopp!“ begrüßt – der Ausruf ist im pfälzischen Dialekt als Zeichen des Aufbruchs zu verstehen und bedeutet frei übersetzt „Auf geht’s“, erklärt Andreas Müller allen, die des Dialekts nicht mächtig sind. Ein Aufbruch zu neuen Ufern ist für Müller auch die Eröffnung der „Pfälzer Weinstube“ in Detmold im Juni dieses Jahres. „Ich bin überwältigt von dem Zuspruch – die Detmolderinnen und Detmolder sind große Weingenießer“, freut sich der 60-jährige Gastronom.
Seine Weinkarte umfasst 45 offene Weine aus Familienweingütern entlang der deutschen Weinstraße. Auch Fassbier, gebraut von der Detmolder Privatbrauerei Strate, hat den Weg in seine Getränkekarte gefunden. Doch der 60-Jährige und sein Team haben nicht nur flüssige Leckerein im Angebot, sondern auch ausgewählte Gaumenfreuden. „Unsere Speisekarte bietet eine kleine, aber feine Auswahl frisch gekochter Gerichte ohne Fertigprodukte, natürlich auch den berühmten Saumagen, der sich zum absoluten Renner entwickelt hat“, sagt Müller.

Den Pfälzer Saumagen servieren Andreas Müller (li). und sein Küchenchef Cedric Schiermeyer den Gästen in Detmold.

Die Eröffnung der Weinstube samt Außenbereich in der Residenzstadt ist ein langjähriger Prozess – immer wieder schlendert er an dem „tollen Lokal in schöner Lage“ vorbei. „Doch die Gaststätte hatte immer wieder neue Pächter, daher habe ich abgewartet“, erinnert sich Müller. Seine Geduld zahlt sich aus – als das Lokal, nach mehreren Pächterwechseln leer steht, nimmt er Kontakt zum Besitzer der „herrlichen Immobilie“ auf und macht gleich Nägel mit Köpfen. „Mein Pachtvertrag läuft zehn Jahre, doch die Pandemie hat die Eröffnung der Weinstube immer wieder verzögert“, sagt Müller. Er will Anfang November vergangenen Jahres eröffnen, doch der abermalige Corona-Lockdown macht ihm einen Strich durch die Rechnung – doch am 2. Juni dieses Jahres ist es dann so soweit. „Wir waren sehr aufgeregt und sehr überrascht von diesem Erfolg, die Bürger in Detmold haben anscheinend ein großes Bedürfnis nach einer solchen Lokalität gehabt. Der Wein bringt die Menschen zusammen“, zieht Müller eine 100-Tage-Bilanz.
Aufgrund des großen Ansturms stockt er Personal auf „inzwischen arbeite ich mit fünf Mitarbeitern in Detmold und bin sehr froh, dass ich diesen Schritt nach Lippe gegangen bin“, fügt Müller hinzu. Den gegenwärtigen Erfolg will er nicht für sich reklamieren, sondern bezeichnet es als „Verdienst des gesamten Teams“. „Es ist keine Soloveranstaltung hier. Ich lasse meine Mitarbeiter mitdenken und wir entscheiden gemeinsam“, betont Müller.

Auch Mirela Alushi (re.) hat bei Andreas Müller einen neuen Job gefunden – zuvor hat die 46-jährige Kellnerin mehrere Jahre im „Café Schokolade & Co“, das schließen musste, gearbeitet.

Vor mehr als 20 Jahren eröffnet Müller seine erste „Pfälzer Weinstube“ in der Bierstadt Herford. „Damals hatte ich große Angst vorm Risiko der Selbstständigkeit und musste fast zu diesem Schritt überredet werden“, erinnert sich Müller, der Kreisvorsitzender der Dehoga in Herford ist und auch im IHK-Prüfungsausschuss sitzt. Den riskanten Sprung in die Selbstständigkeit habe er nie bereut, obwohl er immer wieder mit Höhen und Tiefen verbunden gewesen sei.

Die Weinkarte der „Pfälzer Weinstube“ umfasst 45 offene Weine aus Familienweingütern entlang der deutschen Weinstraße.

Mit diesen schwankenden Gefühlslagen ist der 60-Jährige aufgewachsen, denn Andreas Müller stammt aus einer Gastrofamilie und ist der Älteste von sechs Geschwistern – nur Jungs. „Da musste ich schon als kleiner Junge bei der Oma in der Gaststätte aushelfen“, erinnert er sich. So ist es ein natürlicher Schritt, dass er 1978 seine Koch-Ausbildung im Hotel „Hahnenkamp“ in seiner Heimatstadt Bad Oeynhausen beginnt. Doch einige Jahre später, im Alter von 23 Jahren, verlässt er seine Heimat in Richtung Hannover, um die Truppenküche bei der Bundeswehr zu leiten. Eine neue Herausforderung, die ihm großen Spaß macht. „Es war natürlich etwas ganz anderes und die Dimensionen enorm. Täglich war ich für 1000 Soldatinnen und Soldaten im Inland und auch bei Übungen im Ausland verantwortlich“, sagt Müller. Doch irgendwann schwindet der Spaß und der Frust wächst, da die Bundeswehr „kaputt gespart wird“. „Die Küchenfahrzeuge wurden privatisiert und auch die Abschaffung der Wehrpflicht war aus meiner Sicht eine Katastrophe, da wir dadurch keine Kochtalente mehr gewinnen konnten“, sagt Ausbilder Müller. Er verlässt die Bundeswehr schweren Herzens, doch als Reservist ist er der Truppe immer noch verbunden.

„Ich wollte wieder zurück, weil die Familie für mich Seelenheil bedeutet.“

Andreas Müller, Gastronom


Es folgen berufliche Stationen in Köln und Mainz, doch irgendwann ruft die Heimat samt Mutter und Brüdern: „Ich wollte wieder zurück, weil die Familie für mich Seelenheil bedeutet.“ Mit 23 Jahren verlässt er die Heimat, im Alter von 40 Jahren kehrt er zurück und „auch diese Entscheidung habe ich in den vergangenen 20 Jahren keinen Tag bereut“, sagt er mit fester Stimme.

Andreas Müller war lange bei der Bundeswehr für die Verpflegung der Soldatinnen und Soldaten zuständig, bevor er mit seine Weinstuben in Herford und Detmold den Weg in die Selbstständigkeit wagte.

Auch die neue Herausforderung, mit der zweiten Niederlassung der „Pfälzer Weinstube“ in Detmold, ist bisher sehr gut gelaufen, weil die Lipper ihn und seinem Team einen herzlichen Empfang bereitet haben. Die Gaststätte am Wallgraben 1 samt Weingarten bietet Platz für 70 Gäste unter freiem Himmel und 40 Menschen im Innenbereich – in der Herforder Niederlassung ist es umgekehrt. „Die Gäste sitzen gerne draußen und genießen den Wein samt Gaumenschmaus unserer Köche“, freut sich Müller. Damit dies in Detmold in den kommenden Herbst- und Wintermonaten auch so bleibt, will er den Außenbereich mit neuen, größeren Sonnenschirme samt Heizstrahler ausstatten – auf ein Zelt wird verzichtet – und während der Weihnachtszeit soll es gemeinsam mit der Privatbrauerei Strate im Außenbereich einen Weihnachtsmarkt samt Wein, Bratwurst und weiteren Spezialitäten aus der Pfalz aufgebaut werden. „Ich bin begeistert von Detmold und wenn ich mal aufhöre, in zehn, 15 oder 20 Jahren, wird Lippe meine neue Heimat werden“, sagt Müller, der nach getaner Arbeit bei einem Glas Riesling entspannt.
Fotos: Bernhard Preuss

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