„Rassismus ist keine Lösung im Kampf gegen Corona“

Inzidenz von mehr als 1000 oder knapp unter der Tausendermarke in Augustdorf – bundesweit schafft es die Gemeinde immer wieder in die Schlagzeilen mit Rekordzahlen. Doch wieso ist es so eskaliert, gibt es einen Hotspot oder zu viele Impfgegner? Für einige Augustdorfer scheinen die Schuldigen gefunden. Sie machen ihrem Ärger auch vor laufenden Kameras Luft. „An den vielen Russen, die in die Kirche gehen, keine Mundschutz tragen und sich nicht impfen lassen“, so der Tenor. Sie führen den hohen Inzidenzwert auf die zahlreichen Freikirchen, die Russen und die Ausländer zurück.
„Als ich das gehört habe, ist es mir kalt den Rücken runtergelaufen, dass ist doch blanker Rassismus. Und dies wird auch einfach so gesendet“, schimpft Anna, die ihren echten Namen nicht nennen möchte. Sie sei Kind von Russlandaussiedlern, hier geboren und habe schon viel Ablehnung erfahren. Aber derzeit erlebe sie wirklich Hass, obwohl sich die Infektionen gar keiner Bevölkerungsgruppe nicht zuordnen lasse, dies betone auch die Politik immer wieder, fügt die 24-Jährige hinzu.

„Dieser Rassismus ist unterträglich.“

Anna, 24-jährie Augustdorferin

Diese Spaltung in „gute und verantwortungslose Einheimische“ sowie „böse Russen samt Glauben und andere Ausländer“ sei sehr verletzend, da viele der angeblichen Coronatreiber eben Deutsche seien und schon sehr, sehr lange hier lebten. „Nach Corona muss es doch wieder ein Zusammenleben möglich sein, aber daran denken diese Menschen anscheinend nicht. Dieser Rassismus ist unerträglich und keine Lösung im Kampf gegen das Conronavirus. Wenn ich meinen Namen oder die Straße nenne, in der ich wohne, verdrehen einige sofort die Augen und fragen mich völlig respektlos nach meinem Impfstatus, aber das geht niemanden etwas an, es ist meine persönliche Entscheidung“, sagt sie. Nachdem sie vergangene Woche am Handy russisch gesprochen habe, sei sie von einer älteren Dame, die sie gar nicht kenne, beschimpft worden. „Sie machte mich für Todesfälle verantwortlich und meinte, dass ich zurück zu Putin soll, um dort meine Viren zu verbreiten. Ich war einfach so geschockt und habe nur mit ‚Gott sei mit Ihnen‘ geantwortet habe“, erinnert sich die 24-Jährige.

Politik betont, dass nirgendwo in Augustdorf eine Hotspot auszumachen ist.

Anna beobachtet die Corona-Zahlen in Augustdorf sehr aufmerksam und stimmt Bürgermeister Thomas Katzer zu, der immer wider betont, dass sämtliche Altersstufen, Bildungsschichten, Personenkreise, Straßenzüge und Nationalitäten betroffen seien und nirgendwo ein Hotspot ersichtlich sei. Trotz dieser Aussagen würden „Russen“ für eine Entwicklung verantworlich gemacht, weil man einen Sündenbock brauche, meint die Augustdorferin.

„Mein Chef hat die Impfgegner als asozial bezichnet.“

Anna, Kauffrau

Auch sie habe vor ein paar Jahren „den Weg zu Jesus gefunden“ und sei wie viele aus ihrer Familie und ihrem Freundeskreis in Freikirchen aktiv. „Ich bin geimpft, aber habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht“, sagt Anna. Sie habe sich lange geweigert, weil sie dem Impfstoff nicht traue, Angst vor den Nebenwirkungen habe und auch mal ein Familie gründen wolle. Letztendlich habe der Druck ihres Chefs sie dazu gebracht ihren Ärmel hochzukrempeln. „Mein Chef hat die Impfgegner als asozial bezeichnet und mit Konsequenzen gedroht. Wenn die Mitarbeiter sich nicht impfen lassen, dürften sie keinen Kundenkontakt mehr haben. Ich hatte keine Wahl, weil ich die Arbeit brauche und nicht aufs Abstellgleis wollte“, sagt die Kauffrau.

Große Skepsis gegenüber dem Impfstoff

Doch bei vielen Familienmitgliedern und Freunden sei die Skepsis gegenüber den Corona-Vakzinen groß. „Sie glauben nicht an die Wirkung des Impfstoffs, sondern denken, wenn Gott dieses Virus auf die Welt geschickt hat, dann wird es seinen Grund haben und wenn es soweit ist, uns davon befreien. Der Mensch solle sich dem Willen des Herrn nicht in den Weg stellen“, sagt Anna. So würden einige denken und den Impfstoff für Teufelszeug halten. Sie könne diese Überlegungen sehr gut nachvollziehen. Sie leuge Corona nicht, aber zweifele am Impfstoff.
Aber mit Druck, offensichtlichem Rassismus und Respektlosigkeit werde man nichts erreichen. „Meine Familie und Freunde sind nicht asozial, sie engagieren sich ehrenamtlich in vielen Bereichen und helfen Menschen“, betont Anna.

Der CDU-Politiker Heinrich Zertik verurteilt die Pauschalurteile gegen Mitglieder von Freikirchen und Aussiedler aus der Ex-Sowjetunion in der Gemeinde Augustdorf. Foto: Bernhard Preuss

Die pauschalen Vorverurteilungen von Aussiedern aus der Ex-Sowjetunion ärgern auch CDU-Mann Heinrich Zertik, der von 2013 bis 2017 im Bundestag saß und nun für die Christdemokraten bei der Landtagswahl am 15. Mai kommenden Jahres kandidiert: „Ich bin schockiert über solche diffarmierenden Aussagen und finde es sehr unfair, da die Ursachen für die hohe Inzidenz sehr diffus sind.“ Der 64-jährige Schieder-Schwalenberger, der 1989 von Kasachstan nach Lippe übersiedelte, ist im Landesvorstand der CDU, Aussiedlerbeauftragter und Projektleiter von Druschba e.V., einem Detmolder Verein, der sich um die Belange von Russlanddeutschen kümmert. Aufklärung und keine Schuldzuweisung sei jetzt das Gebot der Stunde.

„Das Vertrauen gegenüber dem Impfstoff ist noch nicht überall da.“

Heinrich Zertik, CDU-Politiker

Er und seine Frau seien geimpft, aber er habe auch innerhalb der Familie Impfskeptiker, die noch zögerten. „Das Vertrauen ist eben noch nicht überall da, aber es kann kommen. Daher sollten wir die Entscheidung gegen die Impfung, auch wenn sie unverständlich ist, akzeptieren und nicht draufhauen“, sagt Zertik. Er sei häufig in Augustdorf, werbe für die Impfung und begrüße die Maßnahmen des Kreises Lippe und der Gemeinde Augustdorf, dass Infizierte und Kontaktpersonen umfangreicher informiert werden sollen. Und natrülich müssten Quarantäne-Verweigerer auch entsprechende Konsequenzen tragen.
Foto: Erol Kamisli

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