„Bücher sind Weltreisen im Kopf“

Albert Lange ist 71 Jahre, 32 davon war er Inhaber der Buchhandlung „Kafka & Co.“ in Detmold. Zum Jahresende hört er auf und übergibt seinen Laden an Nachfolgerin Doris Böddeker. Lange schloss eine Lehre als Schaufensterdekorateur in Niedersachsen ab und studierte später Pädagogik und Soziologie in Münster und Bielefeld. Parallel zu Soziologiestudium war er 1974 Mitbegründer der Bielefelder Buchhandlung „Eulenspiegel“ – die heute noch existiert. Dort war er bis 1988, wechselte dann nach Detmold und eröffnete „Kafka und Co.“ an der Krummen Straße. Am 31. Dezember ist Schluss. Ein Gespräch über Lieblingsautoren, die Zukunft des Buchhandels, den Muff der Nachkriegsjahre, dauerlesende Buchhändler, Covid-Tristesse und Phantomschmerzen.

Herr Lange, Ende des Jahres hören Sie auf. Warum?
Albert Lange antwortet mit einem Gedicht von Bertold Brecht: Als er siebzig war und war gebrechlich, Drängte es den Lehrer doch nach Ruh’, Denn die Weisheit war im Lande wieder einmal schwächlich Und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu. Und er gürtete den Schuh. Und er packte ein, was er so brauchte: Wenig. Doch es wurde dies und das. So die Pfeife, die er abends immer rauchte, Und das Büchlein, das er immer las. Weißbrot nach dem Augenmaß. (Anm.: Brechts, Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration. Das Gedicht erzählt, wie der Weise Laotse im hohen Alter seine Heimat verlässt, weil er mit den Zuständen dort nicht einverstanden ist.)

Auf der Homepage von „Kafka & Co.“ steht ein Zitat von Franz Kafka: „Das Buch ist die Axt für das gefrorene Meer in uns.“ Haben Sie das Zitat ausgesucht?
Lange: Ja. Bücher – die wichtigen, unverzichtbaren – sind das beste Medium für Weltreisen im Kopf. Im besten Fall rühren sie an verschüttete oder nicht verstandene Erinnerungen oder konfrontieren uns herausfordernd mit Unbekanntem und Fremden – was immer auch in uns selber ist. Literatur, die Künste und Wissenschaften überhaupt, transportieren das kulturelle Gedächtnis von Gesellschaften und sind – zum Glück! – grenzenlos. Nicht zufällig sind Autoren, Journalisten und Künstler unter dem Röntgenauge und der Knute jeder Diktatur.

Warum gerade dieses Zitat?
Lange: Der britische Dirigent Sir Simon Rattle äußerte einmal sinngemäß in Berlin: ‚Nicht Mercedes oder Siemens sind entscheidend für die Identität eines Volkes, sondern die Kultur‘. In den lauten Kämpfen oder der Monotonie des Alltags, in den vermeintlichen Zwängen unser übersatten Gesellschaft findet sich die leise Frage nach persönlicher Identität und Lebenserfüllung oft überlagert. Im Regal oder dem Wissen des guten Buchhändlers warten Werke mit Anregungen und Einsichten – aber Achtung: man braucht ein wenig Muße, um das Buch zu finden, dass ein intimes Zwiegespräch anbietet – kein Werk ist für alle geschrieben. Eher ist richtig, was der französische Philosoph Michel Foucault einmal sagte: ‚Mein Werk ist ein Werkzeugkasten. Nehmt Euch raus, was ihr brauchen könnt.‘

Buchhändler Albert Lange hört zum Jahresende auf.

Gab es die Buchhandlung schon unter dem Namen, als Sie nach Detmold kamen? Lange: Nein, ich habe ‚Kafka & Co.‘ in Detmold gegründet. Alle damals existierenden Buchhandlungen gibt es heute nicht mehr. Nach uns kamen andere – ‚Kafka und Co.‘ ist die älteste Buchhandlung am Platz.

Warum Kafka?
Lange: Franz Kafka steht für Weltliteratur und am Anfang der literarischen Moderne in Europa. Als tschechischer und deutschsprachiger Jude, der in seinen düsteren Visionen visionär die Schrecken des 20. Jahrhunderts vorwegnahm, passte er uns gut als Namensgeber, gerade für eine deutsche Buchhandlung. Was längere Diskussionen mit der IHK-Justiziarin bewirkte, die zunächst argumentierte, ich hieße nicht ‚Kafka‘ und ‚Co.‘ sei eine juristische Firmenform… der Gedanke an die Anspielung auf Kafkas Literaturkollegen war ihr fremd…

Sie waren und sind immer politisch aktiv – was kommt jetzt? Haben Sie noch mehr Zeit für Ihr gesellschaftliches Engagement?

Lange: Wie Jean Ziegler, Schweizer Soziologe und Autor, mir neulich telefonisch sagte: ‚Wir sind ja nicht moralisch in Rente‘. Im Februar 2022 sind zwei Veranstaltungen mit Partnern, darunter die Stadt Detmold, im Rahmen des Holocaust-Gedenkens geplant. Mein Engagement gilt dem Erhalt und dem Ausbau der „liberalen Demokratie“, die stets gefährdet ist, derzeit in unerhörtem Maß von außen und innen. Konkret geht es um die Einforderung einer humanen Asylpraxis und den Kampf gegen die antidemokratische politischen Rechte.

Was bedeutet Ihnen dieses Engagement?
Lange: Es ist ein Versuch, Verantwortung zu zeigen und zu leben.

Sie verkaufen seit fast fünf Jahrzehnten Bücher? Wie wurden Sie zum Buchhändler….
Lange: Ich gehöre zur ersten Nachkriegsgeneration und entstamme prekären sozialen und –Bildungsverhältnissen; Bücher – außer der Bibel – gab es bis zur Schulzeit nicht. Also: Start im klassisch bildungsfernen Elternhaus in kleinen Verhältnissen und einer in jeder Hinsicht engen Kleinstadt in Niedersachsen. Bevor die Literatur mich packte, war es die Rockmusik und die 68er Revolte gegen Krieg, Muff und Nazismus. Ein Riff von Keith Richard und eine Rede von Rudi Dutschke – für mich der gleiche Sound; wo war der Unterschied?

Immer engagiert – der 71-Jährige hat sich immer wieder zu bundespoltischen und kommunalen Themen geäußert.

Wie kamen Sie zu Ihrer ersten eigenen Buchhandlung?
Lange: Durch den Zusammenhang und die Diskussionsprozesse in den ‚undogmatisch-linken‘ Gruppen im Zerfall der 68er Bewegung in den 1970er Jahren. Sicher wichtig dabei: Die Emigration aus dörflicher Spießigkeit und der „Klassenverrat“ durch Immatrikulation an der Uni. Das Stichwort hieß „Gegenöffentlichkeit“ – vieles, was junge Leute wie mich brennend interessierte – z.B. die „Kritische Theorie“ – war im Buchmarkt der „Wirtschaftswunderjahre“ nicht mehr präsent; wir sorgten für Änderung. In diesen stickigen und auch geistig engen Nachkriegsverhältnissen fanden sich Freundschaften mit anderen Suchenden, die im Kampf um lange Haare und moderner Musik Opposition lernten – die meisten verlernten es später wieder.

Was fasziniert Sie so am Medium Buch?

Lange: Die Verfügbarkeit des Weltwissens der Völker, das sich auch in Gedichten und Prosa zeigen kann. Es zeigt sich aber nur den Fragenden.

Haben Sie ein Lieblingsbuch oder -autor – vielleicht Kafka?

Lange: Da hat sich, wie wohl bei allen Langzeitlesenden, allerlei im Gefühl und Regal abgelagert. Bei mir von Theodor W. Adorno bis Marina Zwetajewa.

„Wer als Buchhändler ‚dauerlesen‘ kann, hat – mangels Frequenz – bald keine Buchhandlung mehr.“

Albert Lange, Buchhändler

Was ist mit Kafka?
Lange: Sein Prosatext von 1915 ‚Vor dem Gesetz` und die Erzählung ‚In der Strafkolonie. Aber auch das Gedicht ‚An die Nachgeborenen‘ von Bertold Brecht und der dreibändige Roma ‚Ästhetik des Widerstands‘ von Peter Weiss…

Ist die Vorstellung vom dauerlesenden Buchhändlers nur Klischee?
Lange: Ja. Ich kenne Buchhändler, welche das Setting Buch/Wein um ersteres gekürzt haben. Grundsätzlich: Wer als Buchhändler „dauerlesen“ kann, hat – mangels Frequenz – bald keine Buchhandlung mehr.

Sind Bücher Ihre Leidenschaft, Hobby…
Lange: Interesse an Hobbys habe ich nie entwickelt, mit Leidenschaft – und dann, klar, Profession hat meine Beziehung zu Büchern sehr stark zu tun. Sicherlich getrieben vom Wunsch nach politischem Fortschritt in Richtung humanere Welt. Vielleicht auch mit dem alten Hunger aus kultureller Ödnis der frühen Tage…

Haben Sie vorwiegend Literatur im Angebot, die Ihnen gut gefällt?

Lange: ‚Gut gefallen‘ im Sinnevon – möchte ich selber lesen oder besitzen? Nein,das wäre arrogant und vermessenmeine Interessen sind doch nicht das Maß der Dinge! Aber Qualität in Auswahl und Beratung sollte gewährleistet sein. Die kann auch darin liegen, dass man bei uns Thilo Sarrazin oder andere Rechtsausleger vergeblich suchen kann.

Was muss man können oder mitbringen, um Bücher zu verkaufen?

Lange: Ich weiß nur, was man gebrauchen kann, wenn man eine Buchhandlung betreiben und behaupten möchte, die sich dem Diktat der Verkäuflichkeit aus Qualitätsgründen zumindest partiell widersetzt: Etwas Bildung, möglichst ein ‚Studium generale‘, wäre hilfreich, Wissensdrang und Neugier immer eine Produktivkraft, die Bevorzugung eines Gedichtbandes vor dem Kassenbuch löblich, aber unter Kontrolle zu halten, Zugewandtheit gegenüber dem Publikum ohne Arroganz zwingend.

Albert Lange sieht die sozialen Medien als gigantische Zeitfresser.

Das Kaufverhalten, auch der Lesefans, hat sich durch das Internet geändert – wie hat die digitale Welt den Buchhandel verändert?
Lange: Vielfältig. Die multiplen ’sozialen Medien‘ sind neue und zusätzliche Info- und Unterhaltungsplattformen und natürlich gigantische Zeitfresser. Der dort prägende Zeit-, Zeichen- und Sprachcodevorrat limitiert auch das Interesse am langsamen, traditionellen Medium Buch. Aus Sätzen werden Wörter, aus diesen Kürzel. Studenten suchen in wissenschaftlichen Büchern nach dem fettgedruckten Extrakt à la Brigitte. Wahrhaft Lesende sind eine Minderheit und auf der nichtexistierenden kulturellen Roten Liste.

Woran machen Sie das fest?
Lange: Schauen Sie doch mal in Busse oder Züge. Wer liest oder schaut in ein Medium mit umblättern statt wischen? Der allgemeine Trend der Buchproduktion folgt dem seit zwei Jahrzehnten durch die ’neue Leichtigkeit‘, der Ausweitung trivialer und Unterhaltungsliteratur auf Kosten des Anspruchsvollen, Risikoreichen und Schwergängigen. Verbesserte Techniken sowie Info- und Kommunikationsstrukturen erleichtern die buchhändlerische Distribution auch – und natürlich hat jede zeitgemäße Buchhandlung auch ihren Online-Shop, wodurch Umsatzverluste teils kompensiert werden können.

Drohen stationäre Buchhandlungen auszusterben?

Lange: In Deutschland – Nein! Jede Tendenz erzeugt eine Gegenbewegung. So hat einerseits die pandemiegeprägte Zäsur mit Lock-Downs einen Wachstumsschub bei Amazonien und Co. im zweistelligen Bereich ausgelöst – der stationäre Fach-Buchhandel, ohne Bahnhofshops und Nebenmärkte, setzt nur noch rund 47 Prozent des bundesweiten Buchumsatzes um. Andererseits: Die zweijährige Covid-Tristesse hat zu einem gewissen Zuwachs an jungen Kunden geführt, eine begrenzte Revitalisierung, die uns hoffentlich auch nach der Pandemie erhalten bleibt. Gerade den kleineren und inhabergeführten Buchläden wie dem unsrigen wurde und wird mit beglückender Treue gedankt.

Buchhändler Albert Lange hat ein Prinzip: Das gute Sortiment belästigt die Kundschaft nicht gern mit schlechter Literatur.

Wie hat Ihnen die Pandemie zu schaffen gemacht?
Lange: Alle Einzelhändler ächzen darunter, die Pandemie-Krise schwelt weiter, die Innenstädte leiden an mangelnder Frequenz. Engagierte Buchhandlungen sind oft mit viel zusätzlichem Service überraschend gut durchgekommen – Dank an unsere treue Kundschaft!

Wie viele Bücher haben Sie im Sortiment – ich habe mal gelesen rund 15.000…
Lange: Laut Inventur müsste das etwa so stimmen – wobei mehr als die Hälfte der Titel jährlich wechselt.

Ihre Buchhandlung bietet nicht nur Mainstream-Literatur, die sich gut verkauft – sie wolle auch Kleinverlagen eine Chance geben?

Lange: Der deutsche Buchmarkt ist hinsichtlich Vielfalt, Ausstattung, Sorgfalt und Distribution der beste der Welt. Dazu gehört in guten Buchhandlungen die Fährtensuche nach dem Neuen und Unerhörten. Das ist oftmals bei den Kleinverlagen, aber nicht nur. Qualität hat viele Facetten und lässt sich in Verlagen jeder Größe und in allen Bereichen finden – auch bei Unterhaltung, Krimis oder populären Sachbüchern. Prinzip: Das gute Sortiment belästigt die Kundschaft nicht gern mit schlechten Büchern.

„Als Buchhändler hat man einen kulturellen und demokratischen Auftrag – dafür wurden wir mehrfach ausgezeichnet, aber natürlich auch angefeindet.“

Albert Lange, Detmolder Buchhändler seit 32 Jahren

Sie und Ihr Team wurden mehrfach mit dem „Deutschen Buchhandlungspreis“ ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen solch ein Preis?
Lange: Mehr als die damit verbundenen Prämien die Ehrung – das freut uns. Dafür, und auch für ihr Engagement für die Kultur in der Bundesregierung sind wir der Staatsministerin Prof. Monika Grütters (CDU) dankbar! Bonmot am Rande: Als ich sie bei der ersten Preisverleihung fragte, ob sie denn wisse, dass mindestens ein Drittel der ausgezeichneten Buchhandlungen dem linksalternativen Milieu entstammten, antwortete sie: ‚Ach, das ist doch von früher!‘

Haben Sie als Buchhändler auch einen kulturellen und demokratischen Auftrag?
Lange: Das sehe ich so, und dafür sind wir auch mehrfach geehrt, aber natürlich auch angefeindet worden.

Werden Sie etwas wehmütig, wenn Ihr Weg Sie am 2. Januar nicht in Ihren Laden führen wird?

Lange: Aber nein – kein Phantomschmerz! Im Gegenteil: Das Baby ist groß geworden und liiert sich nun mit unserer tollen Nachfolgerin, Doris Böddeker, die mit lebensgeschichtlichen Unterbrechungen seit über 20 Jahren im Betrieb in tragenden Funktionen aktiv ist. Und meine Frau Elke Lange, die mich schon länger als „Gesicht“ des Ladens abgelöst hat, bleibt an Bord und wird nun Angestellte bei ‚Kafka & Co.“.

Auf was freuen Sie sich mit Blick auf Ihre Zukunft am meisten?

Lange: Auf mehr freie Zeit mit meiner Frau und Familie, die nicht von Buchladenproblemen aufgefressen wird.

Elke Lange macht weiter bei „Kafka & Co.“

Wie geht es weiter mit „Kafka & Co“?
Lange: Mit frischem Wind. ‚Kafka und Co.‘ wird weiter den Unterschied machen. Mit Qualität und Eigensinn.

Ihre Frau bleibt den Detmolder Buchfans erhalten?

Lange: Unbedingt. Sie freut sich darauf, die nächsten Jahre die neue Generation ‚Kafka‘ zu begleiten.

Fotos: Bernhard Preuss

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