Kino-Fans sichern sich Erinnerungen

Sie sind an diesem verregneten Sonntagvormittag am Schrauben und Verstauen. Kinosessel mit rotem Samtbezug werden aus der Detmolder „Filmwelt“ getragen und in Kombis, Anhängern und Kleintransportern verstaut. Auch Kinoplakate, Lampen, Bilderrahmen und manches andere Stück, das als Dekoration in dem kleinen Kino an der Langen Straße gedient hat, finden neue Besitzer.
Das Kino, das von den Gästen liebevoll Flohkiste genannt wird, existiert nicht mehr. Der Vermieter schweigt und hat den Vertrag mit Pächter Volker Pannenbecker, der in den vergangenen zehn Jahren das Lichtspielhaus leitete, nicht verlängert. Pannenbecker muss das Kino bis zum 31. Dezember besenrein übergeben. Die denkmalgeschützte Immobilie ist bereits im Internet inseriert – als Mietpreis werden 2.500 Euro plus 200 Euro Nebenkosten verlangt.

Mit Akkuschraubern und schwerem Werkzeugg wurden die roten Kinosessel abgebaut.

Die Filme „Respect“ und „Ein Junge Namens Weihnacht“ waren die letzten Streifen, die in der Flohkiste mit ihren 99 Plätzen, in den Projektor eingelegt worden sind. Jetzt steht er still. An den Wänden im Kinoeingang hängen noch ein paar alte Filmplakate unter dem Schriftzug der Verleiher. Sogar Limonadenflaschen stehen noch auf dem Tresen. Dahinter Noch-Pächter Volker Pannenbecker. Er nimmt das Geld vom „Ausverkauf“ ein, gibt Auskünfte und wiederholte in einer Endlosschleife, dass er es zutiefst bedauert einer solchen „Kino-Beerdigung“ beizuwohnen: „Es war leider nicht möglich, mit unserem Vermieter eine Lösung zur Verlängerung des Pachtvertrages zu finden.“ Immer wieder zückt er seine schwarze Kellnerbörse und kassiert 15 Euro pro Sessel, die jeder selbst abschrauben und -transportieren muss. „Es sind immer noch sehr hochwertige Sitzmöbel. Beim Einbau vor mehr als 20 Jahren haben die pro Stück 400 Mark gekostet“, sagt Pannenbecker.

Der Detmolder Norbert Koch hat sich das gerahmte Plakat des Films „Zwischen uns die Mauer“, der teils in Detmold gedreht wurde, gekauft.

Gekommen ist auch Norbert Koch aus Detmold, der in direkter Nachbarschaft des Kinos lebt. „Ich nehme zwei Sessel mit, die kriegen meine Kinder“, sagt der 61-jährige Lehrer. Dieser Abbau in dem mehr als hundertjährigen Lichtspielhaus sei Trauerarbeit, denn er sei sehr gerne in das wunderschöne Kino gegangen. Hier habe er sich auch den Film „Zwischen uns die Mauer“, der in Teilen in Detmold gedreht wurde, angeschaut. „Ich bin sehr froh, dass ich noch ein gerahmtes Filmplakat des Streifens ergattert habe. Das ist schon etwas historisches“, sagt Koch und zahlt für zwei Kinosessel samt Plakat 40 Euro.

Frank Wöstenfeld und Sohn Tim haben insgesamt vier Kionsessel ergattert.

Auch Vanessa und Uwe aus Lage sind da, um sich zwei Sessel zu holen. Doch den Abbau haben sich die beiden einfacher vorgestellt. Mit schwerem Werkzeug und Akkuschraubern rücken sie den festsitzenden Schrauben am Boden des Kinosaals zu Leibe – nach 20 Minuten ist es geschafft. „Wir haben uns auch schon überlegt, wie wir die Sessel säubern, denn ich will gar nicht wissen, was für Flecken sich auf den Sitzflächen verewigt haben“, sagt die 23-Jährige und öffnete den Kofferraum des Kombis. Uwe lächelt und hievt die beiden Sessel, die er auf rund 30 Kilo schätzt, mit Schweißperlen auf der Stirn, ins Auto. „Die kommen in unseren Partykeller“, sagt er schwer schnaufend und blickt zum Eingangsereich.

Dort balanciert Joachim Lukas auf den Sprossen einer Leiter und versucht das riesige Schild mit dem Namenszug des Kinos abzuschrauben. Was hat er damit vor? „Ich bin Kinofan und Nostalgiker. Wir werden das Schild in der Halle aufhängen, wo auch Oldtimer stehen. Es passt gut zusammen“, findet der Detmolder Architekt. Volker Pannenbecker steht stumm und mit verschränkten Armen vor seinem Ex-Kino und schaut Joachim Lukas beim Abbau der Kinoschildes zu. Er atmet kurz durch und antwortet auf eine nicht gestellte Frage: „Unabhängig von den Kaufmotiven ist es wichtig, dass möglichst vieles, das jetzt noch im alten Kinosaal oder im Eingangsbereich steht, wegkommt. Für mich wäre es das Schlimmste, wenn wir die Sachen einfach wegwerfen müssten“, sagt Pannenbecker und verschwindet mit gesenktem Blick im Halbdunkel des Kinosaales.

Volker Pannenbecker unterzeichnet das letzte Filmplakat auf Wunsch eines Kinofans.

Doch nur Sekunden später wird sein Typ verlangt – Frank Kirchhoff aus der Nachbarschaft fragt nach einem Kinosessel, doch Pannenbecker schüttelt den Kopf „ausverkauft“. Der Nachbar bedauert die Schließung und teilt seine Kinoerinnerung mit allen Umstehenden – Kinderfilme, der erste Kinobesuch mit Freunden und Freundin. „Und jetzt habe ich gar keine Erinnerung ergattert“, sagt Kirchhoff und lässt seine Augen über die Glasvitrine wandern, in der noch das Filmplakat des Streifens „Respect“ hängt. Er tritt vorsichtig an Volker Pannenbecker ran und fragt, ob er das Plakat samt Widmung des Kinobetreibers haben könne. Pannenbecker rollt die Augen, blickt in den verregneten Himmel, stimmt schließlich zu und greift nach dem Plakat in der zur Vitrine – in der Zwischenzeit leiht sich Frank Kirchhoff von einem umstehenden Cineasten einen wasserfesten Marker und reicht es dem Ex-Kinobesitzer. Pannenbecker unterzeichnet widerwillig zum Abschied und Kinofan Frank macht sich glücklich auf den Heimweg. Er dreht sich nochmals kurz um und ruft: „Auf Wiedersehen im Kaiserhof-Kino.“
Also doch ein Happy-End? „Wenn sie auf solche Geschichten stehen, dann ja. Ab Januar wird das Team der Filmwelt das Kaiserhof- Kino am Bahnhof bespielen“, antwortet Pannenbecker und lächelt – zum ersten Mal an diesem Tag trüb-tristen Regentag.
Fotos: Erol Kamisli

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